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aus Heft 25/2015 Tiere/Pflanzen

Luzius, 15, dement

Von Susanne Schneider  Fotos: Fritz Beck

Dank moderne Medizin leben Haustiere immer länger - aber viele werden mit dem Alter vergesslich. Eine Leidensgeschichte.



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Jetzt dreht er sich im Kreis. Um seine eigene Achse. Das ist nicht lustig, nicht wie bei einem jungen Hund, der seinen Schwanz zu fangen versucht. Mein Hund ist alt, bald 16 Jahre. Er dreht sich langsam, dreimal, viermal, schließlich bleibt er stehen, mit dem Kopf zur Wand. Er steht da und weiß nicht weiter und steht da halt. Oft fängt er dann an zu jaulen, so herzzerreißend, als träte man einem Welpen in den Bauch. Gehe ich zu ihm, um ihn vorsichtig am Halsband zu seinem Korb zu führen, zuckt er zusammen. Er hört mich nicht mehr kommen. Er ist fast taub, er ist fast blind, und er ist dement.

Wir gehen nicht mehr spazieren, wir stehen spazieren, schwach und langsam ist er geworden, Schnüffeln ist das Einzige, was ihm noch ein bisschen Spaß macht. Die Sonne mochte er nie, aber wenn es jetzt heiß wird, geht er kaum noch 50 Meter. Und auch die nur, wenn man ihn an der Leine hinter sich her zerrt. Ach, die Leute. Die rufen dann im Vorbeifahren vom Fahrrad herunter: »Ja, sehen Sie denn nicht, dass Sie den Hund quälen!« Was, bitte, soll ich denn machen? Ihn ins Wohnzimmer pinkeln lassen? Den Leuten hinterherrennen, um ihnen seine Lebensgeschichte zu erzählen?

Ließe ich ihn von der Leine, würde er sich heute zwischen den abgestellten Rädern in unserem Hof verheddern oder mit dem Kopf gegen ein parkendes Auto stoßen – er kann sich nicht mehr orientieren. Am Aufzug läuft er statt zur offenen Tür gegen sein Spiegelbild; wenn er glaubt, er sei allein, jault er. Geht man zu ihm und streichelt ihn, beruhigt er sich, geht man weg von ihm, jault er nach zwei Minuten wieder. Manchmal steht er lange vor seinem Korb und hat vergessen, dass er nur die Pfoten heben müsste, um hineinzukommen. Ich begegne abends oft einem Mann, dessen dicker, schwarzer Hund sich bellend auf meinen schmeißt. Während ich versuche, meinen mit der Leine wegzuziehen, rufe ich dem Mann zu: »Meiner hält das nicht mehr aus, der ist alt!« Und der Mann weist mich zurecht: »Nehmen Sie ihn halt von der Leine, die Hunde regeln das schon allein.« So siebengescheit habe ich bis vor ein paar Jahren auch andere Hundebesitzer angeblafft, wenn meiner frei lief und andere an der Leine vor Angst fiepten.

Er war ja mal ein junger Hund, lustig und lebendig. Und rasen konnte er, so schnell, dass er jeden anderen Hund abhängte. Stöcke ließ er nicht mehr los, er biss sich so fest an einem Ende, dass er, wenn man das andere Ende des Stocks in die Hand nahm und sich drehte, er sich mitdrehte, ohne Bodenhaftung, denn den Stock, nein, den gab er nicht her. Und fremde Leute riefen: »Gott, wie süß ist der denn!« Viel von einem Yorkshire-Terrier steckt in ihm, äußerlich und vom Charakter, das Sich-Festbeißen zum Beispiel, doch was genau er ist, war nicht zu erfahren, er ist ein Mischling, Vater: unbekannt.

Luzius, so hatten ihn die Leute genannt, von denen wir ihn haben, kam mit neun Wochen zu uns. Unser Sohn, damals acht, hatte sich einen wie ihn von Herzen gewünscht. Und wir Eltern spielten mit unserem Sohn jenes Spiel, das alle Eltern spielen und so tun, als stünde das Ergebnis nicht schon am Anfang fest – wir stellten mit Timbre in der Stimme die Regeln auf: Kümmern müsse er sich um den Hund, der sei schließlich ein Lebewesen, mit ihm spielen, spazieren gehen, den ganzen Sermon eben. Sicher, unser Sohn hat mit ihm gespielt, ihn geliebt und ist auch mit ihm spazieren gegangen – wenn er Zeit hatte. Vor ein paar Jahren zog er aus. Der Hund blieb bei uns.

Ein dementer Hund ist anstrengender als ein kleines Kind. Man kann ihn nicht mehr abgeben, er ist niemandem zuzumuten. Wenn mein Mann und ich tagsüber telefonieren, reden wir jetzt meistens über den Hund: Wer ihn wann übernimmt, wer von uns abends weggehen kann, wer zu Hause bleibt. Kino gönnen wir uns manchmal noch gemeinsam, wenn der Film keine Überlänge hat. 90 Minuten trauen wir uns noch, ihn im Auto warten zu lassen. Urlaub? Gern. In einer netten Pension in der Nähe, die auch Hunde aufnimmt.

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Susanne Schneider

hat von der Möglichkeit erfahren, sich dereinst zusammen mit seinem Haustier bestatten zu lassen. Bei aller Liebe: Das ginge ihr dann doch zu weit.

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