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aus Heft 08/2015 Familie

Adams Schatz

Martin Theis  Illustration: Zeloot; Fotos: Jakob Schnetz

Der Großvater unseres Autors wurde nach dem Zweiten Weltkrieg aus Ungarn vertrieben. Er vergrub dort etwas in seinem Garten, kehrte aber nie zurück. Jetzt hat sich sein Enkel auf die Suche gemacht.


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Als Adam mir den Spaten überreicht, muss er daran denken, wie es war, als die Russen kamen. Mit Panzern fuhren sie 1944 in sein ungarisches Heimatdorf, nahmen sich, was ihnen gefiel, und ließen die Einwohner Schützengräben schaufeln. Adam mimt einen Soldaten und marschiert mit weiten Schritten von der Garage in seinen Garten in Baunatal bei Kassel. Er zählt auf Russisch, bis zum großen Kirschbaum: »Adìn!, Dwa!, Tri!«, jede Zahl ein donnerndes Kommando, »Sjem!, Wosjem!, Dewjat!«, bis zehn. Dann zeigt er vor sich auf seinen immer frisch gemähten Rasen. »Dawai! Los, du Hund, fang an zu graben!« Zehn Meter lang und so tief, dass ein Russe darin stehen kann. Dass er schießen kann. Auf Deutsche wie ihn.

Adam winkt ab: »Das kann sich heute keiner vorstellen.« Jetzt ist er nicht mehr der Russe, sondern wieder mein Großvater: einer von zwölf Millionen Deutschen, die zum Ende des Zweiten Weltkrieges in Mittel- und Osteuropa ihre Heimat verlassen mussten. Etliche flohen vor der Roten Armee. Auch nach dem Krieg wurden Deutsche vertrieben, aus dem Sudetenland oder, wie meine Großeltern, aus Ungarn. Den Familien blieben nur Erinnerungen, wieder und wieder belebt, wenn die Alten zusammensaßen und Geschichten erzählten. Mein Vater kennt sie, ich kenne sie. Und eine ließ mich nie los: die von Adams Kupferspritze, die er am Tag der Vertreibung in seinem Garten vergrub.

»Ich wüsste noch, wo ich suchen müsste«, sagt Adam. Aber er wird nie mehr nach Csibrák fahren, sein Dorf im Südwesten Ungarns. Er ist 84, er findet: zu alt zum Reisen. Für mich heißt das: jetzt oder nie. Ich werde die Reise für ihn wagen. Deine Kupferspritze, Opa, ich werde sie dir zu Füßen legen.

»Hör mal«, sagt Adam, »du willst doch nicht wirklich den Spaten mit nach Ungarn nehmen.« Er schüttelt den Kopf. »Wenn deine Oma das erfährt. Das ist ihr Spaten.« Auch wenn er vom Sitzen Schmerzen bekommt und Großmutter sich von einer Herzoperation erholt: Es vergeht kein Frühjahr, in dem sie nicht mit dem Spaten ihren Garten umgraben, Paprika, Gurken und Tomaten pflanzen. In Csibrák waren ihre Familien Selbstversorger. Bis heute zieht sich der Rhythmus von Anbau und Ernte durch ihr Leben.

Wie immer bleibt Adam im Hof stehen und schaut mir nach, als ich mit Spaten die Einfahrt hinuntergehe. Sonst reckt er seine Faust und ruft: »Alter Kämpfer!« Diesmal bleibt er still. Meinen Großeltern ist ein Rätsel, warum ich mich auf diese Suche begebe. Sie haben gelernt, die Vergangenheit ruhen zu lassen.

Ich reise auf den Gleisen, auf denen sie nach Deutschland kamen, in umgekehrter Richtung. Ihre Stationen sind meine: Kassels Hauptbahnhof, wo sie auf Gemeinden verteilt wurden. Passau, wo man sie gegen Läuse abspritzte; dann über Wien und Budapest nach Kurd, wo russische Soldaten sie nach Wertsachen durchsuchten und in Viehwaggons trieben. Von dort sind es wenige Kilometer bis Csibrák, zu dem Garten, in dem ich graben will. Adam hat mir eine Karte gezeichnet und die Stelle mit einem Viereck markiert.

Csibrák, 7. Juni 1946. Die Sonne brennt auf das Dorf, in dem nur Deutsche leben. In Kurd stehen die Viehwaggons für sie bereit. Wohin kommen wir?, fragen die Leute. Wie lange bleiben wir fort? Keine Antworten. Am Gemeindehaus nur ein Plakat mit den Namen und dem, was sie mitnehmen dürfen: pro Person achtzig Kilo Gepäck, zwanzig Kilo Nahrung. Die Frauen in ihren schwarzen Trachten haben Enten geschlachtet, gekocht und in Schmalz eingelegt.

Adam ist 16 Jahre alt und der einzige Mann in der Familie. Sein Großvater ist an Krebs gestorben. Bruder und Vater sind Kriegsgefangene in Russland. Er hievt das Gepäck von Mutter und Großmutter auf den Wagen, vor den er zwei Kühe spannt. Dann gräbt er ein Loch im Hof. Wir kommen wieder, denkt er. Er muss etwas vor den Russen retten: die Kupferspritze.

