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aus Heft 40/2016 Die Gewissensfrage

Weitergereicht

Von Dr. Dr. Rainer Erlinger  Illustration: Serge Bloch

Eine Freundin unserer Leserin schenkte ihr ein Buch über Freundschaft. Auf der ersten Seite entdeckte sie eine Widmung - von einer Dritten an ihre Freundin. Was tun?


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»Eine langjährige Freundin schenkte mir ein Büchlein mit Aphorismen zur Freundschaft. Als sich ein Foto löste, das sie auf die erste Seite geklebt hatte, kam eine Widmung zum Vorschein: Eine andere Freundin hatte ihr das Büchlein mit persönlichen Worten über die Freundschaft zugeeignet. Ich fühle mich, die Freundschaft und die andere Freundin verletzt. Wie gehe ich damit um?«  Ulla F., Bonn


Um es vorsichtig auszudrücken: Die ganze Sache ist etwas unglücklich. Dabei ist die Bandbreite der möglichen Erklärungen groß. Am negativen Ende steht, dass Ihre Freundin insgesamt nichts von Freundschaft hält und weder Sie noch die andere Freundin schätzt. Deshalb hat sie ein für sie unerträglich rührseliges Büchlein, das sie von der einen gefühlsduseligen Freundin bekam, schnellstmöglich an die andere weitergereicht. Am entgegengesetzten, positiven Ende hält Ihre Freundin die Freundschaft so hoch, dass sie sich nichts Größeres weiß, als das wertvolle Geschenk, das sie von der einen teuren Freundin bekommen hat, nicht für sich zu behalten, sondern es an die andere, ebenso teure Freundin weiterzureichen. Sie sei, so vielleicht ihre Bitte, in Ihrem Dreibund die Mitte. Dass das Überkleben der einen zugunsten der anderen dabei nicht der Weisheit letzter Schluss war, nun ja, das kann im Überschwang der Gefühle schon mal passieren.

Dazwischen gibt es alle möglichen Abstufungen von Gleichgültigkeit über Gedankenlosigkeit, geringen Bezug zu Büchern, akute Geschenknot bis hin zum allzu bekannten Versäumnis, das Büchlein, das sie auch für Sie als ideales Geschenk ansah, rechtzeitig zu besorgen.
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Anders als in vielen anderen Fällen fände ich es hier weniger gut, die Sache offen anzusprechen, das hätte etwas von einem Verhör. Ich würde eher auf eine für den zwischenmenschlichen Bereich, speziell innerhalb einer Freundschaft gute Regel zurückgreifen: Man sollte, wann immer möglich und vertretbar, eher von positiven Erklärungen ausgehen. Welche nun genau greift, ist dabei nicht so wichtig. Wichtig ist nur, es gibt Erklärungen, die zugunsten der Freundschaft wirken, deshalb sollte man annehmen, dass eine von ihnen zutrifft. Und ansonsten den Mantel des Vergessens über die Angelegenheit breiten.

Lesehinweise zum Thema Freundschaft:

Zur Freundschaft nach wie vor unerreicht sind die Ausführungen von Aristoteles im VIII. und IX. Buch seiner Nikomachischen Ethik. Gute Übersetzungen gibt es von Olof Gigon bei dtv, München 1991 und von Ursula Wolff bei rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg 2006

Für die Freundschaft als Modell für soziale Beziehungen siehe Anton Leist, »Ethik der Beziehungen. Versuche über eine postkantianische Moralphilosophie«, Akademie Verlag, Berlin 2005. Dort besonders das Kapitel 7 Moralische Beziehungssystem in der Gesellschaft. 1. Das Modell der Freundschaft, S. 140ff.

Eine schöne Sammlung von philosophischen Texten zur Freundschaft findet sich in dem von Klaus Dieter Eichler herausgegebenen Buch „Philosophie der Freundschaft", Reclam Verlag 1999

Michel de Montaigne, Essais, übersetzt von Hans Stilett, Die andere Bibliothek, herausgegeben von Hans Magnus Enzensberger, Eichborn Verlag, Frankfurt am Main 1998, S. 103.
Eine günstigere Ausgabe dieser neuen Übersetzung gibt es mittlerweile bei dtv

Cicero, Laelius über die Freundschaft, z.B. Reclam Verlag, Stuttgart 2014
Dr. Dr. Rainer Erlinger

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