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aus Heft 25/2015 Geschichte

»Hitler zu widersprechen, ist eine gewaltige Freude«

Interview: Till Krause und Meike Mai  Fotos: Julian Baumann

Zum Jahreswechsel erlischt das Urheberrecht von Adolf Hitlers Hetzschrift »Mein Kampf« – das Buch könnte dann auch in Deutschland verkauft werden. Der Münchner Historiker Christian Hartmann arbeitet seit Jahren an einer kommentierten Neuausgabe.


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SZ-Magazin: Wir glauben, dass man für Ihren Job einen guten Magen braucht.

Christian Hartmann: Darf ich fragen, warum?

Sie haben die vergangenen drei Jahre damit verbracht, Hitlers Mein Kampf zu studieren. Darin werden Menschen als »Maden« und »Geschwüre« bezeichnet.

Ich kann das ganz gut wegstecken. Ich komme aus einer Arztfamilie und gehe an die Arbeit wie ein Pathologe: Wo andere sich gruseln, gehe ich den Dingen erst recht auf den Grund. Und ich habe mich als Wissenschaftler jahrelang mit deutschen Kriegsverbrechen befasst und tief in die Massengräber des zwanzigsten Jahrhunderts geblickt. Trotzdem hat mich der Text oft angewidert.

Was genau hat Sie angewidert?
Die Sprache, die Gewalt, die Primitivität. Und ich habe mich zutiefst geschämt, dass wir Deutschen auf so etwas Dürftiges reingefallen sind. Das Buch wurde 1925/27 in zwei Bänden veröffentlicht, da war Hitler ein Mittdreißiger vom Rande der Gesellschaft, der wegen eines gescheiterten Putschversuchs im Gefängnis saß, der dennoch immer alles besser wusste und den Anspruch hatte, die Welt zu erklären. Das Buch ist in jeder Hinsicht misslungen. Voller Fehler, schlecht geschrieben, unterirdisch lektoriert. Aber man muss es ernst nehmen.

Warum?
Weil es eine der wichtigsten Quellen ist, wenn es darum geht, Hitler und seine Weltsicht zu verstehen. Außerdem wird Mein Kampf bald wieder ein öffentliches Thema sein, wenn das Urheberrecht ausläuft.

Nach Hitlers Tod fiel das Urheberrecht an Mein Kampf an die bayerische Staatsregierung, weil Hitler in Bayern seinen letzten Wohnsitz hatte. Zum 1. 1. 2016, siebzig Jahre nach Hitlers Todesjahr, endet das Copyright. Dann kann theoretisch jeder das Buch nachdrucken und verkaufen.
Mein Kampf ist ein Tabu, eines der letzten unserer Zeit. Aber es gibt immer Geschäftemacher, die noch aus dem letzten Schund Profit schlagen wollen.

Die Justizminister der Länder wollen trotzdem verhindern, dass Mein Kampf nachgedruckt werden darf. Statt auf das Urheberrecht berufen sie sich auf den Straftatbestand der Volksverhetzung.
Ich bin Historiker und kein Jurist, darum kann ich nicht beurteilen, wie weit das trägt. Allerdings geht es dabei sowieso nur um unkommentierte Nach-drucke, in denen sich niemand von Hitlers Worten distanziert. Für unsere Edition, die sich kritisch mit Hitlers Text auseinandersetzt, gilt das nicht, wir arbeiten unter Artikel fünf des Grundgesetzes, der Freiheit der Wissenschaft. Unsere Edition wird jedenfalls erscheinen.

Die bayerische Regierung hat ja Ihr Projekt erst öffentlich unterstützt – und dann im Dezember 2013 erklärt: Mein Kampf soll auch nach dem Ablauf des Urheberrechts im Giftschrank bleiben. Trotz aller Freiheit der Wissenschaft: War Ihre Arbeit jemals in Gefahr?

