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aus Heft 16/2015 Reise

Hochzeitsmeute

von Lorenz Wagner  Fotos: András Hajdú

Junggesellenabschied heißt heute: Entfesselte Horden fahren zur Party nach Osteuropa. Zwei junge, brave Dänen verdienen damit viel Geld - und erobern jetzt Deutschland.

Der Impuls, eigene Haut zu zeigen, scheint bei Junggesellenabschieden noch stärker als der Wunsch, fremde Haut zu sehen - hier in Budapest.
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Da saß sie nun vor ihm, das erste Date, und sie gefiel ihm, hübsch war sie, und so klug, was sie alles über Frauenrechte wusste! Und sie hatte Pläne, studierte Soziologie, ja, sie dachte nicht nur an sich, sie wollte im Leben für andere Menschen da sein, auch im Beruf, nicht nur reden, was tun, raus in die Welt, nach Afrika, Hilfsprojekte oder so. Ach, eine wunderbare Frau. Dass ers jetzt nur nicht vermasselt.

Sie schien ihn ja auch zu mögen, hörte ihm aufmerksam zu, er kann gut erzählen mit seiner tiefen Stimme, und sie sah ihn lange an, Mads Thorsdal, 27, weiches Gesicht, grüne Augen, große Brille. Das Gestell passt zu ihm. Durch und durch Geek. Als Kind bastelte Mads Rechner aus Papier, und früh hatte er gelernt zu programmieren, er baute Webseiten. Ballerspiele haben ihn nie interessiert.

Und nun? Hatte er ein Start-up gegründet? Ja. Mit Rasmus, seinem besten Freund, dem Primus seiner Schule. Aha, spannend. Was für eine Firma? Nun, Reise-Business. Oh!, sie reiste für ihr Leben gern, so etwas könnte sie sich für ihre Zukunft auch vorstellen. War es also so was wie Booking.com? Nein, nicht ganz, kein Buchungsportal, mehr eine Reiseagentur, mit Beratung. Und ja, sie sind recht erfolgreich. Mads wurde ein wenig flau. Den Namen der Firma verriet er besser mal nicht. Auch sonst keine Details. Irgendwie kam er da raus. Sie mussten los. Schön war’s. Ja, schön. Bis bald! Ja, bis ganz bald.

Was aber, fragte sich Mads danach, wenn sie ihn nun googelt? Seine Seite findet?
PISSUP REISEN
Pistolen, Pils und Puppen. Europas Reiseagentur für Junggesellenabschiede.

Eigentlich, sagt Rasmus, ebenfalls Däne und Pissups zweiter Chef, wollte er Astrophysiker werden. In Physik, Astronomie und Philosophie hatte er sich eingeschrieben. Er verehrt Niels Bohr, Stephen Hawking, Albert Einstein. »Ich finde den Gedanken faszinierend, allein mit dem Verstand Galaxien zu durchdringen, die Welt zu verstehen. Das ist für mich das Höchste.«

Rasmus, ein 27-jähriger Mann mit blondem Bart, redet so schnell, dass der Mund den Gedanken kaum hinterherkommt. Geht es mal wieder allzu flink, macht er lustige Geräusche, ein Stoßen der Zunge gegen die Lippe, ein trockenes Spucken, je lustiger das Geräusch, desto klüger, was darauf folgt. Meistens spricht er über Trends und Märkte. Astronomie und Physik sind zur Nebensache verkommen, er widmet sich ernsteren Dingen: dem Junggesellenabschied. Geldverdienen.

Er ist – zum Entsetzen seiner Mutter – da irgendwie reingeraten, erzählt er. Noch auf der Schule hatten Mads und er die Abschlussfahrt geplant, nach Prag. Es machte ihnen Spaß, und so organisierten sie auch Fahrten für andere Klassen. Es brachte ein wenig Geld, mehr als zu kellnern oder Post auszutragen, und gern fuhren sie auch noch mit.

