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aus Heft 21/2016 Deutschland

Garten der Harten

Von Johannes Böhme  Fotos: Tobias Kruse

In Berlin-Neukölln erstreckt sich eine 7000 Quadratmeter große Fläche, auf der ein alter Mann sich an einem Wunder versucht: Sein Garten soll eine Rettungsstation sein für all die schwierigen Jugendlichen, die in der Gegend wohnen.

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Angefangen hat alles mit Veilchen und einem tschechischen Revolutionär. Die Veilchen wurden ausgerissen, der Revolutionär ausgepfiffen, und Henning Vierck, der die Veilchen gekauft und den Revolutionär eingeladen hatte, dachte sich: Ich kann einpacken. Das wird nie etwas. Aus einer 350 Jahre alten Metapher einen Garten machen, mitten in Neukölln, mit Entwurzelten aus jedem Konflikt der Erde, mit Kurden, Türken, Libanesen, Libyern, Roma, Serben, Kosovaren, Ukrainern und Syrern – was für eine Schnapsidee.

Vierck sitzt unter einem zwanzig Jahre alten Pflaumenbaum. Die Sonne scheint ihm ins faltendurchzogene Gesicht, und er lacht, als er das erzählt.

Als Vierck anfing, vor mehr als zwanzig Jahren, war der Garten nur eine Idee. Vor ihm lagen 7000 Quadratmeter Schutthalde, die von den Anwohnern als Parkplatz genutzt wurden. Die ersten Pflanzen, die er bestellte, waren Veilchen. Er kaufte 4000 Stück. Am Anfang des Gartens sollte ein riesiges Veilchenbeet die Besucher anlocken. Die Blumen wurden am Abend geliefert, es wurde dunkel, Vierck ließ die Blumen in ihren Töpfen und ging nach Hause. Am nächsten Morgen wachten die Bewohner des Neuköllner Richardplatzes, eines großen Ovals aus Jugendstilgebäuden, mit dem Geruch von mehreren tausend Veilchen auf, die überall verstreut lagen. Ein paar Kinder aus der Nachbarschaft waren in der Nacht über den Holzzaun gestiegen, hatten die Blumen gesehen und sich daran gemacht, möglichst viele auf einer möglichst großen Fläche zu verteilen.

Als Vierck die Verwüstung sah, war er am Boden zerstört. Er wollte am liebsten zurück zu seinen Büchern, seinem Job an der Uni. Schließlich fing er an, die Veilchen einzusammeln, jedes einzeln mit der bloßen Hand. Die Kinder guckten ihm zu. Er sagte ihnen: »Ja, es macht bestimmt Spaß, die auszureißen und rumzuwerfen. Aber es macht auch Spaß, sie wieder einzusammeln.« Und nach einer Weile begannen dieselben Kinder, die das Chaos angerichtet hatten, ihm zu helfen. Ein fast biblisches Bild: Mehr als dreißig arabische, türkische und kurdische Kinder rennen einem großen Mann mit Methusalembart hinterher, jedes mit Armen voller duftender Veilchen. »Die Kinder haben sich den Garten auf sehr brutale und wunderschöne Art angeeignet«, sagt Vierck. Seither steht das Veilchenbeet am Anfang des Gartens.

Der tschechische Revolutionär hieß Alexander Dubček. Zur Gartengründung brachte er eine bronzene überlebensgroße Statue von Comenius mit. Dubček hatte 1968 den Prager Frühling angeführt, der mit großen Hoffnungen anfing und mit sowjetischen Panzern endete. Der Garten von Vierck war zu dem Zeitpunkt noch ein Geröllfeld. Und mittendrin diese etwas pompöse Statue. Dann empfingen die Neuköllner Dubček auch noch mit Trillerpfeifen: Die Eltern einer angrenzenden Kita waren wütend, weil der Garten der Kita ein paar Quadratmeter Außenfläche wegnahm. Es war Dubčeks letzter Besuch in Deutschland. Einige Monate später starb er nach einem Autounfall auf nasser Fahrbahn. Vierck hat heute ein Bild vom Prager Frühling über seinem Schreibtisch.

