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aus Heft 30/2015 Gesellschaft/Leben

In der Grauzone

von Thomas Schmoll und Lorenz Wagner 

Darf ein Schwarzer sein Restaurant »Zum Mohrenkopf« nennen? Darf ein Dachdecker namens Neger sein Logo mit Wulstlippen illustrieren? Und warum musste der Sarotti-Mohr weg? Eine Reise durch ein Land, das darüber streitet, wo Rassismus beginnt.



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Kiel, Innenstadt, neben einer Einkaufspassage: die Schleswig-Holsteiner Landeszentrale der Alternative für Deutschland. Zwei Männer, einer schwarz, einer weiß, sprechen miteinander über Rassismus.

Du kennst dieses Firmenlogo nicht?, wundert sich der Schwarze.

Nein, sagt der Weiße, wie sieht es aus?

Zum Rechner, die Seite baut sich auf, zu sehen gibt es einen stilisierten Schwarzen. Mit wulstigen Lippen, großen Ohrringen und etwas, das aussieht wie ein Bastrock – das Logo eines Dachdeckers in Mainz, ein weißer Deutscher mit dem Namen Thomas Neger. Dieses Bild hat in den vergangenen Wochen für viel Ärger gesorgt, selbst die Washington Post hat darüber berichtet. Erst wenige, dann viele Leute nannten es rassistisch, Thomas Neger solle es ändern.

Und der hat es nicht getan. Der Weiße in der AfD-Zentrale wiegt den Kopf. »Also ich hätte das geändert.«
Der Schwarze schaut ihn überrascht an. Sogleich beginnt der Weiße zu erzählen. »Vor hundert Jahren, 1908, war meine Großmutter in Kamerun. Sie brachte einen Jungen mit. Es war eine Sünde.«
Wie?

»Ja. Sie war verwitwet und brachte die Trophäen ihres Mannes mit nach Hause. Und den Bediensteten. Er war 16. Dieser arme Junge! Er musste auf einem Dorf in Brandenburg leben. Er wurde in Livree gesteckt. Er gehörte mit zur Familie, war aber Bediensteter und nicht Kind wie die anderen Kinder meiner Großmutter. Man hat sich versündigt an diesem Jungen. Das geht doch nicht, auf einem Dorf in Brandenburg, allein mit dieser Hautfarbe. Er sprach Deutsch, aber das reichte nicht, um sich mit der Dorfbevölkerung anzufreunden. Er war ein Fremder, er konnte nicht heiraten. Er wurde nicht viel älter als 21. Die Todesursache ist nicht bekannt. Ich sage immer: Er ist aus Heimweh gestorben.«
Schweigen.

»Also, ich finde das Logo nicht fein«, sagt er weiter. »Das bedient wirklich die alten Klischees. Wir sind jetzt reifer. Wir können nicht die Unterdrückungsgeschichte Schwarzafrikas leugnen.«

»Nein«, sagt der Schwarze. »Nein, das kann man nicht leugnen.« Er überlegt kurz. »Aber es ist falsch, sich auf das Augenscheinliche zu fokussieren. Diejenigen, die fordern, das Logo muss weg, berühren unsere Sensibilität. Sie stochern in Wunden, die bei uns Afrikanern verheilt sind. Kein Afrikaner würde dieses Firmenlogo verurteilen. Vielleicht ganz, ganz wenige. Wir haben ernsthaftere Probleme. Man spürt doch: Es war nicht die Absicht, uns Schwarze negativ darzustellen. Rassismus spielt sich auf einer anderen, konkreten Ebene ab, wo man ganz direkt diskriminiert wird, zum Beispiel am Arbeitsplatz.«

Blick auf das Logo. Er lacht. »Ich trage manchmal Bastrock. Wenn Dorffest ist zu Hause. Warum nicht? Das ist schön und hat eine kulturelle Bedeutung. «
»So wie Trachten in Bayern?«
»Richtig.« »Also, darauf wäre ich nie gekommen.
Ich glaube, dass wir Afrika viel zu wenig kennen.«

