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aus Heft 32/2015 Kino/Film/Theater

Der Unverstandene

Von Gabriela Herpell   Fotos: Ramon Haindl

Am 14. August wurde Wim Wenders 70. Ein Jahr der Ehrungen und Würdigungen liegt nun fast hinter ihm. Doch das, was er sich wirklich wünscht, ist ihm seit Langem nicht mehr gelungen: einen Spielfilm zu drehen, den die Menschen brauchen.



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Weiße Ostern sind das Thema des Tages in der Hotellobby von »Schloss Elmau«. Wim Wenders steht neben seiner Frau Donata, kneift die Augen zusammen, schaut hinaus ins Schneetreiben, dreht sich um und sagt: »Na ja, Kinowetter.« Sein neuester Film startet heute, 2. April, Gründonnerstag, in den deutschen Kinos: Every Thing Will Be Fine, James Franco und Charlotte Gainsbourg spielen die Hauptrollen.

Doch wegen dieses Films ist Wenders nicht hier. Auf »Schloss Elmau« wird am Abend seine Dokumentation Das Salz der Erde über das Leben des preisgekrönten Fotografen Sebastião Salgado aufgeführt, mit anschließendem Publikumsgespräch. Und das ist irgendwie symptomatisch für sein Dilemma: Spielfilme sind für Wenders die Königsklasse. Doch seit Jahren hat er damit nicht den gewünschten Erfolg. Umso besser kommen seine Dokumentarfilme an. Das Salz der Erde war im Februar für den Oscar nominiert. Er könnte stolz sein. Doch an diesem Abend in Elmau (und weit darüber hinaus, wie man später feststellen wird) beschäftigt Wenders vor allem, wie viele Leute für Every Thing Will Be Fine ins Kino gehen werden.

Noch während des Vorspanns von Das Salz der Erde schleicht sich Wenders aus dem Kinosaal zum Abendessen. Der Tisch im »Fidelio«-Restaurant ist für sechs Personen gedeckt: Wenders, seine Frau, seine Agentin, die Gastgeber. Der Kellner erklärt, was es gibt. Fragend blickt Wenders seine Frau an, die sagt, nicht die Nudeln vorweg, ist zu schwer, ich würde die Suppe nehmen. Das tut er dann auch.

Wie schnell entscheidet sich eigentlich das Schicksal eines Films?
»Man weiß nach zwei Tagen, ob er läuft oder floppt«, sagt Wenders.
Ist er nervös?
 »Ich müsste lügen, wenn ich sagen würde, ich wäre ruhig. Ich bin froh, hier zu sein, in Berlin säße ich jetzt am Rechner und würde die Besucherzahlen kontrollieren.«

Dann ist er still, dreht sein leeres Glas auf der Tischdecke, dreht an seinem Ehering, legt die Hände flach auf den Tisch, betrachtet sie eingehend. Er könnte Konversation machen. Er tut es nicht. Seine Frau redet für ihn. Sie lacht, fragt, nickt, versucht ihn einzubeziehen. Er wirkt abwesend und nervös. Das könnte am Filmstart von Every Thing Will Be Fine liegen, es könnte am bevorstehenden Publikumsgespräch liegen, es könnte auch einfach seine Art sein.

Um halb zehn legt Wenders seine Serviette auf den Tisch und steht auf, um in den Kinosaal zu gehen. Auf die Fragen der Zuschauer antwortet er ausführlich, scheint mit dem Publikum lieber zu reden als am Abendessenstisch. Als eine Zuschauerin von Salgados Frau Lélia schwärmt, die ihrem Mann sein jahrelanges Fortbleiben unter größten Gefahren, seine Karriere also und eine Familie dazu ermöglicht hat, sagt Wenders: »Ich möchte Sie auf eine Person aufmerksam machen, sie steht auf der anderen Seite dieses Saals. Das ist meine Lélia.« Applaus, die Leute sind gerührt. Donata Wenders wird rot.

