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aus Heft 44/2015 Medien

»Die besten Träume sind die, in denen ich fliege«

Interview: Malte Herwig  Fotos: Eva Baales

Günter Wallraff ist der Altmeister der riskanten Recherche. Auch dem IS wollte er sich unlängst ausliefern – als Austauschgeisel. Ein Interview über Leben und Tod.



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SZ-Magazin: Herr Wallraff, seit einem halben Jahrhundert geistern Sie in den unterschiedlichsten Masken durch die Republik, um gesellschaftliche Missstände aufzudecken. Sie verkleideten sich unter anderem als Waffenschieber, Dienstbote, Boulevardreporter, Napalm-Produzent, Alkoholiker, Mönch, Obdachloser, Türke und Afrikaner. Fragen Sie sich manchmal selbst, wer dieser Günter Wallraff wirklich ist?

Günter Wallraff: Im Gegenteil. Ich bin in diesen Rollen oft mehr ich selbst, als wenn ich in so einer Talkshow sitze. In der Öffentlichkeit wird man schnell auf eine bestimmte Rolle festgelegt.

Woher kommt bei Ihnen das Verlangen, immer wieder eine andere Identität anzunehmen?
Wenn man das so genau wüsste, würde man es sich am Ende nicht antun. Ich hatte schon sehr früh Verlustängste. Meine Mutter fiel nach meiner Geburt ins Koma und lag danach lange im Kindbettfieber. Mit fünf Jahren wurde ich aus wirtschaftlicher Not in ein christliches Waisenhaus gesteckt, weil mein Vater schwer krank in der Klinik lag und meine Mutter arbeiten musste. Die Nonnen waren fürsorglich, aber überfordert. Wir Kinder bekamen unsere eigenen Klamotten abgenommen, alles wurde zusammen gewaschen, und jeder bekam das zurück, was gerade rumlag. Das war eine Entpersönlichung. So verlieren Sie Ihre Identität. Diese frühe Traumatisierung war vielleicht Auslöser und Chance für meine spätere Arbeit.

Sie sind vor Kurzem 73 geworden. Es heißt, dass Sie Ihren Geburtstag ungern feiern. Warum?
Geboren zu werden ist doch kein Verdienst. Ich mag mich nicht gern feiern lassen. Ich versuche, die belasteten Geburtstage zu umgehen, bin ein bisschen menschenscheu. Wenn mehr als sechs oder zehn Menschen um mich herum sind, werde ich nervös. Bei einem Verlagsfest bin ich mal auf einen Baum geklettert und habe mir das Ganze von oben angeschaut. Die Frankfurter Buchmesse ist das Allergrausamste. Eine Masse von Menschen, von denen man einzelne gern noch mal wieder treffen würde. Aber kein Baum weit und breit.

Gibt es Geburtstage, an die Sie sich gern erinnern?
An meinen fünfzigsten. Den habe ich in Rostock-Lichtenhagen mit Vietnamesen gefeiert, die zuvor dem Pogrom und Brand- anschlag gerade noch entkommen waren. Ihnen habe ich das Fest gewidmet, ohne zu sagen, dass ich Geburtstag hatte. Zu meinem Sechzigsten habe ich eine Lebensversicherung, die frei wurde, für eine Mädchenschule in Afghanistan gestiftet. Ich weihte sie an meinem Geburtstag ein und übernachtete in einer nahegelegenen Krankenstation, die meine Freunde von Cap Anamur gestiftet hatten. In jener Nacht hatte ich diesen Traum des Fliegens. Ich lag auf einer Matratze mit Flöhen, hob plötzlich im Traum ab, kam aber nicht richtig hoch. Irgendwas zog mich wieder runter, ich stemmte mich dagegen – und plötzlich blickte ich in eine Fratze, etwas bläulich Schleimiges, das mich zu Boden zog. Dann verwandelte sich die Teufelsfratze, und plötzlich schaute ich in das strahlende Gesicht eines neugeborenen Kindes. Als ich aufwachte, kam die Ärztin aus dem Krankenhaus, gratulierte mir zum Geburtstag und sagte: Stell dir vor, in der Nacht hat eine 17-jährige Afghanin einen Jungen geboren.

Erinnern Sie sich oft an Ihre Träume?
Die besten Träume sind die, in denen ich die Arme ausbreite, abhebe und über Landschaften und Städte fliege. Das sind Glücksmomente. Fliegen ist für mich etwas absolut Befreiendes. Ich überwinde im Traum die Schwerkraft, lasse los, spüre eine Befreiung, die man sich kaum vorstellen kann. Dann habe ich ein paarmal erlebt, dass ich Leuten unter mir zurufe: Hier, guckt mal, ich habe die Schwerkraft überwunden! Und die tun so, als wäre das die selbstverständlichste Sache der Welt. Dann frage ich mich im Traum: Können das andere auch? Aber eins sage ich Ihnen gleich: Mit Esoterik habe ich nichts am Hut!

