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aus Heft 01/2016 NSU-Prozess

»Bitte schön, was sollen die Mätzchen!«

Protokoll: Annette Ramelsberger, Tanjev Schultz und Rainer Stadler  Fotos: Paula Markert; Illustrationen: Stuart Patience

Ein Bombenanschlag in Köln, 15 Raubüberfälle und die Frage, wie alles begann: Der NSU-Prozess am Oberlandesgericht München ist der größte deutsche Strafprozess seit der Wiedervereinigung. Wie in den ersten beiden Jahren dokumentiert das SZ-Magazin den Prozess mit Originaläußerungen, die gekürzt wiedergegeben werden.


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Tag 173, 12. Januar

Manfred Götzl, 61, Richter. Dirk Spliethoff, 57, Kriminalhauptkommissar aus Düsseldorf.

Götzl: Dann darf ich zuerst zum neuen Jahr begrüßen und stelle die Präsenz fest. Herr Spliethoff, es geht uns heute um einen Anschlag aus dem Juni 2004 in der Keupstraße in Köln. Berichten Sie bitte.
Spliethoff: Gegen 16 Uhr hat sich der Sprengstoffanschlag ereignet. Die Kölner Kollegen sahen sich nicht in der Lage, den Tatort aufzunehmen. Wir sind die Spezialisten und wurden dann angefordert. Die Keupstraße ist eine Einbahnstraße mit rechts und links geschlossenen Häuserzeilen. Im Erdgeschoss befinden sich Restaurants und Läden, vom Dönerimbiss bis zum Juwelier. Darüber dann Wohnräume. Die Anwohner sind überwiegend türkische Mitbewohner. Nach Einschät-zung der Kollegen vor Ort befand sich vor Haus 29, einem Friseurladen, die Sprengvorrichtung, auf einem Fahrrad befestigt. Ein Kollege sagte, das Fahrrad sei an einem Aktionstag bei Aldi verkauft worden. Als wir ankamen, wurde uns mitgeteilt, dass 22 Menschen verletzt worden waren. Es wurde eine Vielzahl von Nägeln gefunden sowie Stofffetzen und Splitter. Wir haben Teile gefunden, die wir Batterien zuordnen konnten, Drähte, Kippschalter, einen silberfarbenen Gegenstand, einen Quarz aus dem Bereich des Flugmodellbaus. Wir sind davon ausgegangen, dass die Sprengvorrichtung per Funk ferngezündet wurde. Insgesamt haben wir 702 Nägel gefunden, zum Teil sehr stark deformiert, aber auch kleine Teile. Der Druck muss so stark gewesen sein, dass diese Nägel zerbrochen waren.

Jena-Lobeda: hier wuchs Uwe Böhnhardt auf. Mit Beate Zschäpe und Uwe Mundlos ging er später in den Untergrund.


Tag 175, 20. Januar
Sandro D’Alauro, 34, aus Köln, arbeitslos. Melih Kasapoğlu, 31, Justizangestellter aus Köln. Sükrü Atan, 59, aus Köln, erwerbsunfähig. Kemal Gündoğan, 35, Arbeiter aus Köln.

D’Alauro: An dem besagten Tag war ich mit meinem Freund Melih unterwegs in Köln-Mülheim. Wir wollten in der Keupstraße noch was essen. Wir sind zu Fuß zur ersten Dönerbude gegangen. Auf dem Rückweg ist es dann am Friseurladen passiert: Es war, als hätte mir einer die Beine von hinten weggeschossen. Als ich aufgestanden bin, hab ich nur Qualm gesehen. Alles war kaputt. Ich hab nichts gehört. Ich hab meinen Freund Melih auf dem Boden gesehen und wusste nicht, ob er tot ist. Man hat mir mein Oberteil ausgezogen, weil das am Brennen war. Dann kam der Rettungswagen. Ich war lange auf der Intensivstation. Ich hatte einige Nägel in den Beinen und in der Schulter, Verbrennungen, zwei Finger, die fast ab gewesen wären. Ein Nagel ging durch den Oberschenkel, ich war zunächst an den Rollstuhl gekettet. Man hat uns verdächtigt, ich durfte keinen Kontakt zu Melih haben, weil man dachte, wir hätten das Fahrrad da hingestellt.

(D’Alauro ab. Der nächste Zeuge betritt den Gerichtssaal.)

