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aus Heft 23/2015 Gesellschaft/Leben

Volles Rohr

Von Roland Schulz  Foto: Markus Burke

Tonnenschwere Klumpen, überhitzte Pumpen: Die Kanalisationen haben weltweit gegen einen Eindringling zu kämpfen, der lange ganz harmlos schien - das feuchte Klopapier.

Obwohl es feucht ist, bleibt dieses Tuch stabil und reißfest. Allerdings auch nachdem es in die Toilette gespült wurde.
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Der erste Alarm riss ihn an einem Samstag aus dem Feierabend, Alarmcode S0354, kurz vor der Tagesschau. Also auf, Schutzkleidung, Stiefel, Gaswarngerät, und los. Matthias Höne trat in die Schwüle des Abends, Sommer 2012. Alarmcode S0354.

Das war Werk 6. Einer der Abertausend Sonderbauten im Land, die der Laie leicht für einen Bunker hält: in den Boden versenkter Beton, der steile Stufen umfasst, tief unten eine stählerne Tür. Höne schloss auf und prüfte sein Gaswarngerät. Schien sauber, der Schacht. Er stieg in die Tiefe.

Höne sagt, er habe damals einen Defekt erwartet, der allein seine Anlage betraf: KA Cappeln, im Hinterland Cloppenburgs, wo Felder erst hinter dem Horizont enden. Einer Sache auf die Spur zu kommen, die auch auf Hawaii Alarm auslöste, in Alaska, Kalifornien, Australien, das habe er nicht erwartet, sagt Höne.

Höne, 51, arbeitet beim Abwasser, KA steht für Kläranlage. Ja, der Scheißjob, diesen Scherz hört er schon seit zwanzig Jahren, zusammen mit dem hier: Höne, hör mal, lebt deine Kläranlage noch? Hab dir heute nämlich was geschickt, Rohrpost, höhö.

Höne lacht dann höflich mit, obwohl es ihn wurmt. Er empfindet seine Arbeit nicht als schlimm. Sie ist hart, das schon. Sie ist dreckig, das auch. Auf seiner Anlage schwemmt das Abwasser die Ausscheidungen von knapp 8000 Menschen an. Mehr wollen die meisten nicht wissen. Ist ihm recht, weil es ihm eine Freiheit verschafft, die er liebt: Auf seiner Anlage ist Höne der Herr. Er sagt, er arbeite wie auf eigener Scholle.

Damals, im Juli 2012, glaubte Höne seine Scholle in Gefahr. Am Grund des Schachts sah er zwei mannshohe Pumpen auf ihren Sockeln sitzen. Er war tiefer im Erdreich, als die Häuser ringsum in die Höhe ragen. Ein künstlicher Tiefpunkt. Ist ein Trick der Ingenieure. Da Wasser abwärts fließt, legen sie in flachem Land unterirdische Sammelstellen an, zu denen Abwasser von allein strömt. Erst dort ist die Energie von Pumpen nötig, um es zum Klärwerk zu schaffen. Doch die Pumpen standen still.

Höne legte seine Hand an die zweite Pumpe. Ihr Gehäuse war warm. Höne fragte sich, was eine Pumpe heißlaufen ließ, die auf Schwarzwasser ausgelegt war. So nennen sie, was wir ins Klo spülen. Er schraubte die Wartungsklappe auf, ein Schwall ergoss sich zu Boden, ein zweiter, dann war die Pumpe leer gelaufen. Er griff ins Innere und bekam etwas zu fassen. Er zog. Er zog fester. Er zog und zog; es war, als holte er einen Anker ein, am Ende hielt er ein Wirrwarr in der Hand wie das Gewölle eines gewaltigen Raubvogels. Es war Samstagabend. Höne schmiss das Trumm in eine Tonne, ohne genauer hinzusehen, Verstopfungen kamen ja vor. Er warf die Pumpen wieder an und ging nach Hause.