Die beiden kommen ins Plaudern, über Gamsbärte und Kreolen, und dann geht es ins Restaurant »Zum Mohrenkopf«. Es liegt zwei Minuten zu Fuß von der Geschäftsstelle. Otto Waalkes, Katy Karrenbauer, Peter Harry Carstensen und Olli Dietrich waren hier zu Gast. Dittrich hat aber doch mal nach dem Besitzer gefragt: Was das mit dem Namen solle? Nun, er finde ihn lustig, sagte der Inhaber: Andrew Onuegbu aus Nigeria.

Verrückte Welt. Ausgerechnet in den Geschäftsräumen der AfD, verrufen wegen fremdenfeindlicher Parolen, entspinnt sich ein solches Gespräch. Und der Weiße sieht Rassismus, wo der Schwarze keinen sieht.

Natürlich spricht der Weiße, Hans-Joachim von Berkholz, Schatzmeister, nicht für alle Weißen, erst recht nicht für alle in der AfD, er spricht als Mann, in dessen Familie sich Kolonialgeschichte abspielte. Und natürlich spricht der Schwarze, Achille Demagbo, vor elf Jahren aus dem Benin gekommen, seit zwei Jahren AfD-Mitglied, nicht für alle Schwarzen – gerade in der Frage des Logos würden ihm viele widersprechen.

Aber es zeigt, wie verzwackt, verquer, widersprüchlich die Debatte ist, die in diesem Land an Kraft und Wut gewinnt. Es geht um die Fragen: Was darf man und was nicht, wenn man nicht als Rassist dastehen will? Wann steht man unter der Knute politisch Korrekter, die den Leuten Fehler einreden, die sie nicht begehen? Und wann ist man tatsächlich ein Alltagsrassist? An allen Enden der Republik wird darüber gestritten, in Hamburg, Kiel, Köln, Berlin. Sind Otfried Preußlers kleine Negerlein und Astrid Lindgrens Negerkönig wirklich verdammenswürdig? Was ist mit Blackface-Theaterstücken, mit den Logos von Kaffee- und Schokoladenfirmen? Mit all den Mohrenhotels, -statuen, -apotheken, -wappen, -straßen? Gehört das Wort »Mohr« überhaupt abgeschafft? Besonders eskaliert ist die Debatte im Fall Thomas Neger.

Nein, dazu sagt er nichts, hat Thomas Neger dem SZ-Magazin geschrieben. Er werde niemanden empfangen. Na ja, hinfahren kann man ja mal, nach Mainz, seine Heimatstadt, in die kleine Straße, An der Brunnenstube, wo der ganze Ärger begonnen hat und weiter meterhoch an der Wand hängt, an einer graubraunen, ältlichen Hauswand. Vor sechzig Jahren entwarf Negers Großvater dieses Logo. Zuvor hatte er mit Reimen geworben, doch Dachdecker-Konkurrenten klauten ihm die Idee. Ernst Neger suchte nun etwas, was keiner kopieren konnte. Und da er der einzige Neger unter den Dachdeckermeistern der Stadt war, machte er das zu seinem Markenbild.

Semantisch gesehen eine dumme Idee: Der deutsche Name Neger stammt vom Begriff Näher ab, er hat nichts mit dem ethnischen Wort Neger (von negro: schwarz) zu tun. Aber die Kunden mochten sein Logo, und Ernst Neger behielt es auch bei, als er so bekannt war, dass er keines mehr brauchte, dank seines Fasnachtshits: Humba Täterä.