Kasapoğlu: Die Stichflamme hatte das Ohr ausgebrannt, es musste operiert werden. Ich hatte über hundert Splitter im Gesicht, die wurden mit der Nadel rausgeholt. An den Oberschenkeln bekam ich großflächig Haut transplantiert. Es war wie bei »Körperwelten«, man hat die Adern und Sehnen gesehen. Als ich wachgeworden bin, lag ich wie eine Mumie da.

(Es folgt der Zeuge Sükrü Atan.)

Atan: Ich wurde in ein künstliches Koma versetzt. Seitdem bin ich erwerbsunfähig. Ich habe Schwindelgefühle und bin Diabetiker geworden. Nachts kann ich nicht schlafen. Ich kann nicht in Massen gehen, weil ich dann Panikattacken bekomme.

(Atan ab. Der Zeuge Kemal Gündoğan betritt den Gerichtssaal.)


Gündoğan: Es war ein Wendepunkt in meinem Leben. Eigentlich war ich ein sozialer Mensch, der sich gern in Gesellschaft befand. Aber jetzt bin ich ein asozialer Mensch.

Tag 177, 22. Januar
Manfred Götzl, Richter. Ali Yüce, 45, Gastronom aus Köln. Ehrenfried Ibisch, 62, BKA-Mitarbeiter.

Yüce: Man sagte, es seien die Türsteher. Ich sagte, dass ich eher glaube, es waren die Rechtsradikalen, sie wollten das Zusammenleben der Türken stören. Wir lebten dort in der Keupstraße sehr friedlich, Kurden, Türken, wir hatten nie Probleme gehabt. Es kann niemand von unserer Straße gewesen sein.

(Yüce ab. Der Sachverständige Ibisch betritt den Gerichtssaal.)


Götzl: Sie haben im August 2013 Sprengversuche durchgeführt. Welche Ergebnisse haben Sie erhalten?
Ibisch:
Wir haben die Sprengversuche auf dem Truppenübungsplatz Wildflecken durchgeführt, um die Splitterwirkung und die Druckwelle einer Bombe wie in der Keupstraße zu untersuchen. In eine Campinggasflasche wurden 4,5 bis 5,5 Kilogramm Jagdschwarzpulver eingefüllt und elektrisch gezündet. Um die Gasflasche herum waren Nägel von zehn Zentimeter Länge angeordnet. Wir haben sechs Versuche gemacht und dazu Hochgeschwindigkeitsaufnahmen. Um die Sprengvorrichtung herum war ein Spreng- und Splittergarten aufgebaut, aus sieben Metallplatten. Innerhalb der Tafeln stieg ein großer weiß-gelb-roter Flammenball auf. Die Nägel flogen mit einer Geschwindigkeit von bis zu 770 Stundenkilometern. Im Umkreis von fünf Metern bestand tödliche Gefahr durch Splittertreffer, noch in 55 Metern Entfernung wurden Splitter gefunden. Die Druckwelle im Zentrum war bis zu einem Abstand von 2,8 Metern tödlich. Im Abstand von 8,5 Metern waren immer noch Trommelfellverletzungen möglich.

Tag 178, 27. Januar

Gerlinde Borghoff, 63, Rentnerin aus Köln. Arif Sağdıç 52, Ladenbesitzer aus Köln.

Borghoff: Ich kam vom Kieser-Training und war auf dem Weg zum Auto. Da hab ich beobachtet, dass mir ein junger Mann entgegenkam mit einem Fahrrad. Er ist mir sehr aufgefallen, weil er das Fahrrad sehr behutsam geschoben hat, was ich mir nicht erklären konnte. Ich konnte ihn relativ lange beobachten. Er hatte hinten eine schwarze Box auf dem Gepäckträger, mir kam es merkwürdig vor, aber ich habe mir keine weiteren Gedanken gemacht. Er hatte etwa das Alter meines Sohnes, der Jahrgang 1977 ist. Ein schlanker junger Mann. Er trug Sportkleidung und ein Käppi, er wirkte angespannt und etwas verschwitzt. Die Augen waren dunkel; ich hab immer gesagt, es war kein unansehnlicher Mann. Die Täter haben sich ja umgebracht. Als ich das Foto von Uwe Böhnhardt gesehen habe, hat es bei mir wirklich heftige Reaktionen hervorgerufen.

(Borghoff ab. Arif Sağdıç betritt den Gerichtssaal.)