Auf einer solchen Reise, im Herbst 2006, lernten sie an einer Bar einen Briten kennen. Der erzählte von seiner Firma Pissup (»Saufgelage«). Es gab da diesen Trend, seit der Jahrtausendwende: Zur »Stag Party«, dem Jungesellenabschied, stiegen die Engländer in Billigflieger und flogen nach Budapest, Warschau, Prag. Ein Tourismus, für den es keine Anbieter gab. Der Brite war einer der Ersten im Markt, er hatte 2001 losgelegt. Der Wahlspruch: »You do the drinking, we do the thinking.«

Pissup bot Wochenenden in Osteuropa an, pauschal, bis auf den Flug: Transfer, Hotel, Sightseeing (Bars), Kultur (Striptease) und Sport (etwa Panzerfahren). Alleinstellungsmerkmal: Fremdenführer, die Gäste von Bar zu Bar bringen und bei kleineren Sorgen wie Alkoholvergiftung, Hotelverweis oder Verhaftung zu Hilfe eilen. Fabelhaftes Wachstum, sagte der Brite, mehr als 10 000 Kunden im Jahr, er könne also Hilfe brauchen. Mads und Rasmus seien doch junge kluge Leute und eh schon im Reisegeschäft. Ob sie nicht einsteigen wollten? Pissup in Skandinavien aufbauen?

Sie wollten. Was für eine Chance, dachten sie: In wenigen Jahren war ein Markt von Hunderten Millionen Euro entstanden. Und sie mussten kaum starke Wettbewerber fürchten: Die großen, traditionellen Konzerne trauen sich nicht in dieses peinliche Geschäft.

Es war eine Topmanagerin von Ford, die ihm riet, in diesen Zweig einzusteigen, sagt Max Bowen. Der Engländer gab seinen Job als Finanzberater auf und ging zu Pissup, 2004 war das, lange vor Mads und Rasmus. Max hat den Laden mit aufgebaut, die Goldgräberjahre erlebt, hat gesehen, wie das Geschäft sich wandelte, wie vor einem Jahr der Gründer ausstieg und Mads und Rasmus die gesamte Firma übernahmen. Max hat ein raues Lachen, kann eine Kuh totreden, ist also der beste Verkäufer und mit 46 Jahren die gute Seele, der Papa des Unternehmens. Er lebt in Budapest, dieser für Pissup wichtigen Stadt. Ab und an schließt Max sich den Kunden an, und gern erzählt er davon: Wie ihm am Flughafen 16 Elvis-Doubles entgegenkamen, mit Perücken, Ray-Ban-Brillen und Glitzeranzügen. Wie ein Gast sich des Nachts verlief, in ein fremdes Luxushotel schlich, dabei nicht auffiel, weil er einen Smoking trug, morgens unter dem Tischtuch des Buffets erwachte und vor aller Augen rauskroch. Har, har. Weniger lustig war, als ein Rugbyteam in der Kneipe den großen Einfall hatte, durch eine geschlossene Tür zu laufen; es endete mit doppeltem Bruch: der Tür und einer Schulter. Und bei der einen oder anderen Geschichte wird Max richtig ernst. Ein Kunde starb in der Sauna. »Wir sagten den Freunden des Toten: Wir bringen euch zurück, kostenfrei. Doch die sagten: Wieso? Wir bleiben.« Dann gab es noch diesen Tag, an dem ein Gast vom Auto angefahren wurde. »Richtig angefahren, nicht nur gestreift. Er flog meterweit. Danach standen alle da, warteten auf den Notarzt. Da sagte einer aus der Gruppe: ›Wo gehts zu unserem Stripclub? Wir können ja dort warten.‹«

Max macht eine Pause. »Ja, die meinen das ernst mit der Party. Wirklich ernst.« Genau das macht das Geschäft so leicht. »Wir verkaufen etwas, was die Leute wollen. Du schwatzt ihnen keinen Investmentfonds auf. Du fragst: Wie viel Geld habt ihr? Und dann zeigst du ihnen, was du draus machen kannst.«
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Lorenz Wagner

Lorenz Wagnerhat den Pissup-Guide Denes recht glücklich gemacht: Endlich einer, der sich für die schöne Stadt Budapest interessiert! Alle anderen, die ihn dort aufsuchen, wollen sich nur betrinken, klagte Denes.

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