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Nackte Zahlen: Sexkolumne 19. November 2015

Feier der Eier

Von Alena Schröder  Illustration: Eugenia Loli

Die Ästhetik des Hodensacks spielte für Frauen bisher nur eine untergeordnete Rolle. Die internationale »Nutscaping«-Bewegung möchte das nun ändern.

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Der Hodensack ist so etwas wie der Sigmar Gabriel unter den Geschlechtsorganen: sehr wichtig, randvoll mit Potenzial, ausgestattet mit einer markanten physischen Präsenz – und doch ewig im Schatten.

Wie groß die Diskrepanz zwischen Bedeutsamkeit und allgemeiner Wertschätzung des Hodensacks tatsächlich ist, lässt sich schön an einer Studie des Schweizer Universitätskinderspitals in Zürich ablesen, die vor kurzem für Furore gesorgt hat. Es ging darum, die Frage zu klären, was einen schönen Penis ausmacht. Dass dazu ausschließlich heterosexuelle Frauen und nicht auch ein paar homosexuelle Männer befragt wurden, lässt natürlich an der Aussagekraft der Studie zweifeln. Auch, dass »die allgemeine Erscheinung« eine der vorgegebenen Antwortmöglichkeiten war und dann auch noch - Überraschung! - auf Platz Eins landete, noch vor Größe, Umfang und Form. Wahrscheinlich wurde die ganze Studie überhaupt nur durchgeführt, damit landauf landab erleichterte Journalisten Schlagzeilen wie »Penisstudie: Die Größe ist nicht entscheidend!« produzieren konnten. Man kann nur hoffen, dass in Zukunft mehr solcher Studien durchgeführt werden: Was macht für sie eine schöne Frau aus: a) lange Haare, b) flacher Bauch, c) riesen Möpse, d) geiler Arsch oder e) die allgemeine Erscheinung. Schlagzeile: »Riesen-Erleichterung für Frauen: Männern sind flache Bäuche nicht so wichtig!«

Aber zurück zum eigentlichen Skandal, der im Medienrummel um besagte Penisstudie vollkommen unterging: »Die Ästhetik des Hodensacks« landete in der Studie nur auf Platz neun. Allein »die Beschaffenheit des Harnausgangs« wurde von den Befragten als noch irrelevanter eingestuft.

Ein herber Schlag für den Hodensack.

Seit einiger Zeit versuchen nun Sackträger aller Länder, dem ewig Unterschätzten zu mehr Aufmerksamkeit zu verhelfen. Sie fotografieren ihre Hoden vor schönen Landschaften. Nutscaping heißt diese Kunstform, die anfangs noch als einer von vielen albernen Internettrends verlacht wurde. In Wahrheit gibt Nutscaping dem Hodensack seine Würde zurück, indem es ihn aus seinem Schattendasein herauslöst und in einen größeren ästhetischen Zusammenhang stellt. Der Betrachter sieht einen Sonnenuntergang am Strand oder den Blick von einem Berg in ein malerisches Tal oder in einen zerklüfteten Canyon. Erst auf den zweiten Blick fällt auf, dass da oben etwas Rundes, Fussliges ins Bild drängt. Kurz ist man irritiert, doch dann erscheint es als legitime Möglichkeit, der Aufnahme mehr Tiefe zu verleihen, getreu dem alten Fotografenmotto »Vordergrund macht Bild gesund.« Die Schönheit des Panoramas überträgt sich gleichsam auf die baumelnden Testikel.

Je länger und je öfter wir Nutscapes betrachten, umso größer wird unser Bewusstsein für die Ästhetik des Hodensacks. Man kann der Nutscaping-Bewegung nur ein paar prominente Testimonials wünschen: Wenn demnächst Ryan Gosling, Brad Pitt, Jonathan Franzen, Kanye West und Edward Snowden vor großartigen Panoramen die Hosen runterließen, um sich von hinten durch die Beine zu fotografieren, dann würde »die Ästhetik des Hodensacks« bei der nächsten Studie zum Thema »Was macht einen schönen Penis aus« mit Sicherheit ganz weit vorn landen. (Bislang ist der einzige bekannte Mensch, der je mit dem Hodensack in Verbindung gebracht wurde, Adolf Hitler, der angeblich nur einen Hoden gehabt haben soll. Über dessen Ästhetik wurde zum Glück nichts überliefert.)

Die Nutscaping-Bewegung könnte auch dem Wahlkampf von Sigmar Gabriel ein Vorbild sein: ein atemberaubend schönes Foto der Lüneburger Heide, und von oben baumelt Siggi ins Bild - so klappt's vielleicht doch noch mit der Kanzlerschaft.

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Alena Schröder

Alena Schröder ist freie Autorin und lebt in Berlin. Sie gelobt, keine »arm, aber sexy«-Kalauer in dieser Kolumne unterzubringen, die sie im Wechsel mit Till Raether schreibt.

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