Sağdıç: Zwei Tage durften wir unsere Geschäfte nicht betreten. Zivilbeamte kamen, fragten, ob es die Mafia gewesen ist. Ob es um Schutzgelderpressung ging oder es die Hisbollah gewesen sein könnte. Sie haben uns nicht gefragt: Wie ist Ihre Situation, können Sie einer Vernehmung folgen? Ich sagte, ich weiß doch, wer das gemacht hat, das waren die Rassisten, die Neonazis. Der Polizist hat dieses Zeichen gemacht (hält den Zeigefinger vor seinen Mund): Psst, schweige!

Tag 185, 11. Februar

Manfred Götzl, Richter. Bernd Tödter, 40, aus Kassel, selbstständig, Gründer der rechtsextremen Organisation »Sturm 18«

Götzl: Es geht uns um Ihre Kontakte zu Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt, Beate Zschäpe.
Tödter: Dazu kann ich keine Angaben machen.
Götzl: Moment, lassen Sie mich sagen, worum es geht. Es geht uns darum, ob Sie die drei kennen.
Tödter: Da kann ich keine Angaben zu machen.
Götzl: Was bedeutet das?
Tödter: Das bedeutet, mir wurde gesagt, dass gegen mich ermittelt würde.
Götzl: Ich wüsste nicht, dass das so ist. Uns liegen dazu keine Angaben vor.
Tödter: Dann kann ich mich an nichts erinnern.
Götzl: Sind Sie vom BKA dazu vernommen worden?
Tödter: Ja, die haben mir eine Menge in den Mund gelegt. Aber unterschrieben habe ich nichts.
Götzl: In den Mund gelegt?
Tödter: Man hat versucht, mich zu vernehmen. Man hat mir Angebote gemacht, aber ich habe abgelehnt.
Götzl: Was hat man Ihnen angeboten?
Tödter: Nichts Halbes und nichts Ganzes.
Götzl: Haben Sie denn Angaben gemacht gegenüber der Polizei oder der Staatsanwaltschaft?
Tödter: Kann ich mich nicht erinnern.
Götzl: Uns liegt hier ein Protokoll vor vom 29.3.12 …
Tödter:… da ist aber bestimmt nicht meine Unterschrift drunter.
Götzl: Es findet sich aber ein Schriftzug, der sieht nach Bernd Tödter aus.

(Götzl winkt Tödter zum Richterpult.)


Tödter: Ja, das ist meine Unterschrift. Aber ich hab nichts ausgesagt.
Götzl: Aber diese Unterschrift haben Sie geleistet?
Tödter: Wie gesagt: Der Herr vom BKA hat geredet, und ich hab ihn reden lassen, und das war’s.
Götzl: Wer war denn anwesend?
Tödter: Keine Ahnung, drei Personen.
Götzl: Wieso sagen Sie erst keine Ahnung und dann im selben Moment drei Personen?
Tödter: Kann ich Ihnen nicht erklären.
Götzl: Fand das Gespräch in der JVA Hünfeld statt?
Tödter: Ja.
Götzl: Haben Sie sich an die Behörden gewandt?
Tödter: Ja.
Götzl: Worum ging es Ihnen?
Tödter: Ich wollte einfach mal gucken, was passiert.
Götzl: Haben Sie geschrieben, dass Sie möglichst frühzeitig aus der Haft entlassen werden wollen?
Tödter: Das haben die angeboten.
Götzl: Dann muss ich Ihnen das mal vorlesen: »Ich befinde mich wegen Bedrohung und Beleidigung in der JVA und möchte meine Hilfe anbieten.« Haben Sie das geschrieben?
Tödter: Ja.
Götzl: Weiter heißt es hier: »Als Gegenleistung erwarte ich, dass man sich für mich einsetzt.« Danach hätten Sie das mit der Haftentlassung ja selbst angesprochen.
Tödter: Kann sein. Wenn Sie das so vorlesen, wird das so sein. Ich möchte dazu angeben, das war aus hafttaktischen Gründen gewesen.
Götzl: Weiter heißt es: »Anlässlich einer Feier haben Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt in Kassel übernachtet.«
Tödter: Ich kenne die Personen ja nicht einmal, wie sollte ich das wissen?
Götzl: Meine Frage ist, ob Sie das gesagt haben?
Tödter: Nein, das habe ich nicht gesagt.
Götzl: Waren Sie mal auf einer Feier in Zwickau?
Tödter: Ja. Das war vielleicht so um das Jahr 2003. Mein Bruder hat da gewohnt.
Götzl: Um welche Feier ging es da?
Tödter: Mein Bruder hat eine Feier organisiert, und ich bin da hingefahren.
Götzl: (liest vor) »Es war eine Feier in einer Garage am Stadtrand, dort habe ich Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos getroffen. Es waren keine Frauen anwesend.«
Tödter: Da kann ich mich nicht dran erinnern, so was gesagt zu haben.
Götzl: Weiter haben Sie zu Protokoll gegeben: »Ich weiß, dass Mundlos und Böhnhardt in Kassel waren, wer sie eingeladen hat und wo sie geschlafen haben.«
Tödter: So was hab ich nie gesagt.