Diesen Behälter für 15 Liter Blaustein, ein Kupfersulfat-Gemisch, schnallen sich Weinbauern auf den Rücken. Durch einen Schlauch ist er mit der Spritze verbunden, mit der sie die Reben besprühen, um sie vor Schädlingen zu schützen. Süß wie Honig ist der Wein. Vierhundert Liter im Jahr sichern der Familie einen Grundverdienst. Kehrten sie zurück, wäre sie unentbehrlich.

Im Zug Richtung Passau sitzt mir das Ehepaar Felis gegenüber. Beide sind um die sechzig und befragen mich zu meiner Mission: Wissen sie, dass du kommst? Hast du ein Geschenk? Nein, sage ich, sie erwarten mich nicht. Aber Familienfotos habe ich im Rucksack und eine Flasche Büffelgraswodka. »Die ist nur was für den Mann«, sagt Frau Felis, »du solltest noch ein Paar Strumpfhosen kaufen. Oder Pralinen.«

Herr Felis erzählt, dass seine Eltern aus Schlesien stammen und ebenfalls vertrieben wurden. Eine Frau am Nebenplatz schaltet sich ein: Ihre Familie sei aus Pommern. Irgendwann haben wir alle eine Kaffeetasse vor uns stehen, reichen sommerweiche Schokolade herum und beschwören die Geschichten unserer Ahnen herauf.

Meine Vorfahren waren arme Leute. Sie verließen Deutschland im 18. Jahrhundert, in der Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Auf Einwegbooten fuhren sie auf der Donau stromabwärts. Deutsche bekamen von den Habsburgern Land, sie sollten die Steppen im Süden urbar machen. Unbarmherzige Sommer, im Winter meterhoher Schnee. Sie gruben die Erde ihrer neuen Heimat um; einen Spaten tief, wo sie Getreide und Gemüse pflanzten; zwei Spaten tief, wo sie Weinreben setzten. Sie besaßen kein Pferd, keinen Pflug. Nach und nach rangen sie der Wüste Gärten, Äcker und Weinberge ab. »Die schönsten Märchen entstehen in der Wüste«, sagt Herr Felis, »denn dort ist Platz für die Fantasie.«

Das Märchen der »Donauschwaben« endet 1943 mit dem Einmarsch der Nazis. Aus Adams Dorf verschleppen sie die jüdischen Familien. Dann kommandieren sie die jungen Männer zum Kriegsdienst. Auf einen der Waggons, mit denen sie abtransportiert werden, hat ein Nazi-Soldat geschrieben: »Den Deutschen ihre Waffen sind die un-garischen Affen.« 1944 erobern die Russen Ungarn. Alle Donauschwaben mittleren Alters werden nach Sibirien verfrachtet, zur Zwangsarbeit in Kohlegruben. Adam ist ein Jahr zu jung. Er verlässt Csibrák mit den Übriggebliebenen; an jenem Tag im Juni, in Richtung Kurd, wo die Waggons warten.

In Passau kreuzt meine Route die Donau, jenen Fluss, auf dem die Schwaben nach Ungarn ausgewandert waren. Bald wechseln die Durchsagen im Zug ins Österreichische, in Wien belegen Interrailer das Abteil. Ein paar Stunden später, in Budapest, steige ich in den Regionalzug nach Kurd. Draußen ziehen die Fassaden der Stadt vorbei, vollgesogen mit dem Dreck eines vergangenen Zeitalters. Dann Äcker, auf denen Heuballen liegen wie große Bauklötze; einzelne, unverputzte Häuser.

Adam sagte, ich sei verrückt, dass ich diese Reise unternehme. Mir war aber, als sei ihm Wasser in die Augen gestiegen. Meine Großmutter Maria schimpfte auf die Idee: »Die Leute werden dich davonjagen, dass du Schuhe und Strümpfe verlierst!« Es wird sicher nicht leicht, die Spritze zu finden. Einen Meter tief hat Adam sie vergraben. Dafür brauchst du einen professionellen Schatzsucher. Mühsam habe ich vor der Reise einen gesucht und gefunden: Lajos. Er wartet dort nun auf mein Zeichen.

Das Bahnhofshäuschen von Kurd ist eingerahmt von einem rostigen Zaun. Der Bahnwärter tritt auf den Bahnsteig. Außer mir ist niemand ausgestiegen. »Es ist verboten, an den Gleisen entlangzulaufen!«, ruft er, wendet sich ab und geht auf sein Häuschen zu. Dann dreht er sich noch einmal um: »Fremde haben hier nichts zu suchen.« Die Tür fällt ins Schloss.
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Martin Theis blieb nach der Schatzsuche noch länger - und bekam in der Kneipe den Satz zu hören: »Wir erwarten dich jetzt jedes Jahr in Csibrák. Nein, jeden Abend!«

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