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Literatur 25. September 2016

»Andy Warhol hat Facebook vorausgesehen«

Von Sven Michaelsen  Foto: Brian Howell

Den Weltbestseller »Generation X« hat er nur aus Verlegenheit geschrieben, als Siebenjähriger verehrte er Roy Lichtenstein und sein Arzt hat ihm verboten, ganze Bücher zu essen. Ein Interview mit dem großartig verschrobenen Autoren und Künstler Douglas Coupland. 

Douglas Coupland in seinem Haus

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Ein 28-Jähriger reist in die Einsamkeit der kalifornischen Mojave-Wüste, um im Auftrag eines New Yorker Verlages ein Sachbuch zu schreiben. Doch die Isolation macht ihn nicht wie erhofft produktiv. Nach ein paar Tagen steckt er in einer Schreibblockade fest.

»Ich fuhr in meinem alten Volkswagen in der Wüste umher, hörte Kassetten von den Stone Roses und wurde immer einsamer und verzweifelter«, erzählt Douglas Coupland. »Um überhaupt etwas zu schreiben, probierte ich, die ersten Seiten eines Romans zu Papier zu bringen. Das lief. Als ich nach einem halben Jahr den fertigen Roman an den Verlag schickte, herrschte neun Monate lang Grabesstille. Ich erfuhr, dass ein Riss durch den Verlag ging. Die Älteren sagten: 'Nur über meine Leiche!' Die Jüngeren meinten: 'Nur verschnarchte Penner würden diesen Roman nicht groß rausbringen!'«

1991 erscheint Couplands Debütwerk unter dem Titel Generation X in einer Auflage von dreitausend Exemplaren. Anfangs sind die Verkäufe miserabel. Erst nach knapp einem Jahr wird das Buch ein internationaler Bestseller mit mehr als 30 Übersetzungen. Dass sein Kultroman den Untertitel Geschichten für eine immer schneller werdende Kultur trägt, klingt heute prophetisch, doch Coupland winkt ab: »Ich habe kaum eine der Revolutionen kommen sehen, die heute unser Leben regieren. Denken Sie zwölf Jahre zurück: Es gab kein Twitter, kein Facebook, kein Google Maps, keine Drohnen und keine 3-D-Drucker. Das irrwitzige Tempo der technologischen Entwicklung frittiert unser Gehirn, dennoch gibt es kein zurück in die Low-Tech-Ära. Der Übergang vom Wählscheiben- zum Tastentelefon mutete Zeitgenossen wie Science Fiction an und bot jahrelang Gesprächsstoff. Wenn heute ein 30-Jähriger mit einem 40-Jährigen über Technik redet, ist das so, als würde er mit seinen Eltern reden. Neulich lief in meinem Fitnessstudio Back in the U.S.S.R. von den Beatles. Ein junger Typ fragte mich, ob ich eine Idee hätte, was U.S.S.R. bedeuten würde. Ich hatte keine Lust, ein alter Sack zu sein, der Vorträge hält, und sagte Nein.«

Was die wenigsten wissen: Coupland ist seit 35 Jahren ein international geachteter Konzeptkünstler. Das Museum Villa Stuck in München zeigt ab dem 28. September eine Retrospektive seiner Arbeiten. »Mit sieben Jahren entdeckte ich in einer Enzyklopädie meiner Eltern unter dem Buchstaben P Bilder der Pop Art«, erzählt der heute 54 Jahre alte Kanadier über seine Anfänge. »Es war ein magischer Moment: Blam! und Whaam! von Roy Lichtenstein oder F-111 von James Rosenquist drückten meinen Blick auf die Welt aus. Campbell's Soup Cans von Andy Warhol zeigte, wie ich fühlte. Auf einmal wusste ich, dass ich Teil der Popwelt sein würde. Mit neun Jahren kaufte ich mein erstes gebundenes Buch: die Warhol-Biographie von John Coplans. Sie kostete zehn Dollar. Ich wurde fast ohnmächtig, weil ich noch nie so viel Geld ausgegeben hatte. In dem Buch las ich Warhols Satz: 'Wenn du das beste Museum der Welt haben willst, nimm einen Supermarkt, bau eine Mauer drum herum und komm in hundert Jahren wieder.' Mit dieser Verdrahtung im Kopf zu denken, bewunderte ich. Ein paar Jahre später bekam ich Warhols Buch The Philosophy of Andy Warhol in die Hände. Ich dachte, ich lese Sätze, die in der Zukunft geschrieben wurden, aber das Buch stammte aus dem Jahr 1975. Warhol war eine übersinnliche Erscheinung. Nehmen Sie seinen Zwang, jeden und alles zu fotografieren: Ist das nicht die Vorwegnahme von Instagram? Nehmen Sie die Flut völlig belangloser Alltagsdetails in seinen Tagebüchern: Ist das nicht die Vorwegnahme von Facebook? Als Warhol 1987 starb, hat er das Technische des Internets nicht vorhergesehen, aber er kannte bereits den Inhalt.«

2005 machte Coupland Generation X und seinen 1998 erschienenen Roman Girlfriend in a Coma zu Kunstobjekten, die er Hornets Nest nannte, Hornissennest. »Ich habe meine Bücher gegessen«, erzählt er. »Als Bibliophage wollte ich meinen Romanen eine neue Bedeutung geben. Ich tauchte die Seiten einzeln in warmes Wasser, nahm sie in den Mund und zerkaute sie langsam zu Brei. Weil das ziemlich langweilig war, schaute ich dabei die Krimiserie Law & Order. Beim Trocknen gingen die Papierklumpen auf wie eine Blüte und offenbarten neue Zusammenhänge. Aus dem Satz 'God is now here' wurde zum Beispiel 'God is nowhere'. Girlfriend in a Coma hat rund 350 Seiten. An denen habe ich eine Woche lang drei, vier Stunden am Tag herumgekaut. Hinterher hatte ich graue Zähne und musste zum Arzt, weil mein Mund keinen Speichel mehr produzierte. Der Arzt meinte, das läge an den Zyaniden in der Druckerschwärze. Er verbot mir, je wieder ein Buch zu kauen.«

Ende Juli diesen Jahres schrieb Coupland auf Twitter einen Hilferuf: »Liebe Menschen in meinem Leben: Ich kann gerade nicht allein sein. Bitte kommt in mein Haus, wenn ihr könnt.« Nach den Gründen gefragt, sagt er: »Ich möchte dazu nur eins sagen: Seit diesem Tag kann ich in meinen Knochen nachempfinden, warum sich mein deutscher Freund Marc Fischer vor fünf Jahren das Leben genommen hat. Der Juli dieses Jahres war der schlimmste Monat meines Lebens. Ich bestand nur noch aus Trauer, Schmerz und Dunkelheit. Mein dummer Tweet hat mir das Leben gerettet. Die Menschen haben ein besseres Herz, als ich dachte. Ich weiß wirklich nicht, wie man ohne gute Freunde am Leben bleiben sollte.«

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