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Der NSU - Eine Chronologie

26.1.1998 - Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe tauchen nach einer Razzia in Jena unter, zunächst in Chemnitz, später in Zwickau.

18.12.1998 - Mundlos und Böhnhardt begehen den ersten Raubüberfall in Chemnitz.

9.9.2000 - Die Mordserie des NSU beginnt, bis 2007 erschießen die Terroristen zehn Menschen.

9.6.2004 - Nagelbombenanschlag in der Keupstraße in Köln.

4.11.2011 - Tod von Mundlos und Böhnhardt nach einem Banküberfall. Zschäpe stellt sich vier Tage später der Polizei.


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Tag 186, 24. Februar

Manfred Götzl, Richter. Gabriele Sonntag, 46, Altenpflegerin aus Zwickau. Wolfgang Stahl, 43, Verteidiger von Beate Zschäpe.

Götzl: Sie haben in der Polenzstraße neben Frau Zschäpe gewohnt. Hatten Sie nach ihrem Umzug weiter Kontakt zu ihr?
Sonntag: Ja, Lisa – so nannte sie sich damals ja – kam ab und zu zu uns in den Hof und zu Frau Kuhn, die auch hier wohnt.
Götzl: Wie haben Sie Frau Zschäpe zuletzt erlebt?
Sonntag: Als es dem Ende zuging und das Haus in die Luft gesprengt wurde, da wirkte sie sehr angespannt, sie wirkte sehr unter Stress, hat auch mehr getrunken als sonst. Das letzte Mal hab ich sie gesehen so zirka 14 Tage, bevor das Haus in die Luft flog.
Götzl: Mehr getrunken als sonst – was meinen Sie damit?
Sonntag: Es blieb meist im Rahmen, sie musste ja auch mit dem Rad nach Hause fahren. Aber da hat sie Mischungen gemacht mit härteren Alkoholsachen. Sie wirkte sehr gestresst.
Götzl: Hatte sie dann Probleme mit dem Gehen oder Sprechen?
Sonntag: Sie kam etwas schwer aufs Fahrrad.
Götzl: Sie haben in der polizeilichen Vernehmung von einem Streitgespräch zwischen Lisa und Frau Kuhn berichtet. Lisa habe ihr eine Standpauke gehalten und sich gar nicht beruhigen können.
Sonntag: Ja, da war sie so aggressiv, so kannte ich die Lisa nicht. Sie ist der Frau Kuhn sehr auf die Pelle gerückt. Ich dachte, sie haut ihr eine. Das ist dann aber nicht passiert.
Stahl: Worum ging es denn in dem Streit?
Sonntag: Na ja, wenn Frau Kuhn Geld in der Hand hatte, wurde alles Mögliche gekauft.
Stahl Weshalb hat sich Lisa dafür interessiert?
Sonntag: Frau Kuhn hat oft Leute angepumpt, Lisa war nicht die Einzigste. Auch dieses Mal ging es darum, dass was gekauft werden sollte für eine Feier. Und Frau Kuhn hat gesagt, dass sie kein Geld dafür hat. Sie wollte wieder von jemand Geld haben. Aber Lisa hat die Nase voll gehabt, dass sie andere immer um Geld angepumpt hat.

Tag 187, 25. Februar
Manfred Götzl, Richter. Gunter Fiedler, 37, Metallbauer aus Chemnitz. Jörg Winter, 40, Kunststoffschlosser aus Leppersdorf.