Henning Vierck ist zwei Meter lang. Er hat Hände, die größer sind als die Köpfe der meisten Kinder, die herkommen. Sein Kopf ist groß wie ein Amboss und hat die gleiche Form. Er geht gebückt, was er auf die Last seiner Verantwortung zurückführt und sein Orthopäde wahrscheinlich mit jahrelanger schwerer Gartenarbeit erklären würde. Seine Augen sind klein und neugierig. Seine Wutanfälle sind berüchtigt. Seine Warmherzigkeit auch. Seine Stimme ist voll und weich, wenn er will, dass sie voll und weich ist. Er brüllt in druckreifen Sätzen. Als ein Junge einen Ast von einem Pflaumenbaum abbricht, rennt er ihm hinterher, bis er ihn eingefangen hat, und schreit: »Du kannst doch nicht die Hand abreißen, die dir einen Bonbon gibt!« In seiner Geduld, seinem Sinn für Gerechtigkeit und seinem Zorn hat er etwas von einem alttestamentarischen Patriarchen. Der Bart tut sein Übriges. Er ist 67 Jahre alt, kommt ursprünglich aus Flensburg und lebt seit mehr als dreißig Jahren in Neukölln.

Vierck will mit seinem Garten eine Metapher wahrmachen: die Seele als Garten. Vierck hat die Metapher von dem Philosophen Johan Amos Comenius. Die Seele ist für Comenius ein Garten, angelegt von Gott, vollendet durch Erziehung. Bei Comenius heißt es, dass in einem guten Garten der Mensch die Natur vollendet, sanft, ohne Gewalt. Er hoffte, dass man so dem Paradies auf Erden näher kommen würde. Vierck hat dafür einen Garten angelegt. Der Garten heißt »Comenius-Garten«. Vierck selbst nennt ihn: das Paradies.

Aber auch das Paradies brauchte einen Geburtshelfer. Der heißt Michael Wend und war damals Stadtplaner in der Verwaltung des Landes Berlin; ein Bürokrat. Als Vierck das Konzept für den Garten geschrieben hatte, bekam Wend es auf den Schreibtisch und war begeistert von der ungewöhnlichen Idee. So begeistert, dass er 4,2 Millionen D-Mark besorgte und eine berühmte Landschaftsarchitektin kontaktierte, die ein Konzept für den Garten entwarf. So begeistert, dass er den Garten selbst dann nicht sterben ließ, als der Staatssekretär ablehnte, weil er das Konzept zu bizarr fand. Wend wartete, bis ein neuer Staatssekretär ernannt wurde. Der hat den Garten dann genehmigt. Bis heute wird Viercks Gehalt vom Land Berlin bezahlt. Vierck selbst nennt seinen Job ein »säkulares Pfarramt«.

Wie bringt man denen, die hier neu ankommen, all das bei? Diese Regeln. Ein ganzes Regelgerüst, das von der deutschen Schuld am Holocaust, der Menschenwürde und dem progressiven Steuersystem bis zum Umgang mit Frauen reicht. Und all diese Merkwürdigkeiten: dass die Deutschen ihre Hunde lieben oder dass sich Menschen in der Öffentlichkeit küssen, als gäbe es nur sie. Man könnte da fragen: Wieso macht ihr das so? Und wenn man lange genug fragt, bliebe irgendwann nichts weiter übrig als zu sagen: So sind wir eben. So handeln wir eben. »Habe ich die Begründungen erschöpft, so bin ich nun auf dem harten Felsen angelangt, und mein Spaten biegt sich zurück«, schrieb der Philosoph Ludwig Wittgenstein über den Versuch, Regeln zu erklären. Manches lässt sich nicht erklären. Es muss gemeinsam gelebt werden.

Viercks Regeln sind: kein Alkohol, keine Drogen, keine laute Musik. Die Wiese mit den seltenen Gräsern darf nicht betreten werden. Früchte dürfen nur gemeinsam abends gepflückt werden. Der Garten ist nachts geschlossen, er ist kein Park. Kinder dürfen nachts über den Zaun klettern. Erwachsene handeln sich, wenn sie es machen, eine Anzeige ein. Man darf nur so viele Früchte mitnehmen, wie man mit den Händen tragen kann. Gewalt gegen Pflanzen – Äste abbrechen, die Wiese aus brusthohem Wildgras betreten, Knospen abreißen – ist verboten. Gewalt gegen andere Menschen ist ein Skandal. Aber vor allem glaubt Vierck nicht an starre Regeln. Er ist bereit, jede Regel auszusetzen, wenn er meint, dass es menschlicher ist, sie auszusetzen. Jede Regel, bis auf die mit der Gewalt. Die hat er sogar in einen Stein meißeln lassen: »Alles fließe von selbst, Gewalt sei ferne den Dingen«, steht auf einem Stein gegenüber der Gartenpforte. Es ist ein Zitat von Comenius.

