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aus Heft 50/2015 Leben

Bleibt alles anders

Fotos: Julian Baumann

Vor einem Jahr haben wir Flüchtlinge, die gerade in der Münchner Bayernkaserne angekommen waren, nach ihren Wünschen und Hoffnungen gefragt. Jetzt haben wir sie wieder getroffen: Wie ist es ihnen seitdem ergangen? Sechs Geschichten vom Durchhalten.


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Hayssam A., 29, aus Aleppo, Syrien 


Hofft leise auf Besserung 

Sie kommen, bleiben zwei Wochen, gehen wieder, neue kommen. Die Kaserne in Fürstenfeldbruck, in der Hayssam lebt, ist nur eine Durchgangsstation für Flüchtlinge. Aber er ist immer noch da. Es ist, als hätten sie ihn vergessen. Alle zwei Wochen kommen sieben neue Mitbewohner in sein Zimmer und werden bald weitergeschickt, nur auf dem oberen Stockbett links am Fenster schläft seit einem Jahr derselbe Mann. Nach einem Abendessen mit Hayssam denkt man: Vielleicht sollte er mal energisch nachfragen, vielleicht ist er einfach zu nett. Lächelnd wartet er an einem kalten Abend 45 Minuten auf den im Stau festhängenden Übersetzer. Geduldig erträgt er auch das Leben im Acht-Mann-Zimmer. Er versucht einfach, so selten wie möglich dort zu sein. Lieber geht er in die Stadtbibliothek, zu seiner Lieblingsbank am Fluss oder arbeiten bei einer Putzfirma. Hayssam jammert nicht darüber, dass er seine noch in Syrien lebende Frau zuletzt im Februar sprechen konnte, weil er ein Deserteur ist. Er will nicht einmal sein Gesicht zeigen, bis heute nicht. Immerhin, er telefoniert mit einem Verwandten, der seiner Frau das Nötigste ausrichtet. Hayssam hat nicht das Gefühl, dass das Leben ihm etwas schulden würde, seit seine normale Welt kaputtgebombt wurde. Er hat nur zwei Bitten: Ob man ihm helfen könne, eine kleine Wohnung oder ein WG-Zimmer zu finden? Und: Er sucht einen Schachpartner.  (Sie erreichen uns unter online@sz-magazin.de) 

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Ruth Ebohon, 33, aus Nigeria


Selbst zur Helferin geworden

Ein warmer Tag für November. Ruth Ebohon trägt das Kleid, das sie Weihnachten 2014 von SZ-Magazin-Lesern bekommen hat (hier der Artikel »Ein Stück vom Glück«). Mitternachtsblauer Satin, darauf hellgelbe Blumen, wie getupft. Ruths Sohn David, 16 Monate, liegt auf dem Boden vor dem Fernseher. Ruth macht Tee. Im einen Teil des Zimmers, das sie mit David teilt, stehen zwei Stühle und ein Tisch, im anderen das Bett, dazwischen ein Regal. »Die Leute hier sind sehr nett zu uns«, sagt Ruth, »sie fragen, was wir brauchen, und bringen es.« Die rot-weiß karierte Bettwäsche. Den Fernseher. Den Tee.

Das Haus in Eching bei München hat 14 Zimmer. Ruth zog im Januar ein, zusammen mit vier anderen alleinerziehenden Müttern, zwei Ehepaaren, einem alleinerziehenden Vater und mehreren Familien, aus Nigeria, dem Senegal, Somalia, Syrien. Sie verstehen sich, sagt Ruth. Sie ist mit 33 Jahren die Älteste. »Wer Probleme hat oder ein neues Baby, kommt zu mir.« Vor einer Woche gebar ihre Zimmernachbarin ein Baby und wurde krank. Nun trägt Ruth den Säugling auf dem Rücken, wickelt ihn, füttert ihn.

Ruth würde gern arbeiten, das Warten macht sie mürbe. Aber sie ist jeden Tag froh, in Deutschland zu sein. Sie geht auf die Straße und fühlt sich sicher, sagt sie. Denn es gibt Gesetze, die Menschen, sogar Frauen, vor Raub und Vergewaltigung schützen. Ruth wuchs im Norden von Nigeria auf, dort, wo Boko Haram die Menschen terrorisiert. Nachmittags lernt Ruth nun Deutsch, in der katholischen Kirche. Sonntags geht sie zur Messe, weil sie gläubig ist. Und wann immer sie kann, singt sie bei den Proben des Kirchenchors. Im Sommer ist sie im Duett mit ihrer Freundin Glory auf einer Echinger Veranstaltung zur Integration der Flüchtlinge aufgetreten.

Mit David spricht Ruth Deutsch und Englisch. Kein Hausa. Er soll ihre Muttersprache nicht lernen, damit keine Verbindung zwischen ihm und Nigeria entsteht. Zu ihrer Mutter hat Ruth den Kontakt abgebrochen - sie könnte sie an den Mann verraten, vor dem sie geflohen ist. Reich ist er, und mehr als doppelt so alt wie sie. Ein Mann aus dem Norden Nigerias, der findet: Männer müssen kämpfen, und Frauen sind nichts wert. Ein Mann, wie ihr Sohn keiner werden soll.