Götzl: Was können Sie uns über die drei Personen erzählen, die im Jahr 1998 untergetaucht sind?
Fiedler: Ich und mein Bruder haben von einem Herrn Starke einen Anruf bekommen. Wir sollten drei Leute abholen, die bräuchten eine Unterkunft. Wir haben die mit dem Auto abgeholt und bei einer Bekannten gefragt. Sie sind dann in der Wohnung ihres Freundes untergekommen.
Götzl: Da fehlt mir einfach ein bisschen was. Sie bekommen einen Anruf von Herrn Starke. Jetzt würde mich interessieren, wie die Zwischenschritte waren.
Fiedler: Wir kannten die drei nicht. Wir sind mit ihnen zu Mandy Struck, der Bekannten, und haben sie gefragt, ob sie da schlafen können. Sie sagte, bei ihr nicht, aber in der Wohnung ihres Freundes.
Götzl: Sie haben immer von »wir« gesprochen. Wer ist gemeint?
Fiedler: Mein Bruder und ich.
Götzl: Was hat denn Herr Starke Ihnen gesagt, warum die eine Unterkunft bräuchten?
Fiedler: Nicht viel. Er hat gesagt, sie sind vor der Polizei abgehauen.
Götzl: Wie ging denn das Ganze weiter?
Fiedler: Wir haben sie noch ein paarmal in der Wohnung besucht, zwei, drei Mal vielleicht, dann ist der Kontakt aufgelöst worden.
Götzl: Haben Sie etwas Näheres erfahren, warum die drei die Wohnung gesucht haben?
Fiedler: Das hab ich nicht hinterfragt.
Götzl: Dieser Umstand, dass sich die drei dort aufgehalten haben, ist darüber gesprochen worden in Ihrem Bekanntenkreis?
Fiedler: In meinem Umfeld nicht, nein. Ich bin mit dem Thema diskret umgegangen.
Götzl: Was können Sie zu Ihrem Bruder sagen?
Fiedler: Der ist genau wie ich damit umgegangen: diskret.

(Fiedler ab. Nächster Zeuge ist Jörg Winter.)

Götzl: Kannten Sie Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe?
Winter: Nein, nicht bewusst.
Götzl: Können Sie etwas zu dem Punkt sagen, ob die drei Genannten sich 1998 in Chemnitz aufgehalten haben?
Winter: Weiß ich nicht.
Götzl: Haben Sie Gespräche dazu mitbekommen?
Winter: Nein.
Götzl: Können Sie etwas zur Verbindung Blood & Honour Sachsen sagen?
Winter: Da war ich Mitglied, seit 1998.
Götzl: Welche Personen haben da eine Rolle gespielt für Sie?
Winter: Eigentlich die komplette Sektion von uns. Jan Werner und Thomas Starke zum Beispiel.
Götzl: Wie war es mit Waffen?Winter War bei uns nie Gesprächsthema. Wir waren eine Musikbewegung.
Götzl: Wie sieht es mit Sprengstoff aus?
Winter: Da weiß ich, worauf Sie hinauswollen, aber das hatte nichts mit der Chemnitzer Szene zu tun. Der Starke hat mich mal nach Sprengstoff gefragt, ich hab ihm das privat gegeben. Er wollte privat experimentieren. Das war vielleicht 1996 gewesen.
Götzl: Welche Art Sprengstoff?
Winter: tnt. Vielleicht ein, zwei Kilo.
Götzl: Woher hatten Sie das?
Winter: Von einem Bekannten, der hatte was bei mir abgegeben zur Aufbewahrung.
Götzl: Haben Sie für den Sprengstoff Gegenleistungen bekommen?
Winter: Nein, also nicht dass ich wüsste. Eigentlich war ich ja froh, dass ich das Zeug los war. Irgendwann kriegt man da noch Besuch, und dann gibt’s nur Ärger.
Im Stadtteil Jena-Winzerla wohnten Beate Zschäpe und Uwe Mundlos. Sie trafen sich dort regelmäßig im Jugendclub mit Freunden aus der rechten Szene. In dieser Zeit radikalisierten sie sich, nahmen an Neonazi-Demonstrationen teil, planten die ersten Straftaten.
Tag 188, 26. Februar
Manfred Götzl, Richter. Christina Hamberg, 30, Erzieherin aus Leipzig.