Die Regeln im Garten sind immer auch ein bisschen Poesie, wenn sie aus Viercks Mund stammen: »Manchmal kommen Kinder mit Tüten in den Garten, um Früchte zu pflücken und sie mit nach Hause zu nehmen. Dann bleibt mir nichts anderes übrig als zu sagen, dass es im Paradies keine Tüten gibt. Da lebt man von der Hand in den Mund.«

Im Paradies wachsen Äpfel, Birnen, Pflaumen (gelbe, grüne und violette), Mirabellen, Kirschen, Johannisbeeren, Stachelbeeren, Maulbeeren, Renekloden, Quitten, Brombeeren, Walnüsse und Haselnüsse. Durch den Garten fließt ein Bächlein. Es gibt einen Teich und einen Rosengarten. Das alles ist kaum hundert Meter von einer Blutwurstmanufaktur, Woolworth und Falafel für 1,99 Euro entfernt.

Mit den Obstbäumen im Garten wuchsen auch die Jungs von der R44 auf. Die R44 war bis vor einigen Jahren eine der härtesten türkischen Neuköllner Jugendgangs. R44 stand für Richardstraße und 44 für den alten Postcode von Neukölln. Bei Prügeleien mit anderen Gangs wurde mit Holzlatten aufeinander eingedroschen und mit Messern aufeinander eingestochen. Der Innenausschuss des Berliner Abgeordnetenhauses hat sich mal mit der R44 befasst, nachdem ein Gangmitglied vor laufender Kamera des RBB mit einer Schreckschusspistole in die Luft geschossen hatte. Abgeordnete wollten danach wissen, was die Polizei gegen die Bande tun werde. Das »Seelenparadies«, der Holzpavillon, der in der Mitte des Gartens steht, war der Lieblingsort der R44.

»Hassan habe ich kennengelernt, da heulte der auf der Straße, weil er nicht in die Schule gehen konnte«, sagt Vierck. Hassan hatte zuvor ein paar Tage in der Schule gefehlt. Er brauchte eine Entschuldigung seiner Eltern. Nur konnten die nicht schreiben. Zumindest nicht in lateinischen Buchstaben, so erzählt es Vierck. »Ich habe ihm dann die Entschuldigung geschrieben. Seine Eltern mussten da nur noch ihren Namen druntersetzen.« Hassan war der Junge, der später vor der Kamera mit der Schreckschusspistole rumschoss.

Vierck redet immer wieder über die R44 und besonders über einen Jungen, den auffälligsten, unruhigsten, vorlautesten: Ali Kaya war nicht groß gewachsen, aber kräftig gebaut, mit stechenden Augen – ein Anführer. Er war Gangchef und die selbst ernannte »Stimme von Neukölln«. Ein 17-Jähriger, der Rapsongs schrieb wie Die erste Kugel ist gratis und Massaka.

Vierck kennt ihn, seit er klein war. Als Kaya das erste Mal im Garten war, stieg er auf einen Baum und brach einen Ast ab. Vierck hat ihn an den Schultern gepackt, geschüttelt und angeschrien: »Nie wieder machst du das! Hörst du!« Das nächste Mal bekam er von Vierck einen Apfel und Wasser. Vierck schoss den türkischen Jungs den Fußball zurück, wenn der über den Zaun geflogen war. Und er half ihnen mit den Hausaufgaben, wenn sie gefragt haben. Später in der Pubertät kam Ali Kaya in den Garten, wenn sein Vater ihn nachts nicht mehr ins Haus ließ. Sein Vater ist der Imam der Moschee nebenan. Ein strenger Mann, der nicht wollte, dass sein Sohn sich zu lange draußen herumtreibt, und der die Tür abschloss, wenn Ali bis Mitternacht nicht zurück war. Im Sommer nahm Ali sich dann eine Decke und übernachtete im Comenius-Garten, unter freiem Himmel, über ihm die Äste der Birn- und Apfelbäume. »Herr Vier-Eck« – alle Kinder hier rufen ihn so, wie das geometrische Muster – »Herr Vier-Eck«, sagt Kaya, »war für mich wie ein Vater. Er hat uns aufgenommen, selbst als alle anderen mit uns nichts zu tun haben wollten.«