Als er das Lied 1964 zum ersten Mal sang, musste die Sendung Mainz, wie es singt und lacht um eine Stunde überziehen, die Leute wollten sich einfach nicht beruhigen. Humba schwang sich zur Fasnachtshymne auf, überall war es zu hören, selbst in Afrika, wo es, wie der Spiegel schrieb, allerdings missverstanden wurde: »Deutsche Entwicklungshelfer mussten Aufklärungsarbeit besonderer Art leisten: Die Eingeborenen hielten den Song im stampfenden Rhythmus für die deutsche Nationalhymne.« Ob der Spiegel das wohl heute auch so schriebe?

Damals nahm niemand daran Anstoß, so wenig wie an Ernst Negers Logo, das jahrzehntelang über den Dächern der Stadt thronte. Es kam auch keiner auf die Idee, ins Gewerbegebiet zu fahren, nur um es mal zu sehen. Da hatte man noch seine Ruhe, es liefen nicht neugierige Fremde vor seiner Firma herum. Die Tür öffnet sich, Thomas Neger kommt heraus. Er sagt dann doch ein bisschen was, und seine Haltung wird schnell klar: Es ärgert ihn sehr, was da geschieht, seit die Leute von der Universität ihm diese Vorwürfe gemacht haben – was wollen diese Ethnologen überhaupt von ihm?

Einer dieser Ethnologen, die ihn so nerven, sitzt ein paar Minuten entfernt in seiner Wohnung, umgeben von afrikanischen Kultfiguren, ein wenig steif bewegt er sich, die Bandscheibe, er hat keine leichte Zeit hinter sich, und immer noch wundert er sich, wie er in das alles reingeraten ist. Am Anfang war er ja noch nicht Negers Gegenspieler, im Gegenteil, er schüttelte selbst den Kopf, als die Rundmail eines Kollegen kam, der mit einer Afrikanerin verheiratet ist und dem dieses Logo aufgefallen war: Dagegen müsse man was tun, gerade die Universität, wo man stolz sei auf die Studenten aus dem Ausland. »Viele von ihnen, ebenso wie zahlreiche Mainzer Bürger, aber auch Besucher afrikanischer Herkunft können sich zu Recht verletzt fühlen.«

Matthias Krings las es ein zweites Mal: Dachdecker? Neger? Logo? Und er dachte: Haben die nichts Besseres zu tun? Das schrieb er dem Kollegen auch. Krings kennt sich schon auch ein wenig aus, eines seiner Fachgebiete sind Bilder, die sich Afrikaner von Europäern schaffen, und da war es doch ähnlich, es blieb im Karikaturhaften. Und sollten gerade sie als Ethnologen nicht etwas leiser sein? Sie hatten sich auch als Rassisten erwiesen, als Deutschland sich einst als Kolonialmacht versündigte: »Die Kritiker der Elche waren früher selber welche«, sagte Krings.

Den Kollegen stoppte das nicht. Er veröffentlichte in der Zeitung einen Brief. Wenn er meint, dachte Krings – bis er im Internet die Kommentare unter dem Brief las. Es waren rassistische Sprüche mit drei Hauptargumenten:
— Man wird ja wohl noch sagen dürfen.
— Die sollen dahin zurück, wo sie herkommen.
— Habt ihr nichts Besseres zu tun?

Oha, wie er. »Meine erste Reaktion war also so ähnlich wie die Reaktionen im mittleren Dumpfheitsbereich dieser Leute.«

Als Krings dann die Menge der Kommentare sah, begann er zu verstehen, dass mehr hinter dem Logo steckt. Dass es sich nicht um eine Nichtigkeit handelt oder um eine Lokalposse. Er schämte sich ein wenig. Und befasste sich mit den Kritikern. Was sagen die denn?
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Thomas Schmoll und Lorenz Wagner

hatten schon oft das Lied Aber bitte mit Sahne von Udo Jürgens gehört. Aber erst jetzt fiel ihnen auf, was Mathilde, Ottilie, Marie und Liliane neben Buttercremetorte und Bienenstich da essen: »Sie pusten und prusten, fast geht nichts mehr rein. Nur ein Mohrenkopf höchstens, denn Ordnung muss sein.«