Götzl: Es geht uns um Ihre Kontakte zu Herrn Carsten S., wie Sie ihn kennengelernt haben und wie Sie heute zu ihm stehen.
Hamberg: Mein Einstieg in die Szene war 1996, da war ich zwölf und erst partymäßig dabei. 1997 bin ich zur Gruppe in Winzerla gestoßen und hab Carsten kennengelernt. Damals war eine Tankstelle der Treffpunkt, da saß ein Obdachloser mit Bier. Wir haben dem das Bier geklaut und sind zusammen in den Jugendclub gefahren. Unser Kontakt besteht bis heute, wir haben den Ausstieg aus der rechten Szene gemeinsam gefunden.
Götzl: Wann war der Ausstieg?
Hamberg: Er ist 2000 raus und ich Anfang 2001.
Götzl: Wie kamen Sie in die rechte Szene?
Hamberg: Meine Eltern haben sich getrennt, als ich elf war. Das war ein traumatischer Einschnitt, es gab einen schlimmen Absturz, auch schulisch gesehen. Die radikale Gruppe war ein Ventil, um meine stille Wut loszuwerden.
Götzl: Als Sie Carsten S. kennenlernten, welche Rolle spielte er in der Szene?
Hamberg: Die Gruppe in Winzerla bestand eben aus mehreren Leuten, zu denen auch Herr Wohlleben und Carsten zählten. Nach meiner Wahrnehmung sollte Carsten sich um den Nachwuchs kümmern. Es gab in Kahla ein Grundstück, das gepachtet war, da haben sich solche Gruppen immer mal getroffen. Es machte für mich den Eindruck, dass er mit uns mitgeschickt wurde. Nach dem Motto: Indoktrinier die mal ein bisschen.
Götzl: Von wem wurde er geschickt?
Hamberg: Kann ich nicht genau sagen. Die Leitpersonen waren damals Ralf Wohlleben und André Kapke. Ich vermute, dass die das angezettelt hatten. Es wurde auf dem Grundstück ein Cop-Running inszeniert, wir wurden mit Fahrzeugen umkreist. Die haben uns damals wirklich Angst gemacht.
Götzl: Waren Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe damals Gesprächsthema?
Hamberg: Ich hab nur wahrgenommen, dass es die gibt, die Geschichten mit Bombenbauern. Und dass die dann weg sind und hochgelobt wurden für die Taten. Dass sie ernst machen. Sie waren eine Art Märtyrer.
Götzl Haben Sie mitbekommen, ob Herr Wohlleben Kontakt hatte zu den dreien?
Hamberg: Wohlleben nicht. Aber bei André Kapke habe ich in Erinnerung, dass es da irgendwie mal drum ging, das Trio in Südafrika unterzubringen. Von seiner Seite hat man schon gespürt, dass er sich für die drei auch verantwortlich fühlt. Es war auch klar, dass er Kontakt zu denen hat.
Götzl Sie haben bei der Polizei Folgendes zu Protokoll gegeben: »Fakt für mich ist, dass Wohlleben und Kapke die kranksten Hirne sind.« Was haben Sie damit gemeint?
Hamberg: Dass die für mich immer so eine angsteinflößende Aura hatten, so ein bisschen Psycho. Kapke hat eh immer so auf mir rumgehackt. Wenn wir auf ’ner Party waren, und ich mal mehr getrunken hab, dann wurde gesagt: Kannst dich nicht benehmen! Man hat mich Windelwichs genannt, scheißt noch in die Windeln. Toller Name für ein junges Mädchen.
Götzl: Dann haben Sie erzählt, dass jemand Döner gegessen hat und dafür bestraft wurde.
Hamberg: Das war der Lück, der kam nach mir und war dann der neue Windelscheißer. Es kursierte das Gerücht, dass er einen Döner gegessen hat, als er bei Wohlleben zur Tür reinkam. Und dass Wohlleben sagte: Jetzt machst du zehn Liegestütze. Und wenn du noch mal Döner isst, wirst du ausgepeitscht.

Tag 190, 5. März
Manfred Götzl, Richter. Hendrik Lasch, 39, Einzelhändler aus Chemnitz.

