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aus Heft 08/2016 Das Beste aus aller Welt

Steinkraut Gelb Avocado gestreift

Von Axel Hacke  Illustration: Dirk Schmidt

Früher war ein Hemd »grau oder »blau«, heute genügt das nicht mehr. In einem Modekatalog entdeckt unser Kolumnist Farbezeichnungen, die ihn zutiefst verunsichern.

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Leserin G. empfiehlt, einen Blick in den Katalog der Firma Lands’ End zu werfen, es sei einfach zu und zu schön, welche Bezeichnungen man sich dort für die Farben der Kleidungstücke ausgedacht habe: satt Koralle, frisch Melone, Grün Biskaya, medium french blue, opulent Kobalt, blauer Bach, vintage malve, Graureiher meliert - so geht das Seite für Seite. Tatsächlich mag man nicht aufhören, hat man sich einmal in dieses Farbenmeer gestürzt. Ich entdeckte ein kariertes Herrenhemd, das mit »Steinkraut Gelb Avocado gestreift« beschrieben war, einen Pullover pries man als »Loreley meliert« an, und eine Bluse war in »Elfenbein Melrose Blütenbild«, »Frisch Melone Multi«, »Leuchtend Magenta/Elfenbein Gingham« oder »Soft Royal Multi Gestreift« zu haben.

Als ich mich weiter in das Thema vertiefte, bin ich auf der Internetseite fashionunited.de gelandet und las über Modefarben-Trends: »Frisches Salbeigrün geht mit dunstigen, gedeckten Farben in den Herbst über und inspiriert einen weichen Farbton zwischen Oliven- und Mintgrün … Erdiges Olivgrün wird mit einer neuen Tiefe angegangen und wird so zu einem Farbton mit einem deutlich formellen Anklang … In dieser Saison betont die jüngste Evolution von Khaki dessen erdige Untertöne mit einer raffinierten Verschmelzung mit herbstlichem Braun.«

Ich liebe das: Differenziertheit, Opulenz, Genauigkeit, Hingabe. Und natürlich ist im Hintergrund die Stimme von Frau Dr. K. aus Loriots Sketch Eheberatung zu hören: »Es kommt nicht so genau darauf an, Herr Blöhmann …« Und man antwortet sofort mit Blöhmann: »Doch-doch …«

Ja, es kommt genau darauf an, überall im Leben kommt es genau darauf an, das nur nebenbei. Das Erstaunliche ist, dass man diese Art der Farbenlyrik keineswegs mehr nur als Überspanntheit der Modebranche abtun kann. Dies lehrt ein Blick in den vom Kraftfahrt- Bundesamt herausgegebenen »Farbkatalog für die Fahrzeugklasse M1 ›Personenkraftwagen‹«, der alle Farben deutscher Autos verzeichnet. Allein für Grau, Blöhmanns Lieblingsfarbe (» … aber nicht so grau … mehr grüngrau …«) finden wir hier 36 Schattierungen, Achatgrau etwa, auch Betongrau, Kieselgrau, Mausgrau, Staubgrau, Steingrau, Zeltgrau. Allerdings fällt dem Kenner das Fehlen von Fenstergrau auf, auch von Verkehrsgrau, das er beides aus dem RAL-Katalog deutscher Normfarben kennt und besonders liebt.

Man liest das, und wartet geradezu auf den Polizeibericht im Rundfunk, in dem es heißt, die Täter seien »in einem achatgrauen, fast schon zelt-maus-staubgrauen Opel geflohen«. Und möchte auch in der Zeitung nicht mehr nur einfach lesen, Angela Merkel sei im grünen Sakko vor die Presse getreten, sondern bittet sich Präzision aus, etwa in der Art: »In neuer Tiefe angegangenes, ins Tirolberg-mooshafte changierendes Frühlingsbachrandbepflanzungsgrün«. Sonst kann man es sich ja nicht richtig vorstellen.

Noch in der Schöpfungsgeschichte der Bibel kommt nur eine einzige Farbe vor, »junges Grün« nämlich: »Dann sprach Gott: Das Land lasse junges Grün wachsen.« Im Lands’ End-Katalog aber gibt es ein Etuikleid wahlweise in »Blauer Blütengarten« oder »Wacholder Floral«. Man kann nicht anders als zu erschauern vor dieser Weiterentwicklung der Schöpfung. Auch Loriots Eheberatung wird, bei allem Respekt, bald neu geschrieben werden müssen, damit künftige Generationen sie verstehen.

Frau Dr. K.: » … Und Herr Blöhmann, Ihr Lieblingsfarbe?«

Herr Blöhmann: »Umgehungsstraßengrau … aber nicht so umgehungsstraßengrau … mehr resedagrünumgehungsstraßengrau … ins Herbstackerbraune. Eine Art Packpapierbraunschläfengrau … mit Maigrün … ein Schmutzwasserbraunaktendeckelgrünhauptverkehrszeitgrau.«

Frau Dr. K.: (notiert) »Schmutzwasserbraunaktendeckelgrünhauptverkehrszeitgrau …«

Herr Blöhmann: »Es schadet auch nichts, wenn es ein bisschen ins Tuschkastenbläuliche hinüberspielt, Hauptsache, es ist umgehungsstraßengrau.«
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Von Axel Hacke

Zum Verfassen dieses Textes legte Axel Hacke wie immer die von der Kolumnisten-Innung vorgeschriebene Arbeitskleidung an: ein enges Elastikbodyshirt zur Hebung der Körperspannung, buchstabenfarbene Fingerspitzenschützer zur Vermeidung von Verletzungen beim raschen Tippen, einen Bleistiftrock - und einen aus alten SZ-Magazinen gefertigten Helm zum Schutz vor Stockschlägen, die ein Redakteur auf seinen Hinterkopf niederprasseln lässt, um die Gedankendichte zu erhöhen.

  • Das Beste aus aller Welt

    Genau genommen

    Dieser Text ist nicht der erste, in dem unser Kolumnist das Verb »ficken« verwendet. Aber bevor sich das Wort wie so viele andere vollständig abgenutzt haben wird, wollte er es doch nochmals tun.

    Von Axel Hacke
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    Das Beste aus aller Welt

    Mach kaputt, was dich kaputt macht

    Auf Youtube kann man Menschen zusehen, wie sie stundenlang ein Sofakissen föhnen oder Barbiepuppen und Golfbälle in einer Hydraulikpresse zermalmen. Die Videos könnten gute Dienste auf AfD-Parteitagen leisten, findet unser Kolumnist.

    Von Axel Hacke
  • Das Beste aus aller Welt

    Matrix lässt grüßen

    Im Netz gibt es keine Grenzen: man kann alles kaufen - wann, wo und wie man will. Da wundert es unseren Kolumnisten nicht, dass einige Menschen digitale Angewohnheiten mit in die analoge Welt nehmen.

    Von Axel Hacke