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Musik 22. Dezember 2015

Der Herr der Pfeifen

Interview: Susanne Schneider und Tobias Haberl  Fotos: Robert Brembeck

Anton Guggemos war 40 Jahre lang Organist in einer der berühmtesten Kirchen Deutschlands. Hier erklärt er, wie man noch spielen kann, wenn vor Kälte das Weihwasser gefriert, und warum wir alle an Weihnachten nicht mehr die Original-Version von »Stille Nacht« singen.



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Herr Guggemos, Sie waren 40 Jahre Organist in einer der berühmtesten Kirchen Deutschlands, der Wieskirche. Dieses Jahr sitzen Sie zum ersten Mal an Weihnachten nicht an dieser Orgel. Sind Sie traurig?

Anton Guggemos: Ach, die Orgel in der Wies geht mir schon ab, aber es ist jetzt halt mal so, wie es ist. Mir hat es in den letzten Jahren nicht mehr so viel Freude gemacht. Die 40 Jahre waren sehr anstrengend. Ich werde 69, habe Gicht und Gelenkentzündung an den Händen, das kommt vom Orgelspielen bei Kälte.

Welche Lieder haben Sie immer zur Christmette gespielt?
Sehr oft die Bauernmesse für gemischten Chor von Annette Thoma, gern bayerische Klostermusik, und am Ende »Stille Nacht«, aber im Original.

Das, was wir unterm Christbaum singen, ist nicht original?
Nein, die Musik ist ein bisschen anders. Und schöner. Bei der Uraufführung 1818 wurde das Lied nicht von einer Orgel, sondern von zwei Gitarren gespielt. Später instrumentierte es Franz Xaver Gruber, der Komponist, zusätzlich mit Streichern, zwei Solostimmen, von Männern gesungen, und zwei Hörnern. Die Hörner machen es sehr weihnachtlich.

Wie haben Sie sich als Organist gegen die Kälte an Weihnachten geschützt? Mit Handschuhen hätten Sie ja die Tasten nicht mehr richtig getroffen.
Wenn das Weihwasser gefroren ist, weiß man, womit man es zu tun hat. Ich ziehe Mantel und lange Unterhose an, aber das hilft auch nur eine halbe Stunde. Die Knie kühlen aus, die Finger sowieso. Früher hatte ich einen Heizstrahler neben mir, aber der musste weg, als 2011 die neue Orgel kam, die Intarsien wären sonst beschädigt worden. Als Ersatz bekam ich eine Art milchige Glaswand, die etwas Wärme abgegeben hat, aber nicht genug.



Wie haben Sie sich bei der Christmette beholfen?

Das Rezept des Pfarrers bei Kälte – »lange Unterhosen, kurze Predigt« – konnte ich ja nur zur Hälfte anwenden. Während des Gottesdienstes weiß man sich zu helfen, man hat Pausen, in denen Zeit ist, die Hände zu reiben. Bei einem Orgelkonzert wie dem a-Moll-Konzert von Bach aber, das sehr schnell gespielt wird, kann es schon sein, dass man zwischendurch langsamer spielen oder ganz aufhören muss. Außerdem kommt es sehr auf die Orgel an: Die alte, auf der ich über 30 Jahre gespielt habe, hatte Tasten aus Rosenholz, die kühlten nicht so aus. Bei der neuen sind die Tasten aus polierten Rinderknochen, die werden im Winter kalt wie Stein.

Hatte die Temperatur auch Einfluss auf Ihr Programm?

Die Orgel wird sehr tief bei Kälte, doch gerade an Weihnachten möchte man ja Konzerte spielen. Geigen müssen deshalb runtergestimmt und Querflöten tiefer gespielt werden. In Kirchen wie der Wies ist es ja nicht nur sechs Monate kalt, sondern neun. An Ostern hat es meistens nur zehn bis zwölf Grad. In den paar Wochen im Sommer, in denen Sie in Hemdsärmeln an der Orgel sitzen können, spielen Sie viel filigranere Stücke und Scherzi, also schnelle, heitere Sachen. Schon deshalb, weil Sie die Muskulatur nicht aufwärmen müssen.

Schlug Ihnen im Winter bei vollbesetzter Kirche auch die Atemluft der Besucher entgegen?
Das ist ein großes Problem für die Orgel. Zwar ist Feuchtigkeit wichtig für das Instrument, aber wenn sie zu hoch ist, kann sich Schimmel bilden. Im Herbst beträgt die Luftfeuchtigkeit manchmal bis zu 95 Prozent, dann quillt das Holz an der Orgel, und die Tasten gehen nicht mehr zurück. Zu feuchte Luft lässt sich nicht wegzaubern, bei zu trockener Luft kann man die Instrumente wenigstens befeuchten.

Die Besucher kann man ja kaum wegschicken. Wie löst man dieses Dilemma?
Wenn die Kirche voll ist, haben Sie, völlig unabhängig von der Temperatur, mit der Atemfeuchtigkeit von 700 Menschen zu kämpfen, selbst da braucht die Raumschale anschließend Zeit, zu trocknen und sich zu erholen. Wenn es dann noch regnet, und die Leute kommen mit nasser Kleidung und Schirmen in die Kirche, dauert es fünf bis zehn Stunden, bis sich der Raum wieder erholt. In die Wies kommen eine Million Besucher im Jahr, deshalb hat man über eine Kontingentierung nachgedacht. Aber das ist immer auch eine Entscheidung des Pfarrers und des Landesdenkmalamtes.

Die Wieskirche ist vor allem ein touristisches Ziel. Ist es ein Vorteil oder ein Nachteil für einen Organisten, wenn immer wieder andere Gläubige kommen?

Für einen Organisten sind Wallfahrten ein großer Stress, denn immer gehen Kirchenführungen voraus, dazwischen finden Messen statt. Im Sommer, wenn sich die Wallfahrtgruppen die Klinke in die Hand geben, konnte ich tagsüber kaum üben, außerdem kamen viele Besucher auf die Empore und wünschten sich zum Beispiel, dass ich das Ave Maria spiele.

Und? Haben Sie?
Wann immer es möglich war, ja. Andererseits war es natürlich verführerisch, dass täglich andere Leute kamen. Man konnte stets seine Favoriten und Bravourstücke spielen wie die Toccata, Bachs bekanntestes Orgelwerk oder Trumpet Volountary von Henry Purcell.

Für wen spielen Sie? Für sich, für Gott, für die Menschen?
Man spielt für die Menschen. Aber Gott muss es auch gefallen. Wer nicht gläubig ist, kann im Gottesdienst, denke ich, die geistliche Musik von Bach nicht spielen. Auch bei Sängern merkt man den Unterschied: Exsultate Jubilate, eine geistliche Motette von Mozart, kriegen selbst berühmte Koloratursängerinnen nicht hin, wenn sie keinen religiösen Bezug haben. Die singen zu kokett.
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Susanne Schneider und Tobias Haberl

Susanne Schneider und Tobias Haberl trafen mit Anton Guggemos nicht nur den langjährigen Organisten der Wieskirche, sondern auch einen absoluten Fachmann der Orgelgeschichte und des Orgelspiels. Sie ermunterten ihn, unbedingt ein Buch zu schreiben, damit sein immenses Wissen erhalten bleibt. Er fühlte sich zwar geehrt, jedoch nicht wirklich überzeugt. Hoffentlich ändert sich das noch.

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