Götzl: Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe haben nach ihrem Untertauchen im Jahr 1998 eine Wohnung gesucht. Was wissen Sie dazu?
Lasch: Es wurde ganz normal angesprochen, dass eine Wohnung gesucht wird. Von wem, weiß ich nicht mehr genau.
Götzl: Wo haben Sie sich nach dem Untertauchen erstmals wieder getroffen?
Lasch: Nach dem Abtauchen, meinen Sie? Wir kannten uns ja schon länger, das war kein spezieller Cut, kein großes Thema, dass man jetzt alles anders machen muss im Untergrund. Ich fand die Situation nicht großartig anders als vorher.
Götzl: Dann müssen wir uns unterhalten, was für Sie normal ist und was nicht. Ist Untertauchen ein gewöhnlicher Vorgang?
Lasch: Es ist kein gewöhnlicher Vorgang, aber für die damalige Zeit …
Götzl: Wie war das erste Zusammentreffen nach dem Untertauchen?
Lasch: Das war nicht geheim. Wir haben uns nicht nur nachts gesehen. Ich fand die Situation nicht besonders brisant.

Tag 191, 11. März
Manfred Götzl, Richter. Marcel Degner, 39, aus Gera, selbstständig, früherer V-Mann des Thüringer Verfassungsschutzes.

Götzl: Es geht uns um Erkenntnisse zu Blood & Honour. Was können Sie dazu sagen?
Degner: Na ja, gut. Ich war bei Blood & Honour gewesen, so ab 1996.
Götzl: Bitte lauter und deutlich sprechen!
Degner: Okay. Und ja, keine Ahnung. Jetzt haben Sie mich aus dem Konzept gebracht.
Götzl: Schildern Sie einfach mal, welche Bezüge zu Blood & Honour bestanden.
Degner: Von 1996 bis 2000 war ich Sektionschef in Thüringen, nach dem Verbot musste ich zwangsläufig damit aufhören.
Götzl: Wann war die Verbotsverfügung?
Degner: Im September 2000.
Götzl: Weswegen wurde Blood & Honour Thüringen gegründet?
Degner: Es war eine Musikbewegung und diente dazu, Konzerte zu veranstalten.
Götzl: Aus welchem Bereich sollten die Bands rekrutiert werden?Degner Aus der rechten Musikszene.

(Pause.)


Götzl: Haben Sie mal nachgefragt, bei Starke oder anderen, ob die drei Untergetauchten noch Geld bräuchten?
Degner: Kann schon sein.
Götzl: Aufgrund welcher Umstände kommen Sie zu der Einschätzung, es könnte schon sein?
Degner: Schwierig.
Götzl: Ja, ich kann die Frage für Sie nicht beantworten! Was ist denn schwierig?
Degner: Überhaupt die Frage zu beantworten. Erinnerungstechnisch ist das eher noch sehr schwach vorhanden. Ich kann das nicht wirklich mit Ja oder Nein beantworten.
Götzl: In der Regel will ich wissen, wie es im Einzelnen war!
Degner: Also, es könnte sein, dass es so gewesen ist.
Götzl: Dann müsste ja irgendwas in Ihrer Erinnerung vorhanden sein. Mit wem haben Sie gesprochen?
Degner: Mit Starke, glaub ich, ja.
Götzl: Und wann und wo?
Degner: Bei irgendeinem Konzert. Wo und wann, keine Ahnung.

(Pause.)

Götzl: Herr Wießner vom Thüringer Verfassungsschutz hat vor Gericht gesagt, Sie seien die Quelle 2100 gewesen.
Degner: Den kenne ich nicht.
Götzl: Haben Sie eine Ahnung, warum Sie Herr Wießner als Quelle bezeichnet hat?
Degner: Das müssten Sie Herrn Wießner fragen.
Götzl: Den hab ich schon befragt. Uns liegen im Übrigen auch Ablichtungen von Ihren Quellenmeldungen vor. (Er liest ihm eine Meldung vor.)
Degner: Was kann ich dazu sagen, wenn’s da drinne steht? Ich hab’s da nicht reingeschrieben.

Tag 192, 12. März
Manfred Götzl, Richter. Andreas Reinl, 41, Verkaufsleiter aus München.