Ali Kaya gab im Garten auch sein erstes Rapkonzert. Vierck hatte es organisiert. Am Ende beschwerten sich die Politiker von SPD und CDU, die auch gekommen waren, über die gewaltverherrlichenden Texte. Vierck war das egal, solange es bei Worten blieb. »Ich habe das verstanden, diesen Drang, sich zu beweisen«, sagt er.

Die Schlägereien fingen meistens mit langen Blicken an. Wenn zu lange geguckt wurde, ging das große Hauen und Stechen los. Und wenn sie sich nicht schlugen, dann randalierten sie in U-Bahnhöfen, sie haben MP3-Player »abgezogen« und die Arrestzelle der Neuköllner Polizei mit Graffiti zugesprüht. Sie hatten Schlagringe dabei, Teleskopstöcke, Schreckschusspistolen, Klappmesser und manchmal Macheten, »Die Macheten sollten nur Angst machen. Die haben wir nie eingesetzt«, sagt Kaya heute. Das ist ihm dann doch wichtig, dass sie so verroht nicht waren. Sie waren dabei Jäger und Gejagte. Das Spiel mit der Gefahr wäre auch für sie immer wieder beinahe schiefgegangen. Einmal zogen Mitglieder eines arabischen Clans mit Schusswaffen durch Neukölln und suchten Kaya. »Wegen eines Missverständnisses«, wie er sagt. Ein anderes Mal rannten er und ein paar Freunde auf der Flucht vor der Polizei in einen U-Bahnschacht. Nach drei, vier Minuten hörten sie die Bahn auf sich zufahren. Sie pressten sich an den Rand des Tunnels. Die Polizei nahm sie dann trotzdem fest, als sie am anderen Ende wieder rauskamen.

Im Comenius-Garten aber waren sie anders. Vierck sagt, es sei ein Ort der Selbstbestimmung für die Jugendlichen. Sie müssten sich hier nicht so sehr beweisen. Sie könnten auch mal Schwäche zeigen.

Kaya hat hier seinen Müll aufgesammelt. Er hat seine Red-Bull-Dosen wieder mitgenommen. Die anderen haben ihre Kippenstummel aufgelesen. Sie haben keine Äste abgebrochen und Früchte nur zusammen mit Vierck gepflückt. Kaya saß mit seinen Freunden oft im Pavillon in der Mitte des Gartens. Sie haben da gerappt, sie haben sich über den Koran unterhalten oder über Mädchen. Vierck ließ sie viel in Ruhe. Und irgendwann fingen sie an, sein Vertrauen zurückzuzahlen.

Einmal, als Kaya mit Freunden im Pavillon zusammensaß, kamen zehn jüngere türkische Jungs vorbei. Er kannte sie. Es waren jüngere Geschwister seiner Freunde. Sie sagten Ali Kaya, dass sie sich mit einer arabischen Gang verabredet hätten – um zu kämpfen. Mit dabei hatten sie Schlagstöcke, Totschläger, Messer. Und jetzt wollten sie damit direkt vor der Statue von Comenius Blut fließen lassen. »Denen zeigen wir’s«, haben sie gesagt. Ali Kaya fuhr sie an: »Was macht ihr hier? Seid ihr verrückt geworden?!« Er erinnerte sie daran, dass er ihre Eltern kennt und ihre Brüder. Er erklärte ihnen, dass der Garten dafür nicht der Ort ist. Und dann nahm er, der Ältere, den Jüngeren ihre Waffen ab und schickte sie weg.

Natürlich ist Viercks Einfluss außerhalb des Gartens begrenzt, das weiß er selbst. »Es ist schon ein ganz großer Erfolg des Gartens, dass es hier nie zu körperlicher Gewalt gekommen ist«, sagt er.


