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aus Heft 12/2016 Familie

Freunde fürs Leben

Von Michalis Pantelouris  Fotos: Cameron Bloom

Ein Junge rettet eine kleine Elster – und die rettet seine ganze Familie.



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Das ist es, was sie Anfängern sagen, die zum ersten Mal einen Golfschläger in die Hand nehmen: Halte ihn wie einen Vogel! Fest, damit er nicht wegfliegt, und dabei zart, damit er nicht zerdrückt wird. Und jene Zartheit setzt sich fort durch den ganzen Körper, jeden Muskel, sodass alles sich bewegen kann. Der Golfschwung ist eine der kompliziertesten Bewegungen aller Sportarten – wahrscheinlich eine der schwierigsten Bewegungen überhaupt. Man lernt ihn mit der Idee eines Vogels im Kopf. Was also lernt man erst mit einem echten Vogel in der Hand? Und ist das nicht alles, was wir unseren Kindern über das Leben beibringen wollen: die Balance zu finden zwischen Loslassen und Festhalten? Zwischen etwas bekommen und gleichzeitig die Verantwortung für etwas haben? Zwischen Liebe und der Arbeit, die sie macht? Dafür bekommen Kinder Haustiere. Und Eltern auch.

Noah Bloom hat einen Vogel. Penguin heißt er, oder genau genommen sie, aber das ist nur der Name, tatsächlich ist Penguin eine Elster, als Baby aus dem Nest gefallen, gefunden und gerettet von dem Jungen und seiner Familie. Seitdem lebt Penguin bei den Blooms in Newport in Australien, etwas nördlich von Sydney. Die Elster ist dort praktisch ein Haustier, jedenfalls wenn man einem Haustier zugesteht, dass es immer mal wieder für ein paar Tage, inzwischen auch ein paar Wochen verschwindet und sein eigenes Leben lebt. Penguin kommt immer irgendwann wieder, stakst ins Haus und macht es sich auf irgendwem bequem, singt mit Noah zur Gitarre und ist ganz generell so zauberhaft, dass inzwischen fast 120 000 Menschen auf Instagram den Bildstrom abonniert haben, den Noahs Vater Cameron für sie angelegt hat. Er ist Fotograf, und die Bilder sind zärtliche Momentaufnahmen aus dem Leben seiner drei Söhne, seiner Frau und ebenjenes Vogels, von dem Cameron sagt, er habe seine Familie gerettet. Denn die Geschichte von Penguin Bloom ist mehr als nur niedlich. Sie ist eine, die nur das Leben schreibt. Insofern das Leben manchmal scheiße ist.

Es ist nicht klar, ob Tiere lieben können. Die rührenden Geschichten von verliebten Tierpärchen, die über Jahrzehnte zusammenleben, lassen sich erklären: Die Chemie stimmt, am Geruch erkennen sie, ob das eigene Erbgut zu dem des Partners passt, alles unromantisches Zeug. Und zum Menschen haben Haustiere noch ganz andere Gefühle: Sie akzeptieren ihn als Leittier, vergöttern ihn, beschützen ihn und treiben ihm Beute zu (das ist das unromantische Prinzip des Hirtenhundes, leider). Und es hat kaum Tradition, dass Menschen ihre Haustiere gut behandeln. Selbst in Deutschland, wo Tierquälerei verpönt ist und Hunde aufs Sofa dürfen, waren Haustiere noch bis 1990 privatrechtlich gesehen leblose Sachen, die gepfändet werden durften und »beschädigt«, indem man sie verletzte oder umbrachte. Kaninchen im Garten waren vor nicht allzu langer Zeit noch als Braten gedacht, überzählige Katzenkinder wurden im Eimer ersäuft und Hunde geschlagen und getreten. Die meisten Haustiere schienen trotzdem ihre Halter zu lieben. Wenn die Liebe deines Lebens dich verlässt, die Kollegen dich mobben und deine Kinder sich nie melden, dann bleibt dir wenigstens dein Hund, der dich liebt? Mag sein, aber das unterwürfige Vieh weiß es einfach nicht besser. Nein, das Geheimnis von Haustieren ist nicht, dass sie ihre Halter lieben. Und der Grund, Haustiere zu halten, ist auch nicht, dass Kinder Verantwortung lernen, denn unter der Verantwortung von Kindern würden Haustiere verhungern und in ihrem Dreck ersticken. Aber Haustiere können, was Menschen am schwersten fällt: Sie können Liebe annehmen, ohne jemals das Gefühl zu haben, etwas dafür schuldig zu sein.

Kurz bevor Penguin aus dem Nest fiel und von Noah gefunden wurde, war dessen Mutter, Sam Bloom, im Urlaub in Thailand durch ein morsches Geländer fünf Meter tief gestürzt und ist seitdem von der Brust abwärts gelähmt. Die Geschichte der Rettung von Penguin Bloom ist auch die Geschichte ihrer Rettung. Sie half, den kleinen Vogel aufzuziehen, der sie brauchte und dem sie helfen konnte. »Sie hatte etwas zu tun«, so sagt es Cameron Bloom, und etwas zu tun, das größer ist als man selbst – und sei es nur ein elsterkleines bisschen größer –, ist die Definition eines erfüllten Lebens. Es ist Sinn. Es ist Freude. Es kann der Unterschied sein zwischen den grauen Gängen der Depression und dem Blick hinaus in die Welt. Und Penguin war so etwas: Die vor ihrer Verletzung sportlich extrem aktive Sam fand an ihr den Weg aus einer langen Nacht der Seele, fährt heute Kajak und trainiert für die Paralympics. Die Elster und sie haben fliegen gelernt, gleichzeitig, aneinander. Festhalten und loslassen. Liebe geben, ohne sie zurückzufordern. Liebe nehmen, ohne etwas schuldig zu sein. Leben. Das ist der Sinn von Haustieren. Vielleicht erklären Sie das mal Ihren Kindern, wenn Sie nicht gerade den Kotbeutel in der Hand haben. Oder gucken Sie sich die Bilder von Penguin Bloom an. Die erklären alles.
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Cameron Bloom

Der Fotograf und seine Familie haben außerdem vier Hühner, die täglich Eier für sie legen, sowie vier Bienenstöcke. Mit dem Honig bessern die Kinder ihr Taschengeld auf, aus dem Bienenwachs machen die Blooms Lippenbalsam. Cameron Blooms Buch »Penguin Bloom« (Co-Autor: Bradley Trevor Greive) erscheint in diesen Tagen beim australischen Verlag ABC Books.

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