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Wild Wild West: Amerikakolumne 26. August 2016

US-Kindergärten: Keine Zeit zum Spielen

Von Michaela Haas 

Um beim Eignungstest für den Kindergarten nicht zu versagen, werden in den USA schon Vierjährige ins Trainingscamp geschickt. Wer mit fünf noch keine App programmiert hat, hat eh verloren.

Statt zu spielen, müssen Vierjährige in manchen US-Kindergärten »überzeugend argumentieren« lernen.
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Wir müssen über Ihr Kind reden. Ja, Ihres. Schöpfen Sie das volle Potenzial Ihres Nachwuchses aus? Haben Sie Ihr Kind schon optimiert? Oder hat Ihre Kleine möglicherweise bereits den Anschluss verpasst? Nun, da die Sommerferien zu Ende gehen und die Kinder in die Schulen strömen, mache ich mir ernsthaft Sorgen um den deutschen Nachwuchs, denn in Amerika beobachte ich, wie Eltern ihre Knirpse schon im Kleinkind-Alter in Stellung bringen, die Weltherrschaft zu übernehmen.

Wie immer kommen die tollsten Ideen zur frühkindlichen Förderung aus Amerika, dem Paradies der Selbstoptimierung. Während in Deutschland Eltern Monate damit vertrödeln, den richtigen biologisch-dynamischen Waldkindergarten auszusuchen, bringen die Trendsetter im Silicon Valley den Zwergen schon im Kindergarten mit lustigen Apps das Programmieren bei. Kaum sind die Windeln trocken, stehen da schon Überlebensstrategien wie Design Technik und »überzeugend argumentieren« auf dem Stundenplan. Nein, das habe ich mir nicht ausgedacht, das wird da tatsächlich unterrichtet. Wenn Ihrer mit dreieinhalb noch nicht »iPad« sagen kann, ist was schiefgelaufen. Wenn der Kleine mit fünf noch keine App programmiert hat, wird aus ihm vermutlich in diesem Leben nix mehr. Den Rückstand holt der dann nie mehr auf.

Es reicht nicht, das Kind gleich nach dem positiven Schwangerschaftstest in Harvard anzumelden. Das rat race um die beste Grundschule, das beste Gymnasium und die beste Uni beginnt schon mit dem besten Kindergarten. Jetzt bloß keinen Fehler machen! Früh übt sich, wer einmal Bill Gates werden will!
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In Amerika gibt es deshalb Trainings-Programme, die Kinder für den Kindergarten fitmachen. Das einwöchige »KinderPrep Bootcamp« der »Academic Achievers« in Santa Monica, zum Beispiel, bereitet Dreieinhalb- bis Fünfjährige auf den Kindergarten vor, und das zum kindgerechten Preis von 1000 Dollar pro Woche. (Für Kinder, die für das Gruppentraining zu elitär sind, können Eltern auch Privatcoaching ab 120 Dollar pro Stunde buchen.) Weil die Eltern bei Trendfirmen wie Google, Yahoo, HBO und Hulu um die Ecke arbeiten, dürfte die Eintrittsgebühr kein Problem sein. Dafür lernen die Kinder dann den Kalender, malen und sie schreiben ihre Eindrücke auf. Wie bitte? Ihre Vierjährige kann nur buchstabieren? Bitte setzen, sechs!

Die heiß begehrten Kindergartenplätze der besten Privatschulen kosten gut 25.000 Dollar im Jahr. Das muss man sich natürlich erst einmal leisten können. (Denn auch das ist Realität: Jedes 30. Kind in Amerika ist zumindest zeitweilig obdachlos und kann von einer guten Schule nur träumen.) Mit Geld allein kann sich aber auch Steve Jobs jr. noch keinen Kindergartenstuhl kaufen: Auf einen Platz kommen bei den besten Kindergärten gut fünf Bewerber. Das heißt: die Knirpse müssen Bewerbungsgespräche, intensive Eignungsprüfungen und bei manchen sogar Intelligenztests überstehen. Für den Kindergarten! Praktischer Nebeneffekt: Damit sind sie bestens auf die harten Assessment Centers im späteren Berufsleben vorbereitet. »Wenn sie dann in den Kindergarten kommen«, sagte Elizabeth Fraley, die Direktorin von KinderPrep, der Los Angeles Times, »ist keine Zeit zum Spielen. Da ist es eher wie sonst in der ersten Klasse.«

Sogar der Kindergarten ist also inzwischen eine Leistungssportart mit Olympia-Potenzial. Da mag Donald Trump noch so laut fordern: »Make America Great Again!« Eltern fokussieren ihren Optimierungswillen doch in erster Linie auf den eigenen Nachwuchs: »Make Your Kid Great Again!« Großartig. Großartiger. Am besten: Großartigst!

Ich selbst bin noch naturbelassen aufgewachsen. Nach der Schule schnell Hausaufgaben gemacht, dann raus zum Spielen. In der freien Natur! Unbeaufsichtigt! Hin und wieder Tennis- oder Gitarrestunden, aber das war‘s dann schon. Die amerikanischen Kinder gutbetuchter Eltern dagegen pendeln nach der Schule so penibel ausgetaktet zwischen Ballett-, Cello- und Sprach-Unterricht, dass einem CEO schwindlig werden könnte. Ach, was aus mir alles hätte werden können, wenn ich mit fünf schon chinesisch gelernt und mit sechs mein erstes Praktikum bei Bill Gates gemacht hätte!

Noch genialer wäre es, mit der Optimierung schon vor der Zeugung zu beginnen: Es gibt in Amerika Samenbanken, die gegen Aufpreis Samen von Nobelpreisträgern, Olympia-Siegern und Männern mit einem sensationellen IQ anbietet, also »Genie-Samenbanken«. Idealerweise könnten wir unsere Kinder schon mit einem optimalen Usain-Bolt-Sprint ins Leben starten lassen.

Denn wenn wir ehrlich sind, beginnt das Dilemma unserer Kinder ja schon damit, dass wir selbst im Durchschnitt alle nur Durchschnitt sind.
Michaela Haas

deutsche Journalistin und Autorin in der Nähe von Los Angeles, wird ständig gefragt: »Was ist denn bloß in Amerika los?« Seit Milliardär Donald Trump mit seinem Gorilla-Gehabe das Präsidentschafts-Rennen dominiert, wundern sich viele Deutsche über die Weltmacht. Aber dass Präsidentschaftsanwärter mit ihren Penisgrößen protzen ist ja nur möglich, weil in Amerika viele Verrücktheiten zum Alltag gehören, die in Deutschland undenkbar wären. Deshalb schreibt Michaela Haas im amerikanischen Wahljahr in der Kolumne »Wild Wild West« über die Macken und Tücken, die Amerika einzigartig machen.

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