Es gibt die großen Geschichten von denen, die ihr Leben herumgerissen haben. Einer aus der R44 hat 2012 das beste Abitur von Berlin gemacht. Es gibt einige, die heute Filialleiter sind, Angestellte in mittelständischen Unternehmen, und einer hat seinen eigenen Dönerladen. Wieder andere waren weniger glücklich: Einige sind im Gefängnis gelandet, andere sind drogenabhängig geworden, einer ist an Blutkrebs gestorben, und einer hat versucht, sich umzubringen, und sitzt seitdem im Rollstuhl.

Ali Kaya brach erst eine Malerausbildung ab, weil er das Terpentin nicht vertrug, dann eine Gasinstallateursausbildung, weil er den Geruch von Scheiße nicht aushielt. Jetzt, mit 28, hat er seine Ausbildung zum Produktdesigner abgeschlossen. Er hat eine 15 Monate alte Tochter, er hat geheiratet und singt in der sufischen, gemäßigten Moschee seines Vaters. Er ist stolz darauf, dass die Polizei ab und zu zum Essen in der Moschee vorbeikommt. Herrn Vierck hat er noch ein paarmal zu sich nach Hause eingeladen. Sie haben gegessen, und am Ende haben Vater und Sohn zusammen für Vierck sufische Lieder gesungen – Lieder, die klagend von der Sehnsucht nach Gott handeln.

Vierck sitzt unter zwei schwer behangenen Pflaumenbäumen. Zwei der Bäume haben tiefe Narben an ihrem Stamm. Mit einem Messer haben zwei Jungs vor zwanzig Jahren in das junge Holz geritzt. Man sieht die Wunden deutlich. Vierck ging damals durch die Nachbarschaft und fragte die Kinder, ob sie wüssten, wer das war. Irgendwann sagten sie ihm zwei Namen. Bei der ersten Familie klopfte er an, er sagte, wie entsetzt er sei, und der Vater sicherte ihm zu, dass so etwas nicht wieder vorkommen würde. Beim zweiten Haus kam ihm, noch bevor er klopfen konnte, ein weinendes Kind entgegen. Das Kind war wegen der verletzten Bäume geschlagen worden. Die Eltern hatten von der ersten Familie schon erfahren, dass Vierck vorbeikommen würde, um sich zu beschweren. »Seither frage ich die Kinder, ob ich die Eltern besuchen kann.«

»Gewalt ist eine entartete Kraft. Kraft sollte sich in Vielfalt und Kreativität und Schönheit äußern.« Man merkt Vierck an, dass er viel liest und noch mehr nachdenkt. Er kann aus dem Stand eine halbe Stunde über Descartes reden oder über den Deutschen Idealismus. Vierck betreibt im Garten etwas, was er »Wunderforschung« nennt: Philosophen, Künstler und Wissenschaftler stellen den Kindern große Fragen. Vierck hat Ordner voll mit diesen Kinder-Antworten auf Fragen nach dem Himmel, dem Nichts, der Leere oder ganz einfach: »Wovor fürchtet ihr euch am meisten?«

Die damals siebenjährige Elif antwortete darauf: »Ich habe Angst vor dem Tod. Guck mal, bei dem Spielplatz wurde eine Frau ermordet.« Die siebenjährige Merve erzählt vom selben Vorfall: »Ein Mann hat ihr den Hals zugedrückt, und dann war sie tot, und die haben überall Zettel hingehängt. Die haben wir gelesen.« Beide meinen den Mord an Bozena Maleczek, einer Polin, die 2003 vor ihrem Haus am Karl-Marx-Platz erwürgt wurde, nur wenige Schritte vom Garten entfernt.

Als der achtjährige Firat das Gegenteil von Angst malen soll, zeichnet er zwei Menschen, die mit geschlossenen Augen die Köpfe zusammenhalten. »Die mögen sich«, sagt er dazu. Beide haben nichts zu befürchten. Sie sind ganz beieinander.