Sind Sie getauft?
Ich bin sogar doppelt getauft. Das erste Mal evangelisch – mein Vater war katholisch, meine Mutter Protestantin. Als ich sechs Jahre alt war, lag mein Vater wieder einmal dem Tod nahe im Krankenhaus. Weil er sich nach dem Kirchenrecht durch die Heirat mit einer Protestantin angeblich zutiefst versündigt hatte, setzten ihm die Nonnen so lange zu, bis er sich willenlos am Sterbebett noch mal katholisch trauen und mich katholisch taufen ließ. Ich bekam ein Taufkleid übergestülpt, und ein Pfaffe stammelte: »Du wirst jetzt Johannes heißen.« Ich protestierte: »Nein, ich heiße Günter!« Seitdem war ich katholisch. Till Eulenspiegel ist übrigens dreimal getauft, weil er noch mal in einen Bach fiel. Mein Vater aber wurde wieder gesund. Die Nonnen sprachen von einem Wunder.

Haben Sie es auch als Wunder empfunden?
Überhaupt nicht. Mein Vater war einer der ersten Patienten in Köln, die mit Penicillin behandelt wurden. Zehn Jahre später hatte er nicht so viel Glück. Ich war 16, und er lag wieder im Krankenhaus. An einem Rosenmontag besuchten wir ihn, aber als wir in den Saal kamen, war sein Bett nicht mehr da. Wir fanden ihn draußen auf einer Bahre unter einem Leichentuch. Dieses Krankenhaus hatte damals schon einen üblen Ruf. Ich hatte ein ungutes Gefühl, er war zu abrupt gestorben, das war ein Schock für mich.

Und der Anstoß, von nun an Missstände aufzudecken?
Vielleicht war es kein Zufall, dass meine erste Reportage am Fließband bei Ford war, wo mein Vater in der »Lackhölle« seine Gesundheit ruiniert hatte. In seiner Jugend war er ein Abenteurer gewesen und hatte als Kosmopolit die Welt bereist. Er verliebte sich in eine Spanierin und hatte in der Nähe von Madrid einen kleinen Betrieb. Sie heirateten und gingen nach Deutschland, wo die Spanierin an einer Lungenentzündung starb. Dann lernte er meine Mutter kennen, die aus einer großbürgerlichen Familie von Klavierbauern kam. Auch sie war schon einmal verheiratet gewesen, mit einem Gastwirt. Der wurde zum gewalttätigen Alkoholiker und hat im Suff auf meine Mutter geschossen, worauf sie sich von ihm scheiden ließ und später meinen Vater heiratete.

Wann haben Sie mit dem Verkleiden angefangen?
Als Kind habe ich mich als Indianer verkleidet – in einer Zeit, als Cowboys die Helden waren. Ich habe statt Karl May lieber Fritz Steuben gelesen und seine Romane über den Indianerhäuptling Tecumseh geradezu verschlungen, weil darin die Rituale der amerikanischen Ureinwohner lebendig beschrieben sind. Ich habe mal einen Vortrag auf einem Kongress in Zürich gehalten, in dem es um Feindbilder ging. Vor mir sprach der damalige Ministerpräsident von Slowenien, Lojze Peterle, ein konservativer Politiker aus der Dissidentenbewegung. Der erzählte, dass in Jugoslawien die Indianer die staatlich verordneten Helden waren und er sich immer als Cowboy verkleidet hatte. Wir haben uns sehr gut verstanden, wir waren ja beide Dissidenten verschiedener Systeme.

In der DDR galten Sie lange als Kronzeuge für den »Schweinekapitalismus« im Westen. War es Ihnen unangenehm, so vereinnahmt zu werden?
Die DDR-Staatspropaganda hat das sicher versucht. Aber dort haben die Menschen meine Bücher auch zwischen den Zeilen gelesen. Mein Freund Jürgen Fuchs hat mir das nach seiner Ausbürgerung bestätigt: »Deine Bücher und die von Heinrich Böll, die bei uns verlegt wurden, die haben wir anders gelesen, wir haben die Methode gesehen.« Ich war ja Kriegsdienstverweigerer in der Bundeswehr, die haben mich damals nach zehn Monaten passiven Widerstands in die geschlossene Psychiatrie des Bundeswehrlazaretts gesteckt, weil ich partout keine Waffe anfassen wollte. Jürgen Fuchs hat sich innerhalb der NVA dann ähnlich kritisch verhalten und Drill, Kadavergehorsam und östlich gestrickten Militarismus seitenverkehrt in seinem Buch Das Ende einer Feigheit beschrieben.

