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aus Heft 44/2015 Leben

Wie ich mein Leben verpasse

Von Susanne Schneider  Illustration: Andy Rementer

Du kannst nicht alles, was dir wichtig ist, ständig Jahr um Jahr nach hinten schieben, mahnt unsere Autorin sich selbst. Das Problem ist ein Wort, das Zauberformel und Fluch zugleich ist: später. Eine Bilanz.



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Ich wollte immer dünn sein. Es gibt keine Diät, die ich nicht kenne. Geschätzte fünfzig Mal habe ich eine begonnen. Und manchmal nur zwei Tage durchgehalten. Geschätzte fünfzig Mal habe ich das Abnehmen verschoben – auf später. Klingt klein. Ist groß. Und typisch. Für mich. Zeigt es doch, was ich mit fast allen Vorsätzen mache, die ich gefasst habe: Ich verschiebe ihre Umsetzung. Später ist zu meinem Fluch und zu meinem Zauberwort geworden. Später ist dann, wenn ich endlich das Leben führen werde, das ich führen will, wenn ich die Ketten des Alltags gesprengt und all die Pflichten hinter mir gelassen habe. Nur: Wann ist später? Jetzt? Oder später?

Ich wär so gern konsequent und mutig, unabhängig, unbeschwert und frei. In meinen Träumen wage ich das Ungeheure, das, was mein Leben groß und einmalig macht und mich auf meinem Sterbebett zufrieden lächeln lässt. In Wahrheit besitze ich von all den Eigenschaften höchstens ein Babyfläschchen voll. Ich führe mein anständiges Leben weiter, sage B, weil ich zuvor A gesagt habe. Erwachsene Leute handeln so. Wer das feige nennt, hat auch recht. Während ich die Blumen gieße, Mails beantworte, Steuerunterlagen suche, Geburtstagsgeschenke besorge, den Mund halte, statt dem Kollegen endlich die Meinung zu geigen, den Hund spazieren führe, die Spülmaschine ausräume, einkaufen gehe, Texte pünktlich liefere, fast tadellos funktioniere, mich täglich neu darüber ärgere, dass jemand den Zucker statt rechts vom Tee links über den Reis gestellt hat, denke ich: Du kannst nicht alles, was dir wichtig ist, ständig Jahr um Jahr nach hinten schieben wie die Eröffnung des Berliner Flughafens. Wenn du nicht bald anfängst, das Leben zu führen, das du führen willst, bist du tot. Und hast dein Leben versäumt.

Bestandsaufnahme: Bin ich unglücklich? Nein. Ich weiß schon, was ich habe. Viel. Tolle Kinder, die, als sie klein waren, dem Leben von allein unendlich viel Sinn gaben. Jetzt sind sie groß, und ich habe immer noch viel: tollen Mann, anständigen Job, schöne Wohnung. Wollte ich ja alles. Unverschämtes Glück obendrein, weil ich nicht in Nordkorea oder Afghanistan lebe, sondern im schönen, reichen, friedlichen Oberbayern. Kann man gar nicht oft genug betonen. Dabei wäre es keine Kunst, mein Leben anders zu erzählen: hetzen, rennen, keine Zeit, Ärger schlucken, nett sein, funktionieren, Hamsterrad. Trotzdem nur die Hälfte geschafft, abends erschöpft ins Bett, Wecker auf halb sieben, und morgen alles von vorn. Beklagt ja fast jeder. Dafür war der Urlaub schön, und gestern hat tatsächlich einer über meinen Witz gelacht. Ist es das? Es gibt einen Satz in Schillers Don Carlos, der mich verfolgt: »23 Jahre, und nichts für die Unsterblichkeit getan!« Ich bin mehr als doppelt so alt. Mein Leben läuft vor mir ab, und ich habe das Gefühl, ich bin gar nicht dabei.

Ich erkenne meine Feinde im Dunkeln. Sie heißen Larmoyanz und Dekadenz. Einem syrischen Flüchtling, einer Mutter mit krebskrankem Kind muss ich von meinen Zweifeln nicht erzählen. Obwohl ich also weiß, dass es mir nicht nur gut, sondern wahrscheinlich besser geht als 95 Prozent der Menschheit, bin ich nicht froh. Man kann nun leicht sagen: Was will die denn noch? Kriegt die den Hals nie voll? Man kann aber darauf antworten, dass die Fragen »Wer bin ich?« und »Wohin gehe ich?« zur DNS des Menschseins gehören, die an Bedeutung gewinnen, wenn es den Menschen gut geht, und keinen interessieren, wenn nur das schiere Überleben zählt.

Vielen, die älter sind als dreißig in diesem Land, geht es gut. Und darum knallt bei den meisten von ihnen die Frage, ob sie das Gefühl haben, ihr eigenes Leben zu versäumen, direkt in den Bauch, ohne Umweg übers Hirn. Denn erwachsen zu sein hat seinen Preis. Erwachsen sein heißt akzeptieren, dass sich Türen hinter und neben einem schließen, die Wahlmöglichkeiten weniger werden und es Entscheidungen gibt, die unumkehrbar sind: Wer ein Kind hat, kann nicht mehr beschließen, keines zu haben.

Wenn der Alltag zum Allesfresser wird, kommt der Augenblick, in dem wir diese Türen wehmütig in Gedanken immer wieder durchschreiten, als stünden sie noch offen, wie damals, als der eigene Tod so absurd weit weg und wir überzeugt waren, die Welt würde darauf warten, umarmt zu werden. Polizistin oder Architektin, Hamburg oder Haiti, Rasta oder Glatze, das war kein Entweder-Oder, sondern ein Sowohl-als-Auch.
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Susanne Schneider

hatte gerade für eine Weile mal nicht den Eindruck, etwas zu versäumen: Sie war am Peloponnes. Dort schwamm sie im Meer, während ihr Mann den Hund streichelte und ein Segelschiff den Horizont entlangfuhr. So hätte es bleiben dürfen.

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