Götzl: Es geht uns um Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Frau Zschäpe, ob Sie die Personen gekannt haben?
Reinl: Den Uwe Mundlos hab ich in der Schule kennengelernt oder sogar im Kindergarten. Er war schon mein bester Freund. Nach der Schule hat jeder seinen Lehrberuf gehabt, dann hat sich das ein bisschen auseinandergelebt.
Götzl: Können Sie ihn beschreiben?
Reinl: In der Schule, bis zur sechsten Klasse, da war er schon eher so pazifistisch unterwegs. Er hatte langes gelocktes Haar und trug gern selbst gestrickte Pullis. Er war gegen alles, was so vom System, der SED, aufoktroyiert wurde. Gegen die Armee, gegen die Partei. Nach dem Umzug nach Winzerla ist er in eine rechte Szene reingekommen, die Gedankengänge wurden immer absoluter, radikaler. Das fiel genau in die Zeit der Wende.
Götzl: Können Sie das näher beschreiben?
Reinl: Ja, gut, er fing an, Geschichten aus dem Dritten Reich zu erzählen. Was die alles gemacht haben und Gutes gemacht haben. Wenn man aber sagte, schau mal, dein Bruder zum Beispiel hat Kinderlähmung, das wäre damals unwertes Leben gewesen, dann hat er das weggewischt. Da war schon eine gewisse Kälte und Erbarmungslosigkeit. Er hat das Talent zur Agitation. Wenn er von etwas überzeugt war, dann hat er das zehnmal wiederholt, bis man ihm zugestimmt hat.
Götzl: Wie ging es weiter?
Reinl: Er wurde halt immer rechter. Mit der Wende fielen ja auch die Autoritäten weg, was Neues war noch nicht richtig da. Er ist da irgendwo in diese rechte Szene eingetaucht, es ging los mit der Musik, bestimmte Musik, die Haare wurden geschoren, Stiefel getragen, solche Dinge halt.
Götzl: Waren Waffen oder Gewalt mal ein Thema?
Reinl: Scharfe Waffen auf jeden Fall nicht. Ich hatte ein Luftdruckgewehr, mit dem haben wir schon Schießübungen gemacht. Aber nix Außergewöhnliches. Mit 14 waren wir im Wehrausbildungslager, da haben wir mit Kalaschnikows schießen müssen. Nach der Wende ging es dann los, jeder musste ein Messer haben oder eine Gaspistole.
Götzl: Können Sie uns etwas zu seinen Vorlieben sagen, was Musik angeht?Reinl In der Schulzeit hat er viel Udo Lindenberg gehört, später wurden daraus die Böhsen Onkelz.Götzl Hatte er Vorlieben für bestimmte Fernsehsendungen?
Reinl: Ja, den Rosaroten Panther fand er damals schon immer ganz toll. Diese Sprüche, da kommt ja immer so eine Stimme auf dem Off, das gehörte eigentlich zu seinem Sprachgebrauch.
Götzl: Sie haben der Polizei gesagt, er habe in der zehnten Klasse antijüdische Spiele programmiert.
Reinl: Ja, ich bilde mir ein, dass da ein Spiel war, wo man Juden abschießen sollte.
Götzl: Weiter haben Sie über Beate Zschäpe ausgesagt: Anfangs dachte ich, was ist denn das für eine Primitive, die hat ja nichts im Kopf!
Reinl: Das war so ihre Art, in den Tag hineinzuleben. Und so wie sie sich gegeben hat – das hat auf mich gewirkt damals, als sei sie sehr unterwegs gewesen. Und ein Stück weit obszön. Sie konnte auch mal recht laut werden und warf mit unanständigen Ausdrücken herum. Aber das ist vielleicht auch ein Stück weit normal in einer Gruppe mit pubertierenden Jungs.
Götzl: Erinnern Sie sich noch an Uwe Mundlos bei dem letzten Treffen? Wie er ausgesehen hat?
Reinl: Er hatte, glaube ich, sein übliches Outfit an, die Bomberjacke, und war sehr fröhlich. Es war nur ein kurzes Treffen auf der Straße. Er sagte, dass er angeblich von zweien beobachtet würde, die er erst mal abschütteln müsse.

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  • NSU-Prozess

    NSU-Prozess: Protokoll des dritten Jahres

    Das dritte Jahr im größten deutschen Strafprozess seit der Wiedervereinigung ist vorbei. Wie in den Vorjahren hat das SZ-Magazin die Verhandlung vom ersten Tag an verfolgt und täglich mitgeschrieben. Und wieder haben wir die Protokolle verfilmt.

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    Die NSU-Protokolle im SZ-Magazin

    Fünf Angeklagte, hunderte Zeugen und ein unbeirrbarer Richter: Das SZ-Magazin hat die ersten drei Jahre des NSU-Prozesses dokumentiert und eine ganze Ausgabe den Protokollen gewidmet. Jedes Jahr ist ein Film dazu entstanden.