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Zuhair A., 33, mit Sarah, 26, Abdul, 7, und Judy, 4, aus Damaskus, Syrien


Übungen in Deutsch und Geduld

»Wenn mich jemand fragt, wie es uns geht, sage ich: ›Alles ist gut.‹ Das ist der erste deutsche Satz, den ich gelernt habe. Auch wenn er nicht immer stimmt. Unsere Kinder kommen jede Nacht zu uns in Bett, weil sie die Bomben nicht vergessen können. Und meine Frau wurde von einem Auto angefahren, seitdem kann sie kaum laufen und muss Schmerzmittel nehmen. Wir sind am Ortsrand von Kochel am See untergebracht, auf 25 Quadrat-metern, ohne eigenes Bad, mit einer Gemeinschaftsküche für vierzig Leute. Seit ein paar Wochen haben wir endlich unsere Aufenthaltsgenehmigung, jetzt bekommen wir Sprachkurse und können eine Wohnung suchen. Wir hoffen, dass die Warterei auf einen Neubeginn ein Ende hat. Ich will unbedingt arbeiten, in Syrien war ich Lkw-Mechaniker. Die Hilfe der Freiwilligen macht mich sprachlos, wir haben sogar ein Fahrrad bekommen. Zum Dank helfe ich bei Umzügen und repariere Möbel. Unsere Kinder dürfen in den Kindergarten. Zum Geburtstag meines Sohnes haben sie dort Kuchen gebacken, einer der schönsten Tage seines Lebens. Die Kinder können schon das deutsche Alphabet. Meine Frau und ich lernen die Sprache aus dem Fernsehen. Meine Lieblingssendung heißt Achtung Kontrolle und läuft bei Kabel eins. Da geht es um die deutsche Polizei. Die wirken so tapfer und ehrlich, dass meine Kinder jedem Polizisten auf der Straße zuwinken.«

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Ahmed Sandeh, 23, aus Aleppo, Syrien

Weghören und weiterkommen

»Vor einem Jahr kam ich in München an, die vergangenen neun Monate habe ich in Bayerisch Gmain verbracht, an der österreichischen Grenze. Die Behörden haben da ein Gasthaus angemietet, für rund 55 Menschen. Eine schwierige Situation. Der Wirt bekam anfangs pro Person pro Monat 1200 Euro, und was hat er gemacht? Er hat Menschen, von denen die meisten Muslime sind, Schweinefleisch vorgesetzt. Immer wieder. Die religiösen Probleme waren ihm völlig egal. Da sind wir zum Landratsamt gegangen und haben gefragt, ob man nicht eine kleine Gemeinschaftsküche einrichten könnte. Seitdem haben wir uns selbst versorgt. Gut für uns – und gut für die Behörden, die zahlten dann dem Wirt nur noch 680 Euro pro Person. Und das eine habe ich in diesem Jahr in Deutschland gelernt: Du musst aktiv werden, du musst selbst was in Bewegung bringen. Viele Flüchtlinge sitzen nur rum und werden depressiv. Aber ich will ja weiterkommen. Ich bin doch nicht vor dem Krieg geflohen, um hier zu versauern. Vor Kurzem bin ich mit meiner Familie – wir sind zu siebt – nach Recklinghausen umgezogen. Da kennen wir Leute, vielleicht haben wir Aussicht auf Arbeit. Ich will unbedingt mein eigenes Geld verdienen und im Supermarkt einkaufen, ohne in den Blicken der Menschen zu lesen: ›Na, Bursche, gibst du unser Steuergeld aus?‹ Die Pegida-Anhänger sollen sehen: Ich nehme euch nichts weg. Seit den Anschlägen von Paris ist der Ton härter geworden, ich bin ein paarmal übel angeredet worden, die Leute wittern überall Terroristen. Ich versuche, die Meinung der Menschen zu respektieren – aber es ist einfacher, wenn ich sie nicht zu hören kriege.«

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Evans Adeny, 21, aus Uganda

Immer mit Hausschuhen

»Ich habe immer noch keine Dokumente, meine Duldung wird alle paar Monate verlängert - oder irgendwann nicht mehr. Ich wollte eine zweite Anhörung, die ich bis jetzt nicht bekommen habe. Trotzdem bin ich glücklich, weil mein Schatz, meine Freundin Lena, und ihre Familie mit Oma und Opa so hinter mir stehen. Opa ist mein bester Freund. Er fragt immer: Wie gehts, wie stehts? Steht gut!, sage ich dann. Ich versuche, nach vorne zu schauen und positiv zu denken.

Ich war auch wieder im bayerischen Landtag eingeladen, um über Flüchtlinge zu sprechen, und habe dabei einen Vorschlag gemacht: Asylbewerber, die eine Lehrstelle antreten, verdienen Geld, zum Beispiel 950 Euro im Monat. Davon gehen 250 Euro an Steuern weg. Ein Asylbewerber, der nicht arbeiten darf, bekommt 350 Euro monatlich vom Staat - der Staat spart sich also 600 Euro, wenn er Flüchtlinge in eine Ausbildung schickt. Das Geld könnte in einen eigenen Kreislauf für Flüchtlinge kommen, damit die Deutschen nicht für uns zahlen müssen.