Mulmig war mir schon. Noch im Sommer 2012 hatte sich die bayerische Staatsregierung mit einer halben Million Euro an unserem Editionsprojekt beteiligt, 2013 hat sich der bayerische Landtag einstimmig für unsere kritische Neuauflage stark gemacht – und ein paar Monate später dann das. Aber es war schnell klar: Wir machen weiter, auch ohne politische Unterstützung der Staatsregierung, in unserer eigenen Verantwortung als unabhängiges Forschungsinstitut.

Hat Seehofer Sie angerufen und gesagt: Herr Hartmann, das Mein Kampf-Projekt finden wir jetzt nicht mehr gut?
Ich habe mehr oder weniger aus der Presse davon erfahren, einen Tag vor meiner Reise ins Holocaust-Gedenkzentrum Yad Vashem. So ein Nackenschlag ist nicht gerade toll, insbesondere wenn man auf dem Weg nach Israel ist. Ich fand es dann sehr erleichternd, dass viele Historiker-Kollegen in Jerusalem dem Projekt sehr aufgeschlossen gegenüberstehen.

Verstehen Sie die Kritik, wenn Menschen sagen: Mein Kampf soll einfach für immer verschwinden?
Das Buch ist nun mal in der Welt. Im Antiquariat kann man es völlig legal kaufen, im Internet kann es jeder umsonst lesen, im Ausland erscheint es seit Jahren, auch auf Deutsch. Wenn man sich billige Nachdrucke aus Indien anschaut, ist es gut, wenn pünktlich zum Auslaufen des Urheberrechts in Deutschland eine Ausgabe von Mein Kampf erscheint, die Hitlers Polemik gründlich auseinandernimmt. Das ist ja eine nationale Aufgabe, wenn man so will. Darum haben wir uns auch so eine Mühe gemacht, dass unsere kritische Edition rechtzeitig fertig wird. Pünktlich nach Ablauf des Urheberrechts wird unser Buch verkauft: Hitlers Originaltext mit unseren Anmerkungen. Wir haben mehr als 3500 Fußnoten geschrieben und Hitler in Hunderten Details widersprochen. Sein Buch steckt voller Unwahrheiten.

Wie widerlegt man Hitler?
Durch Wissen. Sein Werk appelliert ja vor allem an die Emotionen, an Angst, an Hass. Wir setzen ihm Tausende gut recherchierte Fakten entgegen.

Zum Beispiel?
Hitler inszeniert sich als Wohltäter und schreibt: Das Deutsche Reich kümmert sich nicht um die Veteranen des Ersten Weltkrieges. Wir haben die Akten studiert und können sagen: Die Sozialfürsorge war damals vorbildlich. Aber später wurden in Hitlers Staat mehr als 5000 traumatisierte Kriegsveteranen vergast. Statt sich um sie zu kümmern, hat er sie also umgebracht. Das stellen wir klar.

Wie fühlt man sich, wenn man Hitler so eindeutig widersprechen kann?
Es ist eine gewaltige Freude, ja Rache. Ich habe manchmal das Gefühl: So, jetzt habe ich ihn im Fadenkreuz.

Wie viele dieser Fadenkreuz-Momente hatten Sie?
Viele, ganz viele. Und es war jedes Mal eine Genugtuung.

Gibt es Stellen, bei denen Sie sagen mussten: Da hat Hitler recht?
Das kommt durchaus vor, anders hätte sein Buch ja nie diese Wirkung erzielt. Das ist das klassische demagogische Konzept: Eine Mischung aus Wahrheit, Lüge und Halbwahrheiten. Wenn er etwa schreibt: Die Juden dominieren die Presse. Dann muss man einräumen: Vor 1914 waren sie im Verhältnis zu ihrem Anteil an der Gesamtbevölkerung als Medienschaffende tatsächlich überrepräsentiert.

Also schreiben Sie eine Fußnote: Stimmt?
Ja. Sonst würden wir ja die gleichen Fehler machen wie Hitler – also bestimmte Wahrheiten einfach ausblenden.

