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Aus dem Magazin 28. April 2016

Hört die Signale

Von Wolfgang Luef  Fotos: Charlotte Schreiber

Die SPD war einmal eine stolze Volkspartei, heute dümpelt sie in Umfragen bei 20 Prozent. Wie konnte das passieren? Und was müsste sich ändern? Wir haben jemanden gefragt, der die Geschichte der Partei selbst erlebt hat: Luise Nordhold, Parteimitglied seit 1931.



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Unser erster Eindruck: Luise Nordhold wirkt jünger, als sie ist. Zwar braucht sie einen Rollator, um sich fortzubewegen, doch das Erinnerungsvermögen der Frau, die länger SPD-Mitglied ist als irgendjemand sonst, ist phänomenal. Die 99-Jährige empfängt uns bei Kaffee und Kuchen in ihrer Wohnung. Selbst mehr als zwei Stunden Interview scheinen sie kaum anzustrengen.

»Die Umfragen machen mich traurig«, sagt sie gleich zu Beginn. Seit sie denken kann, verfolgt Luise Nordhold jeden Tag die Nachrichten. Und kann manchmal nicht verstehen, was aus ihrer Partei geworden ist. Luise Nordhold ist ehemalige AWO-Vorsitzende und langjährige Gemeinderätin in Ihlpohl bei Bremen, SPD-Mitglied seit 1931, davor schon mehrere Jahre lang aktiv bei den Roten Falken.

Im Gespräch mit dem SZ-Magazin kritisiert die 99-Jährige, dass sich die SPD von den Anliegen der Arbeiter und der Armen zu weit entfernt habe. Früheren Politiker-Generationen sei das Gemeinwohl viel mehr am Herzen gelegen als der aktuellen Parteispitze – als Beispiel nennt sie Peer Steinbrück, der die Honorare für Vorträge nicht direkt an die Partei spendete. »Das wäre früher selbstverständlich gewesen.«

Auf die Frage, was sozialdemokratische Politik für sie bedeutet, antwortet Luise Nordhold nicht mit konkreten Vorschlägen oder Programmen, sondern mit zwei einfachen Punkten: Wichtig seien das Eintreten für den Frieden und für all jene, die weniger zur Verfügung haben als man selbst. Sie hat dieses Politikverständnis von ihrem Vater übernommen und durch schwierige Zeiten getragen. Als Kind wurde sie von Kommunisten drangsaliert, als 14-Jährige ging sie mit Plakaten auf die Straße, auf denen stand: »Wer Hitler wählt, wählt den Krieg.« Die Demo wurde von der SA gewaltsam aufgelöst, Luise Nordhold blieb zum Glück unverletzt. Nach der Machtübernahme der Nazis »mussten wir uns immer verstecken, aber ausrotten konnten sie uns nicht«, erzählt sie. Nach dem Krieg gründete sie in Ihlpohl die SPD neu und war jahrzehntelang in der Kommunalpolitik aktiv.

Dass sie das älteste Parteimitglied ist, hat sie selbst erst vor Kurzem erfahren – jemand aus der Parteizentrale habe bei ihrem Ortsverband angerufen. In den nächsten Tagen wird eine Delegation der Bundespartei nach Ihlpohl kommen, um ihr zum 85-jährigen Jubiläum zu gratulieren. »Ich wäre lieber zu denen gefahren, aber ich muss mich langsam etwas zurücknehmen.« Vor ein paar Jahren war sie beim 150-Jahr-Jubiläum der Partei in Leipzig und traf dort den Vorsitzenden Sigmar Gabriel. Als er geboren wurde, war sie schon fast 30 Jahre lang in der SPD. Ihre Meinung zum jungen Chef? »Irgendwie hab ich den Eindruck, er ist dem Ganzen noch nicht richtig gewachsen.«

Lesen Sie hier das komplette Interview mit SZPlus



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