Am nächsten Morgen Wintermärchenland. Donata Wenders verlässt das Hotel, um das Tal zu erkunden. Auf der Terrasse blinzelt sie in die Sonne, wühlt in ihrer Tasche und setzt ihre Sonnenbrille auf. Die Zahlen waren nicht so gut gestern, sagt sie. Sie meint den Kinostart von Every Thing Will Be Fine.

Dann hebt sie trotzig den Kopf und lacht. »Also machen wir weiter mit unserem Mantra.«
Welches Mantra?
»Everything will be fine natürlich«, sagt sie und stapft durch den Schnee davon.

Einen Monat später in Düsseldorf. Wenders ist mit Beat Wismer, dem Kurator, zur Hängung seiner Ausstellung Landschaften. Photographien im Museum Kunstpalast in Düsseldorf verabredet.

Wenders wurde 1945 in Düsseldorf geboren. Die Stadt ehrt ihn nun anlässlich seines 70. Geburtstages im August mit einer Retrospektive und der Ausstellung. Es könnte ein gutes Jahr sein für ihn, mit der Oscar-Nominierung für Das Salz der Erde, der Ehrung auf der Berlinale für sein Lebenswerk, der großen Retrospektive im Museum of Modern Art in New York und der Ausstellung Time Capsules. By the Side of the Road ab September in Berlin.

Doch richtig glücklich macht ihn das alles nicht. Wenn ihn gerade etwas glücklich macht, ist es seine 2012 gegründete Stiftung, die sein Gesamtwerk archiviert und seine alten Filme restauriert und digitalisiert. Die Filme, die seine Bedeutung begründeten.

Wim Wenders ist für Deutschland einmal das gewesen, was Jean-Luc Godard für Frankreich war. Ein Erneuerer. Einer, der sich was traute und den Zuschauern mit seinen Filmen etwas zumutete. Ein Autorenfilmer. In den Siebzigerjahren war es so wichtig, Wenders-Filme zu gucken, wie die Musik von Bob Dylan zu hören.

Heute kennen immer noch viele seinen Namen, sein Gesicht, seine Frisur, seine leise Stimme mit dem unverkennbaren, leicht pathetischen Timbre. Aber die meisten gehen nicht mehr in seine Filme. Die einen haben damit aufgehört, weil sie Paris, Texas so sehr mochten und Himmel über Berlin so wenig. Oder umgekehrt. Wieder andere sind jünger und haben nie verstanden, was an diesen langsamen, epischen Filmen überhaupt dran sein soll.

Sie stehen im kleinen Kreis zusammen, Beat Wismer, Wim und Donata Wenders. Wismer sagt etwas, Wenders schüttelt auf seine stille Weise entschieden den Kopf und entgegnet: »Ich gehe immer da in eine Ausstellung rein, wo die anderen rauskommen. Ich lese ja auch den Spiegel von hinten.« Dann geht er weg, die Hände hängen herunter, die Schultern fallen nach vorn, sein Gang hat etwas Watscheliges an diesem Tag, was die weite schwarze Hose seines Lieblingsdesigners Yohji Yamamoto noch unterstreicht.

Ein zäher Vormittag. Wenders läuft wie ziellos umher, von einem Raum in den anderen und wieder zurück, schaut prüfend und mit sehr gerunzelter Stirn auf die Wände, an denen teilweise schon Bilder hängen, die meisten riesig: karge, weite Landschaften, vereinzelt Menschen, verfallende Häuser, verlassene Städte. Orte, wie Wenders sie liebt und wie man sie auch aus seinen Filmen kennt. Die Wüste in Paris, Texas. Die staubige Straße aus Im Lauf der Zeit. Die Mauer in Der Himmel über Berlin. Die Kleinstadt in Don’t Come Knocking. Ein Gefühl für Orte und dafür, wie man sie mit der Kamera einfängt, sprechen ihm sogar die Leute zu, die mit seinen Filme nichts anfangen können.

