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Neue Fotografie 27. Juli 2016

»Meine Bilder machen Lust aufs Altwerden«

Von Konstantin Schätz  Fotos: Karsten Thormaehlen

Emma Morano ist mit 117 Jahren der älteste Mensch der Welt und als letzte lebende Person vor dem Jahr 1900 geboren. Der Fotograf Karsten Thormaehlen hat die Italienerin in ihrer Wohnung am Lago Maggiore besucht - und war froh, dass sie ihn nicht gekratzt hat.




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Name:
Karsten Thormaehlen
Alter: geboren 1965 in Bad Kreuznach
Ausbildung: Diplom in Kommunikationsdesign an der Fachhochschule Wiesbaden
Wohnort: Wiesbaden
Website: www.karstenthormaehlen.com

Wie kam es denn zu dem Fotoshooting mit dem ältesten Menschen der Welt?
Ich fotografiere seit mehr als zehn Jahren ganz bewusst alte Menschen. Im Sommer 2015 hatte ich die Möglichkeit, Susanah Mushatt Jones zu fotografieren, eine US-Amerikanerin, die bis zu ihrem Tod im Mai diesen Jahres als der älteste Mensch der Welt galt. Nachdem sie verstarb, gehört dieser Titel nun der Italienerin Emma Morano. Sie ist so weit bekannt ist der letzte Mensch, der 1899 auf die Welt kam und drei Jahrhunderte miteinander verbindet. Ich habe mich dann während meines Urlaubs in Verbania am Lago Maggiore ein bisschen umgehört. Mithilfe eines Hotelportiers konnte ich Emma Morano ausfindig machen und Kontakt aufnehmen. Ich habe sie dann am Tag meiner Abreise zwischen dem Besuch des Pfarrers und ihrem Mittagessen fotografieren dürfen.

Wie darf man sich Emma Morano vorstellen?
Man hat mir gesagt, dass die Journalistin oder Wissenschaftlerin, die am Vortag da war, gekratzt wurde, weil Emma keine Lust mehr hatte. Ich fand ihren Dickkopf lustig. Auf meinen Bildern sind immer alle gut angezogen. Dass sie ihre Kittelschürze anbehalten wollte, hat meine Arbeit zwar nicht erleichtert, aber ich würde sagen, dass das Schwarz-Weiß-Porträt das schönste Bild ist, das je von ihr gemacht wurde. Sie hat sich teilweise auch bemüht, indem sie mal verschmitzt lächelte und sich in Pose gesetzt hat. Ich hatte insgesamt das Gefühl, sie mochte mich. Ich war jedenfalls weit davon entfernt, gekratzt zu werden.

Sie sind Werbefotograf und Porträtfotograf alter Menschen. Wie lässt sich das verbinden?
Ich war immer schon auf der Suche nach einem ästhetischen Wert in allem, was ich fotografiere. Auch in der Werbung ist es so, dass man die Besonderheiten sucht, um es dann im perfekten Winkel und im perfekten Licht zu fotografieren. Aber ich versuche einfach die positiven Seiten des Alters in meinen Bildern zu zeigen. Das war durchgehend mein roter Faden.

Ist diese Positivität der Grund für den Erfolg Ihrer Bilder?
Es gibt genug Fotografen, die die negativen Seiten ausleuchten. Ich blende die Gebrechen aus. Obwohl ich da meistens gar nichts ausblenden muss. Denn die meisten sind kerngesund und geistig topfit. Und auch die Allerältesten freuen sich noch über einen Sonnenaufgang und ein gutes Essen. Wenn ich es schaffe, das in meinen Bildern zu vermitteln, dann hab ich da schon viel gewonnen. Die Aufnahmen wurden in 50 deutschen Städten ausgestellt und ich bin gerade dabei, das dritte Buch zu machen. Die Leute erfreuen sich an glücklichen alten Menschen.

Und was halten Ihre Modelle von den Aufnahmen?
Natürlich kam es auch schon mal vor, dass einige sich nicht gut getroffen gefühlt haben. Das ist natürlich Berufsrisiko - ähnlich wie gekratzt werden. Aber die meisten sehen hinterher die Bilder an und sagen, dass sie gut getroffen wurden und sie das absolut toll finden. Deswegen geben sie die Bilder ja dann auch für die Bücher frei. Bei den Allerältesten ist es immer ein Stück weit Glückssache, ob man ein Feedback bekommt. Von Emma Morano habe ich leider keins bekommen.

Hat sich Ihre Sichtweise auf das Älterwerden positiv geändert?
Absolut. Meine alten Modelle machen Lust aufs Altwerden. Man kann von glücklichen Alten viel lernen. Dass es zum Beispiel nicht darauf ankommt, wie viel Geld man verdient, sieht man an dem Bild von Emma Morano sehr deutlich. Das sind ganz einfache Verhältnisse. Ein Zimmer in einer Wohnung. Viel wichtiger ist der Zusammenhalt, die Nachbarn, die Freunde. Dieses menschliche Miteinander, das ist es, was das Leben lebenswert macht.
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