Am Sonntagmittag – Alarm. Alarmcode S0353. Wieder Werk 6. Allerdings hatte diesmal die erste Pumpe Alarm ausgelöst. Höne zog einen Zopf hervor, stark wie eine Stahltrosse.

Jetzt wollte er es wissen. Er zupfte den Zopf entzwei, bis er sah, was seine stärksten Pumpen stoppte. Er kannte es. Gab’s auf dem Klo, bei Bekannten. Feuchte Toilettentücher.

Wer in der Drogerie die Auswahl an feuchten Hygienetüchern sieht – mit Aloe vera getränkt, mit Kamille, Mandelmilch oder dem Duft von Waldbeeren –, ahnt nicht, wie jung dieses Produkt ist: Trockenes Klopapier ist seit gut 600 Jahren in Gebrauch – feuchtes erst seit vierzig Jahren. Gedacht war es als Luxusartikel. Genutzt wurde es zur Babypflege. Gekauft wurde es anfangs kaum.

Aber dann begann ein Boom, der die Industrie bis heute begeistert. 1990 war der Markt kaum messbar. 2002 kauften allein Amerikaner für fast zwei Milliarden Dollar Feuchttücher. 2013 waren es sechs Milliarden Dollar in Nordamerika und in Deutschland hundert Millionen Euro. Und der Absatz ist seither weiter gewachsen. In den USA sechs Prozent Wachstum im Jahr. In Deutschland acht Prozent. In Großbritannien 15.

Höne sagt, er habe gestaunt damals. So viele Feuchttücher. Vielleicht Zufall. Allerdings einer, über den sich wunderbar in den Nachbarschaften erzählen ließ.

Nachbarschaften sind eine Eigenart der Klärwerker. Abwasser ist in Deutschland eine Aufgabe der Gemeinden, was Klärwerker zu einer versprengten Zunft macht: Eine Karte aller Kläranlagen sieht aus wie ein Flickenteppich – knapp 10 000 Anlagen, kleinteilig nach Kommunen organisiert. Auf Uneingeweihte wirken die Anlagen wie geheime Orte. Sie liegen abseits, am Ende aller Straßen, von Wäldchen verborgen, hinter hohen Hecken. So arbeiten die meisten Klärwerker auch – im Stillen, der Sicht entzogen, auf sich allein gestellt. Deshalb schließen sich angrenzende Anlagen zu Nachbarschaften zusammen: lose Zusammenkünfte, um Wissen zu teilen.

Höne, der sich die Arbeit mit einem Kollegen teilt, gehört der Nachbarschaft 17 Nord an. Aber ehe er von seinen Zöpfen erzählen konnte, schreckte ihn die nächste Störung auf. Werk 6, erste Pumpe. Wenige Tage später erneut, Werk 6, zweite Pumpe. Beide Male steckte ein Strick aus Tüchern in den Maschinen.

Höne sagt, Störungen kannte er vorher nicht. Er kannte nur: kaputt. Also ging er davon aus, dass das Problem am Gerät lag, auch wenn es ihm seltsam vorkam: Werk 6 ist dasselbe Baujahr wie er, 1964. Der erste Satz Pumpen lief problemlos bis 2005. Dann bauten sie neue ein. Und die sollten nach nur sieben Jahren kaputt sein? Am Ende des Sommers aber traten die Alarme aus Werk 6 wie im Takt auf, Woche für Woche.

Höne und sein Kollege setzten einen Seilzug an, hievten die Pumpen, jede zwei Zentner schwer, in die Höhe und zerlegten sie. Als Grund ihrer Überstunden gaben sie an: Verdacht auf Laufrad-Verschleiß. Aber das Laufrad lief. Wie eine Eins.

Höne sagt, da habe er dann nicht mehr an Zufall gedacht.
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Roland Schulz

Roland Schulz dachte vor seiner Recherche, alte Suppenreste gehörten ins Klo gespült. Oh nein, riefen Klärwerker: Suppe, wie andere Speisereste auch, lockt Ratten an.