Als Außenstehender hat man das Gefühl, dass nichts vorangeht an diesem Tag. Bilder werden auf- und wieder abgehängt. Köpfe zusammengesteckt. Abstände ausgemessen. Wenn man etwas von Wenders wissen möchte, guckt er in die andere Richtung. Wenn man einen Scherz versucht, läuft er davon. Wenn er herumsteht und man sich annähert, sagt er: »Das – ist – das – Haus – vom – Nikolaus« und formt dazu einen Zollstock, den er gerade in der Hand hält, zum Haus. Dann sucht er die Männer, die seine Bilder auf Rädern im Museum hin und her fahren, und singt vor sich hin: »Sag mir, wo die Männer sind, wo sind sie geblieben?« Er singt gut.

Donata Wenders, die ihren Mann stets im Blick hat, begreift, wie schwer er es einem gerade macht, und sagt: »Hühnersuppe? Ich weiß ein schönes Café in der Altstadt.« Sie läuft vor, durch strömenden Regen und peitschenden Wind, eine Zeitung über dem Kopf, lachend, übermütig. Bei Suppe und Tee mit Schlagsahne erzählt sie, dass ihr Mann früher noch viel weniger geredet hat. Wie lang es gedauert hat, bis sie sich daran gewöhnt hatte, auf manche Fragen Tage später eine Antwort zu bekommen. Aber, und das möchte sie vor allem sagen, er hört zu, auch wenn es nicht so wirkt. Er nimmt alles auf, verarbeitet es und kommt darauf zurück.

Macht er das mit allen Leuten so?
»Ja. Es wird weniger, aber es kommt vor, dass wir Besuch haben und er liest was auf dem iPhone. Da könnte ich an die Decke gehen, das verunsichert die Leute natürlich. Und ich kann ja schlecht erkären, dass er alles mitkriegt.«

Sagt jemand mal was?
 »Nein. Die Familie betrachtet es als einen Teil von ihm. Und andere Leute sagen natürlich nichts. Als ich ihn beim Drehen von In weiter Ferne, so nah! kennengelernt habe, dachte ich, diesen Menschen wird nie jemand kennen. Ihn kann man gar nicht kennen.«

Das ist 22 Jahre her. Seitdem sind die beiden ein Paar. Die Geschichte, wie sie sich kennengelernt haben, fassen sie beinahe in dieselben Worte, als würden sie als Zeugen vor Gericht aussagen: Der Dreh dauerte ein halbes Jahr, er Regisseur, sie Kamera-Assistentin. »Keiner von uns kam auf die Idee, etwas zwischen Mann und Frau könnte bei uns passieren«, sagt sie, im Café in Düsseldorf. »Am letzten Abend, bei der Wrap Party, fiel mir zum ersten Mal auf, dass er ein toller Mann ist. Und plötzlich wusste ich: Das ist ja mein Mann!«

»Wir hatten beide keine Ahnung«, sagt er zwei Wochen später in Paris darüber, wie die Liebe entstand. Es ist zehn Uhr morgens, die dritte Verabredung, Wenders ist diesmal freundlich, aufgeräumt, beinahe zugewandt. Nach einem ausgedehnten Frühstück sitzt er im Erker eines kleinen Hotels in Saint-Germain-des-Prés. Das Frühstück, erklärt er unaufgefordert, sei für ihn die wichtigste Mahlzeit des Tages. Seine Frau hat so etwas auch erzählt, am Regennachmittag in Düsseldorf: Er, der sonst nie kochen würde, bereite oft das Frühstück zu, mühevoll, liebevoll, penibel sogar. Um die Eier auf den Punkt zu kochen, würde er ausmessen, auf welcher Höhe über dem Meeresspiegel sie sich gerade befänden und wie lang ein Ei da brauche.
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Gabriela Herpell

sah den Wenders-Film »Der amerikanische Freund« mit Bruno Ganz, Lisa Kreuzer und Dennis Hopper in einem Hamburger Programmkino. Seitdem kann sie nicht mehr an der Säulenvilla auf der Elbchaussee vorbeifahren, ohne vor ihrem geistigen Auge Dennis Hopper im Garten umherirren zu sehen.