Vierck ist streng, aber nicht unnachgiebig. Er weiß, wann er seine eigenen Regeln brechen muss. Eigentlich sind Drogen jeder Art im Garten verboten. Als eine Gruppe hipper Mittdreißiger mit einem Sixpack Bier unter dem Arm in den Garten marschiert, schmeißt Vierck sie sofort raus. Bei Burak war er anders. Burak ist im Haus direkt neben dem Gar- ten aufgewachsen. Er ist ein 27 Jahre alter Student, der Apotheker werden möchte. Früher lief er die hundert Meter in 10,4 Sekunden. Als er sich mit 17 verletzt hatte und die ersehnte Basketballkarriere bei Alba Berlin an der Bandscheibe kaputtgegangen war, saß Burak wochenlang im Garten und kiffte. Vierck ließ ihn machen. »Er hat das ignoriert. Er ist da dran vorbeigegangen, weil er mich kannte. Und weil er wusste, was mit mir los war.« Viercks Regeln sind nicht starr, er ist bereit, sie zu lockern, wenn er meint, dass sie mehr schaden als nutzen.

»Wir sind so groß geworden, dass Regeln dazu da sind, gebrochen zu werden. Hier war es das erste Mal anders«, erzählt Burak. Er fasst Viercks Methode so zusammen: »Er hat es wie die Natur gemacht. Er hat bestimmte Regeln aufgestellt und dabei jedem seinen Platz im Leben gegeben.«

Vielleicht liegt es daran, dass Vierck auch Sechsjährige so ernst nimmt wie Erwachsene. Er widmet sich den Kindern mit Geduld. Er hört ihnen zu, er lässt sie ausreden, er schätzt ihre Sicht auf die Welt, selbst wenn sie behaupten, dass »Bäume den Wind machen«, »Wasser wie ein Geist ist« und die »Luft aus Gott besteht«. Er will die Antworten der Kinder so ernst nehmen wie die der klügsten Köpfe der Menschheit, so sagt er es.

Nur einmal wäre es beinahe schiefgegangen. Das war ganz am Anfang. Den Garten gab es noch nicht lange, der Pavillon war gerade neu gebaut. Und eine Handvoll junger Männer, Bodybuilder, Türstehertypen aus dem Viertel, hatte den Garten für sich entdeckt. Vierck ging durch den Garten und sammelte Müll auf, wie er das jeden Tag macht, bis heute. Einer der Männer stand auf und ging auf ihn zu, ein Klappmesser in der Hand. Er klappte das Messer auf und zu, auf und zu, auf und zu. Vierck wusste kurz nicht, was er machen sollte. Gegen Messer hilft ihm seine Größe auch nicht. Aber Wegrennen ging auch nicht. Dann sah er vor sich im Gras ein stumpfes Brotmesser, das jemand beim Picknicken vergessen hatte.

Er hob es auf und sagte zu dem nackenlosen Albtraum aus Muskeln: »Warte, warte. Das kann ich auch!« Dann hat er ihn mit seinem verrosteten Brotmesser nachgeäfft: das Auf-und-zu-Klappen des Butterfly-Messers, die breitbeinige Pose. »In deren Sprache würde man wohl sagen, ich habe ihn gedisst.« Die Gruppe johlte vor Lachen. Und Vierck hatte seinen Garten zurück.

»Das sind alles Gladiatorenkämpfe. Ich halte eben auch dagegen. Das ist eigentlich nicht meine Moral, aber ich weiß, dass es sie gibt.« Die Polizei fragte ihn hinterher, ob er lebensmüde sei.

Viercks Glaube an das Gute im Menschen ist nahezu unerschütterlich: »Es gibt keinen Menschen auf der Welt, dem nicht beim Überleben geholfen wurde. Jeder Säugling braucht jemanden, der ihn nährt. Wir alle waren einmal auf Hilfe anderer angewiesen.« Im Umkehrschluss heißt das für Vierck: Jeder Mensch verdient, dass wir ihm diese Hilfe ein weiteres Mal anbieten. Er möchte so »die Sachen wieder ganz, wieder heile machen«. Auf die Frage, was es denn genau sei, das er heile machen wolle, antwortet er: »Eigentlich all das, was seit Adam und Eva außer Kontrolle geraten ist.«