Wallraffs erste Texte waren Gedichte. Gerade volljährig, veröffentlichte er einige von ihnen Anfang der Sechzigerjahre in der Flugschrift für Lyrik.


1974 ketteten Sie sich aus Protest gegen die griechische Militärdiktatur auf dem Athener Syntagma-Platz an, wurden gefoltert und von einem Militärgericht zu 14 Monaten Gefängnis verurteilt. Später kritisierten Sie die Unterstützung des Pinochet-Regimes in Chile durch konservative deutsche Politiker. Aber zu Menschenrechtsverletzungen in sozialistischen Staaten hörte man von Ihnen nie etwas.
Das stimmt so nicht. Sogar in meiner Verteidigungs- oder besser Anklagerede vorm griechischen Militärgericht prangerte ich die Dissidentenverfolgung in sozialistischen Staaten an und hatte auch wiederholt öffentlich klargestellt: Würde ich in der DDR leben, würde ich dort – so wie ich ticke – wahrscheinlich im Gefängnis oder in der Psychiatrie landen. Andererseits war ich, wie viele der Linken, lange Zeit von einem falschen Lagerdenken befangen. Wir wollten den Rechten keine Argumente liefern, die in dieser Zeit das Apartheidsystem in Südafrika oder Diktatoren wie Pinochet in Chile rechtfertigten. Wir wussten von den Menschenrechtsverletzungen im Sozialismus, haben das aber nicht nachhaltig genug thematisiert.

Das scheint Ihnen heute noch ein schlechtes Gewissen zu machen.
Man muss es zugeben und daraus lernen. Der Tag, als Wolf Biermann aus der DDR ausgebürgert wurde, war wie eine Befreiung für mich. Der rief mich an und fragte: Kann ich bei dir wohnen? Ich sagte spontan Ja. Bis dahin waren meine Bücher zum Teil in hohen Auflagen auch in der DDR erschienen. Nach meinem Engagement für Biermann war damit Schluss. Von da an hatte ich Einreiseverbot bis zur Gorbatschow-Ära. Die fassten meine Bücher nicht mehr an.

Sitzen Sie gern zwischen allen Stühlen?
Unbequeme Sitzhaltung, aber fürs Rückgrat soll’s ganz förderlich sein. Ich wehre mich dagegen, ein Etikett aufgeklebt zu bekommen. Um in den Siebzigerjahren im linken Milieu mitreden zu können, musste man Trotzkist, Leninist oder wenigstens Marxist sein. Ich habe auf Nachfrage immer gesagt: Um mich Marxist nennen zu dürfen, habe ich den Marx nicht gründlich genug studiert. Ich hatte ihn sehr wohl gelesen und finde ihn heute wieder sehr aktuell. Aber ich wollte meine Eigenständigkeit. Für mich ist Gorbatschow seit seiner Glasnost- und Perestroika-Politik einer der ganz Großen, weil er das System- und Lagerdenken des Kalten Kriegs durch Vorleistungen gesprengt hat, als Reagan die Sowjetunion noch als »Reich der Finsternis« bezeichnete und Kohl meinte, ihn mit Goebbels vergleichen zu müssen.

Heute macht Gorbatschow Werbung für Louis-Vuitton-Taschen und hält Vorträge in Sparkassen. Ist das schade?
Wieso denn? Im eigenen Land kaltgestellt, lässt er die Einnahmen seiner humanitären Stiftung zukommen. Ohne ihn hätte es keine friedliche Maueröffnung und Wiedervereinigung gegeben. Ein Generalsekretär vom Schlage Putin hätte damals höchstwahrscheinlich Panzer auffahren lassen und die Gefahr eines Weltkriegs provoziert.