Ich glaube auch, dass die vielen Flüchtlinge hier nicht mit Absicht gegen Regeln verstoßen, sondern nur nicht wissen, wie das hier läuft: Als ich herkam, dachte ich auch erst, dass der breite Gehweg für Deutsche ist, der schmale für Ausländer. Heute sehe ich viele Syrer auf dem Radweg laufen und denke: Die wissen nicht, dass es hier Wege extra für Fahrräder gibt.

Der Artikel im SZ-Magazin vor einem Jahr hat mir sehr geholfen: Viele Leute haben mir geschrieben. Mit Nadja und Christian aus Ingolstadt bin ich seitdem befreundet. Und mit Tim, einem Studenten, schreibe ich Briefe. Er hat mir hundert Euro geschenkt, obwohl er selbst nicht viel hat. Auch der Rotary Club in Friedberg hat sich gemeldet. Ich kann nichts zurückgeben außer einem Lächeln und dass ich mich sehr anstrenge. Lena sagt, dass ich so gut in dieses Land passe, weil ich was leisten will, aber auch weiß, dass man sich um andere kümmern muss. Außerdem bin ich pünktlich und ordnungsliebend. Ich mag es eben, wenn man zu Hause Hausschuhe trägt.

Bei mir bekommen alle Gäste Hausschuhe. Ich finde, man sollte die Asylbewerber nicht so lange schmoren lassen. Natürlich kann dieses Land nicht alle von ihnen aufnehmen. Es ist schon toll, wie viel Mühe ihr Deutschen euch für uns macht, dass ihr uns Essen und Geld gebt. Aber man sollte uns die Möglichkeit geben, etwas zu leisten. Mein größter Wunsch ist, einmal Angela Merkel zu treffen. Ich hätte ein paar Fragen und Vorschläge.«

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Nader Al-Mahmoud, 32, aus Kobane, Syrien

Endlich wieder mit dem Bruder vereint

»Ich kann es noch gar nicht fassen. Vor ein paar Wochen habe ich endlich meinen Bruder wiedergesehen - nach fünf Jahren! So lange sind wir schon auf der Flucht. Wir hatten nur über Facebook Kontakt. Meine ganze Familie ist aus Kobane geflohen, vor dem Islamischen Staat. Ich habe vier Schwestern und acht Brüder, die meis-ten haben selbst schon Familie. Jetzt sind alle in verschiedenen Ländern, meine Mutter ist unterwegs gestorben. Mein Bruder und ich sind auf unterschiedlichen Wegen nach Deutschland gelangt, ich wäre gern in München geblieben. Aber nach vierzig Tagen schickten sie mich weiter, erst nach Chemnitz, dann in ein kleines Dorf in der Nähe, dann nach Meißen. Wohin und wann, erfuhr man immer erst am Vorabend, wenn die Namenslisten ausgehängt wurden. In Meißen traf ich auf einen Rechtsanwalt, der Flüchtlingen helfen wollte. Er hat mir zweimal die Woche etwas Deutsch beigebracht und sich hinter meinen Asylantrag geklemmt. Es gab in Meißen nicht viele Leute, die mit Flüchtlingen etwas zu tun haben wollten. Auf der Straße passierte es öfter, dass Leute im Vorbeifahren hupten und mir durchs Autofenster den Stinkefinger zeigten. Mein Bruder landete in einer Flüchtlings-WG im Saarland. Er schrieb, da seien die Menschen freundlicher. Stimmt auch: Die Flüchtlinge erhalten da schon nach einer Woche einen Sprachkurs, Unternehmen kommen auf sie zu und wollen sie ausbilden. Ich werde versuchen, mit meinem Bruder zusammen irgendeine Unterkunft in Saarbrücken zu finden. Das wäre mein Traum. In Syrien habe ich Jura studiert. Ich hoffe, dass ich meine Kenntnisse hier in Deutschland irgendwie nutzen kann, und sei es erst mal nur ehrenamtlich. Vielleicht in einem Verein, der Flüchtlinge juristisch berät.«

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Ein Ort, viele Geschichten: Vor einem Jahr standen die Redakteure Kerstin Greiner und Max Fellmann mit dem Fotografen Julian Baumann tagelang auf dem Gelände der Münchner Bayernkaserne, um mit Flüchtlingen zu sprechen. Dieses Mal war es komplizierter: Eine ganze Reihe von Kollegen musste helfen, weil die Menschen inzwischen, ob sie es wollten oder nicht, im ganzen Land verstreut sind. Und manche der Flüchtlinge von damals waren gar nicht mehr aufzufinden: Spur verloren, Handy weg, keine Auskunft bei den Behörden. Die Redaktion hofft sehr, dass es ihnen gut geht.

Protokolle: Marc Baumann, Silvia Buss, Max Fellmann, Kerstin Greiner, Gabriela Herpell, Till Krause

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