Als er sechs Jahre alt war, fragte ihn seine Patentante bei einem Familienfest, ob er wisse, wo sein Platz sei. Vierck antwortete damals: »Mein Platz ist, wo ich bin.« Ein eigenwilliges Kind war er. Im Studium hat er dann viel gelesen: Hegel, Fichte und Kant durchgearbeitet, sich in der Philosophie verloren und doch nichts gefunden, was ihn zufriedengestellt hätte. »Meine Haltung war damals: Die Welt ist in Ordnung, solange ich in Ordnung bin. Mit dem Garten habe ich das abgelegt. Ich bin jetzt nicht mehr nur für mich selbst verantwortlich.«

Hamoudi ist frech, vorlaut, intelligent – »ein wildes Kind«, wie Vierck sagt, aus einer palästinensischen Familie. Hamoudi kommt derzeit fast jeden Tag vorbei, um die noch grünen Pflaumen zu pflücken. Die Pflaumen haben eine feste Haut und sind sauer wie Zitronen – aber genau so essen die arabischen Jungs sie am liebsten. Die Säure lindert das Durstgefühl, das sie tagsüber während des Ramadan haben. Henning Vierck hält die Leiter, als Hamoudi die Pflaumen pflückt. Zwei Hände voll. Mit einem Freund legt sich Hamoudi danach auf eine Holzbühne, die neben einem Maulbeerbaum steht. Sie gucken in den blauen Himmel und spucken Kerne um die Wette. Als eine bulgarische Großfamilie an ihnen vorbeigeht, drei Frauen, vier Männer, ein Kinderwagen, guckt Hamoudi hoch wie eine Katze, die eine Maus entdeckt hat. Mit seinen restlichen Pflaumen fängt er an, die Familie zu bewerfen. Mit einem dumpfen Geräusch treffen harte grüne Pflaumen die Plane des Kinderwagens.

Neukölln hat sich in den vergangenen Jahren stark verändert. Erst kamen die Studenten mit ihren Bars. Dann die Familien, mit teuren Kinderwagen, Fahrradanhängern und Holzspielzeug. Sie alle lieben den Comenius-Garten. »Für die, die herziehen, ist das ein Park«, sagt Vierck. »Die kommen mit Decken an und wollen sich in die Gräser legen. Und bringen gleich noch eine Flasche Rotwein mit.« Also muss er jeden Tag jemandem das Alkoholverbot erklären oder die Empfindlichkeit der Gräser. Das nervt ihn. Mit der Großmäuligkeit der Jugendlichen kann er umgehen. Aber an der Selbstverständlichkeit, mit der die Neuen sich breitmachen, verzweifelt er.

Und: Die Probleme hören durch die Gentrifizierung des Viertels nicht einfach auf. Sie sind jetzt weniger sichtbar, aber nicht verschwunden. Marita Stolt leitet die Grundschule nebenan. Sie sagt: »Die Probleme sind immer noch die gleichen wie vor 15 Jahren. Die deutschen Eltern gucken sich unsere Schule an und denken dann doch wieder: Da sind zu viele Araber. Die Armut unserer Schüler ist die gleiche. Die Sprachprobleme sind die gleichen.«

»Ich bereue es. Ich bereue es jetzt und ich bereue es morgen. Ich versuche händeringend, hier rauszukommen. Es ist anstrengend. Es geht an die physischen Grenzen. Man muss lächeln, man muss pflücken, man muss Lösungen finden. Jede Verletzung braucht eine Intervention, jeden Tag gibt es Verletzungen.«

Und doch ist Vierck jede Woche sieben Tage da, von morgens bis abends. Und wenn er Hamoudis Stimme hört, passt er doppelt auf, dass nichts passiert. Er mag erschöpft und müde sein, nachlassen tut er nicht.

Zehn Minuten später behauptet er dann wieder: »Der Garten hat mich gerettet.«

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Johannes Böhme

war mehrere Monate immer wieder am Comenius-Garten vorbeigelaufen, bevor er ihn zum ersten Mal betrat. Er setzte sich dann auf eine Bank. Zwei kleine Jungs kamen vorbei und blieben vor der Comenius-Statue stehen. Sie guckten hoch, und einer sagte zum anderen: »Was für eine Schwuchtel.« Die Kinder hat Böhme im Garten nicht wieder gesehen.

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