Was haben Sie aus Ihren Fehlern gelernt?
Ich sehe heute die gleichen Verhaltensweisen, wenn es um Islamismus geht. In meinem Bekanntenkreis, ob das nun innerhalb der Gewerkschaften, der Grünen, der SPD oder der Linken ist, erlebe ich häufig eine übertriebene Zurückhaltung, wenn es um Kritik an Menschenrechtsverletzungen geht, die im Namen des Islam begangen werden. Es heißt dann, man würde damit die Rechtsradikalen und Rassisten in ihrem Hass Muslimen gegenüber bestärken. »Islamophobie« ist dann das Totschlagargument, womit jede ernsthafte Kritik tabuisiert werden soll. Der iranische Musiker Shahin Najafi ist mein Freund und hat einige Monate versteckt bei mir gelebt. Seit Jahren wird er durch eine Fatwa und 300 000 Dollar Kopfgeld mit dem Tod bedroht. Vor ein paar Wochen sollte er in Köln ein Konzert geben, und wieder gab es Morddrohungen – nicht nur gegen ihn, sondern gegen jeden, der zum Konzert kommt. Und dann sagten plötzlich ansonsten aufgeschlossene Menschen: Er provoziert aber auch, er muss doch nicht solche Lieder singen. Man weicht zurück, man gibt auf. Aber wir dürfen uns nicht einschüchtern lassen von Gewalt.

Fand das Konzert statt?
Ja. Erst wollte kaum einer kommen. Ich habe versucht, Öffentlichkeit herzustellen, und öffentlich angeboten, jedem den Eintrittspreis zu zahlen. Die Veranstaltung war dann doch recht gut besucht. Wegducken und falsch verstandene Toleranz sind oft nichts anderes als Ignoranz oder Feigheit.

Sie klingen andererseits immer wieder so versöhnlich. Gibt es jetzt bald Frieden mit dem Springer-Verlag?
Nachdem ich die Bild-Zeitung mit einem gemeingefährlichen Triebtäter verglichen hatte, rief mich deren Chefredakteur Kai Diekmann an und rechtfertigte sich, dass Bild nicht mehr so sei wie damals, als ich den Aufmacher veröffentlichte. Ich hatte den Eindruck, der will etwas ändern. Vielleicht ist aus dem Boulevard-Heroin inzwischen Methadon geworden. Früher war das Blatt ja mit Hetze gegen Ausländer, Linke und Minderheiten jeder Art durchtränkt. Seitdem gab es gab Wellenbewegungen, gelegentlich waren da Chefredakteure, die etwas weniger sensationsgierig, politisch etwas weniger rechts ausgerichtet waren. Dann produzierte Bild etwas weniger Hass, etwas weniger Frauenverachtung, etwas weniger Minderheitenhetze und dergleichen. Die Bild ist heute vorsichtiger geworden, das liegt sicher auch am Zeitgeist, der vulgären Sexismus oder dumpfen Rassismus nicht besonders mag.

Wie finden Sie die Berichterstattung der Bild-Zeitung über Griechenland?
Das war systematische Hetze mit Schlagzeilen wie: »Verkauft doch eure Inseln, ihr Pleite-Griechen und die Akropolis gleich mit!« Ich kaufe die Bild ja nicht, aber in Zügen oder Restaurants liegt sie manchmal rum. Da habe ich neulich zu meiner Überraschung den Artikel eines jungen Kollegen entdeckt. Der Autor bekennt sich als schwul und hat sich in den USA undercover in eine dieser obskuren Selbsthilfegruppen begeben, die Homosexualität »heilen« wollen.

Jetzt beschäftigt sogar die Bild-Zeitung Wallraff-Schüler?
Der hätte eine reißerische Kolportage daraus machen können, aber seine Reportage war einfühlsam und überzeugend, und er hat die Persönlichkeitsrechte der Betroffenen respektiert, was ansonsten ja nicht gerade Bild-typisch ist. Diese Selbsterfahrung hätte genauso in der Zeit oder der Süddeutschen erscheinen können. Ich bin immer wieder froh, wenn ich in meiner Grundhaltung irritiert werde. Ich brauche Irritationen.

Die Wandlungsfähigkeit des Bild-Chefs Kai Diekmann dürfte Ihnen doch gefallen. Der tritt mal mit, mal ohne Bart auf, mal im Anzug und mal im Kapuzenpulli.
Die Auflage von Bild ist den letzten Jahren gewaltig eingebrochen. Vielleicht ist seine äußerliche Verwandlung ja Ausdruck für den Versuch einer Neuorientierung. Ich habe Bild schon vor einiger Zeit zum Ansporn attestiert: Es gibt sehr wohl eine Sorte von Triebtätern, die noch therapierbar ist. Das müssen sie aber erst unter Beweis stellen.

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Malte Herwig

Günter Wallraff zeigte dem Autor nach dem Gespräch in seinem Kölner Haus seine Sammlung bizarrer Gesteinsformationen - darunter einen penisförmigen Stein, den Wallraff entdeckt hatte, als er mit Nomaden die Wüste Sahara durchstreifte.

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