Wie entkräften Sie seine Argumente dann?
Er verknappt viel und argumentiert auf Stammtischniveau. Also stellen wir klar: Ja, es gab viele jüdische Journalisten und Verleger, aber nicht annähernd in dem Grad, den Hitler unterstellt. Außerdem waren sie politisch ganz unterschiedlich eingestellt. Es gab sogar sehr national denkende Juden. Da ist der Punkt erreicht, wo die Nazis in Argumentationsnot geraten. Wie passt das zusammen mit der Theorie der jüdischen Weltverschwörung?

Viele jüdische Intellektuelle hat Hitler aufs Schärfste beschimpft und beleidigt. Wie geht man mit persönlichen Angriffen um?
Indem man sie richtigstellt. Über den USPD-Politiker und Autor Kurt Eisner schreibt Hitler, er sei ein internationaler Jude und ein Fremdkörper in Deutschland. Und wir belegen dann: In Wirklichkeit stammen die Vorfahren Eisners nicht aus Galizien, wie Hitler behauptet, sondern aus Böhmen und Mähren, sein Vater wurde südlich von Breslau geboren, Kurt Eisner in Berlin. Dann beschreiben wir Eisners Sozialisation, sein Germanistikstudium. Und wir zitieren Annette Kolb, die Eisner sehr gut kannte und schrieb: »Seine romantische Schwäche für Bayern verriet sich sogar in einem hin und wieder freiwillig angeschlagenen Dialekt, dessen Unnatur etwas Rührendes hatte.« Eisner hat sich in München so wohl gefühlt, dass er sogar versucht hat, Bairisch zu sprechen. Entscheidend bei all dem ist: Die Juden waren ein Teil Deutschlands, auch wenn Hitler sie so gerne als Fremdkörper diffamiert hat.

Wie viel Arbeit steckt in so einer Fußnote?
Sehr viel. Gewöhnlich haben wir für eine Fußnote mehrere Bücher gelesen, teilweise waren wir in Archiven und haben die unterschiedlichsten Spezialisten konsultiert. Natürlich haben wir uns gefragt: Muss das alles sein? Sind wir nicht viel zu genau? Aber ich finde: Es geht nur so. Gerade weil es sich Hitler so einfach macht. Und wir versuchen mit jeder Fußnote, jedem Querverweis, die historischen Figuren und Zusammenhänge in ihrer Komplexität zu zeigen. Sonst kann man es machen wie die Satirezeitschrift Titanic. Die haben unser Projekt mal veräppelt, indem sie gesagt haben: Eine kritische Edition zu Hitler? Kein Problem! Und dann haben sie neben jeden Satz aus Mein Kampf eine Fußnote gemacht, in der stand dann: Quatsch.

Guter Gag eigentlich.

Ich konnte nicht darüber lachen.

Warum nicht?
Ich finde die Nazizeit einfach nicht lustig. Ich habe mir weder den Tarantino-Film Inglourious Basterds angeschaut noch Er ist wieder da gelesen. Humor ist für mich die billigste Form der Distanzierung. Gerade bei einem so hochsensiblen Thema.

Können Sie über Chaplins Hitler-Parodie lachen?

Das ist was anderes, damals war sie zeitgenössisch und mutig. Jeder, der vor 1945 Witze über die Nazis machte, hat damit ja auch ein politisches Statement abgegeben. Aber danach? Statt sich über Hitlers Pathos lustig zu machen, stelle ich mir die Frage: Wie hätten wir damals reagiert? Die Leute, die damals im Zirkus Krone Hitler zugejubelt haben, waren keine wesentlich anderen Menschen als wir.

Könnte Mein Kampf heute noch Menschen zu Gewalt anstiften?
Ich glaube nicht. Keiner, der es heute liest, wird dadurch zum Nazi. Das Buch ist in den Zwanzigerjahren erschienen, die Zeit war eine andere – viel gewalttätiger. Die Wunden des Ersten Weltkrieges waren noch sichtbar, und wenn sich Rotfrontkämpferbund und SA ihre Saalschlachten geliefert haben, gab es Verletzte und mitunter Tote. Das wäre heute undenkbar. Hitlers Argumente haben damals einen Zeitgeist getroffen.
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Till Krause und Meike Mai

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