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Gesellschaft/Leben 30. Juni 2016

Wie es sich anfühlt, ein Flüchtling in Deutschland zu sein

Von Alexandra Rojkov  Foto: Julian Baumann

Über Flüchtlinge diskutieren meist Menschen, die selber nie Flüchtlinge waren. Unsere Autorin kam als Kind 1992 in ein deutsches Asylbewerberheim. Dort erlebte sie Gewalt, Ausgrenzung und mangelnde Integrationswillen. Was denkt sie über die Flüchtlingskrise des Jahres 2016?  



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Wir wollten nicht aussteigen. Von außen sah das Gebäude so heruntergekommen aus, dass wir uns weigerten, dort einzuziehen. Einige hatten sich hinein getraut und erzählten bei ihrer Rückkehr, dass es drinnen einfach schrecklich sei. »Hier können wir nicht wohnen«, sagte jemand.

Wir beschlossen, den Bus nicht zu verlassen, bevor man uns nicht eine neue Unterkunft stellte. Aber es gab keine neue Unterkunft. Anfang der 90er Jahre war Deutschland überrascht worden von einem »Ansturm der Armen«: Hunderttausende Flüchtlinge und Spätaussiedler suchten Schutz in der Bundesrepublik. Darunter waren auch meine Familie und ich.

Wir lernten die Sprache, meine Eltern fanden Arbeit. Mein Bruder und ich wechselten aufs Gymnasium, später an die Universität. Wer uns auf der Straße trifft, könnte nicht erraten, dass wir Flüchtlinge waren. Wir sind so deutsch geworden, dass ich es selbst lange Zeit vergessen hatte, dass ich ein Flüchtling bin. 

Ich war damals vier Jahre alt. Während die anderen Flüchtlinge um unsere Unterbringung feilschten, schlief ich auf dem Rücksitz des Busses, der uns zur Asylbewerberunterkunft gebracht hatte. Irgendwann kam ein Mann an den Bus. Er war Pfarrer im Ort und hatte einen Karton dabei; darin Obst und Joghurt. Er versuchte, uns dazu zu bewegen, doch in das Haus einzuziehen. Es sei die einzige freie Unterkunft, alle anderen Häuser wären belegt. Meine Mutter sagt heute, sie habe nie zuvor Fruchtjoghurt gegessen. Auch deshalb gab sie schließlich nach. Als es Abend wurde, zogen wir in die Baracken ein.

Meinen Bruder und mich wollte zunächst kein Kindergarten aufnehmen, also saßen wir im Heim und beobachteten die anderen Bewohner. Die Schwarzafrikaner aßen mit der Hand und brüllten einander an. Wir fürchteten uns vor ihnen. Eigentlich fürchteten wir uns vor allen Bewohnern. Vor den Albanern, weil sie so laut lachten, vor den Rumänen, weil sie sich nachts im Hof prügelten.

Mehr als ein Jahr lebte meine Familie dann in dem Haus, gemeinsam mit 300 Menschen aus 15 Nationen. Später zogen wir in eine eigene Wohnung, dann in eine andere Stadt. Als im Jahr 2015 die Flüchtlingskrise begann, erinnerte ich mich an das Haus, das unser erstes Zuhause in Deutschland war. Ich fragte mich: Was wurde aus den anderen Bewohnern? Was kann man aus ihrer und aus meiner Flüchtlingsgeschichte lernen?

Nach monatelanger Suche finde ich einige Familien wieder. Ich sitze an Küchentischen mit jenen, die 1992 mit mir Tür an Tür gewohnt haben. Dazu spreche ich mit Ehrenamtlichen und Verantwortlichen, die uns halfen, in Deutschland anzukommen. Es ist eine Reise in die Vergangenheit – und in Deutschlands Zukunft.

Kann Deutschland es schaffen? Und wie soll das gehen, dass Flüchtlinge wie ich und meine Eltern in diesem Land ankommen, unterkommen und weiterkommen? Ich habe für mich eine Antwort auf diese Frage gefunden.
 
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