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Wortewandel: Sprachkolumne 04. November 2016

Mit dem Teh-Scheh-Weh zur Ei-es-es

Von CUS  Illustration: Nathan Nankervis

Unser Sprachkolumnist untersucht die kuriose Welt der Abkürzungen – und entdeckt dabei das einzige Kürzel, das länger ist als der Begriff, den es verkürzen soll.

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Haben Sie den letzten Tatort gesehen? Ging um Künstliche Intelligenz. Der Krimi verortete das Ringen um die letzte Bastion menschlicher Überlegenheit in Bremen. Das Pentagon verortet es eher im Silicon Valley - den Generälen gilt Artificial Intelligence als das Schlachtfeld der Zukunft.

Was mich wundert: Statt wie üblich die Sprache des Silicon Valley zu übernehmen, haben wir doch tatsächlich eine deutsche Bezeichnung gefunden: Künstliche Intelligenz statt Artificial Intelligence. Bremen statt Silicon Valley. Haben Sie noch den Tatort im Ohr? Das KI-Modul war da wichtig. KI für Künstliche Intelligenz. Himmel, eine deutsche Abkürzung, was ist nur geschehen? Englische Abkürzungen überraschen mich lange nicht mehr, aber deutsche? Mutierte doch etwa die Erbinformation DNS im Lauf der Jahre zur englischen DNA - ohne Not, niemand weiß recht wie, einfach so. Aus der Säure wurde also Acid, wie schön.

Immerhin dürfen wir DNA mit etwas gutem Willen noch deutsch aussprechen, ebenso den USB-Anschluss. Oft klappt das aber nicht mehr. Eine Menge englischer Abkürzungen sprechen wir längst englisch aus. Wer zu GPS nicht Dschi-Pi-Ess zu sagen weiß, erntet mitleidige Blicke. Die Internationale Raumstation ISS ist eine Ei-es-es. Die Kultserie Game of Thrones verkürzt sich auch hierzulande zu Dschi-ou-Ti. Nicht entschieden ist der Fall bei IBM. In deutschen Ohren besonders hässlich klingt der Nähsdähk für NASDAQ. Der US-Börse stülpen deutsche Aktiengurus überdies den gehörigen Chicago-Twang über.


(Im Bild: Dschäi-Käi Rowling, Foto: Reuters)
 
Immerhin ein gängiges Kürzel aus der IT-Welt sprechen wir deutsch aus, weil es auf Englisch nun wirklich zu dämlich klänge: www. Ausgesprochen hat www ebenso viele Silben wie world wide web. Kurioserweise ist das englische Kürzel mit neun Silben dreimal so lange wie die Langform: dabbeljuh dabbeljuh dabbeljuh.

Nahezu unausweichlich ist die englische Aussprache bei abgekürzten Vornamen: George Dabbeljuh Bush war stets ein Highlight. Die Marotte begann bei uns nicht erst mit dem TV-Fiesling J.R. Ewing (kurz: Dschäi Ahr) ab 1981. Franklin D. Roosevelt (kurz: Eff-Di-Ahr) liegt uns schon lange in den Ohren. Später folgte der Film JFK (für John F. Kennedy). New York Buffs landen ohnehin stets auf dem Airport Dschäi-Äf-Käi.

Besonders penetrant kommen die abgekürzten Vornamen britischer Schriftsteller rüber: T.E. Lawrence, J.K. Rowling, J.R.R. Tolkien. Warum wir im Gegenzug Agatha Christie treudeutsch aussprechen? Niemand weiß es zu sagen. Ist ja auch kein Kürzel. Es ging schon mal anders. Auftritt James Bond, als der im Jahr 1964 Bösewicht Goldfinger Knox-out schlagen musste: Seinen Waffenmeister Q spricht Bond in der deutschen Version glatt mit »K« an. Hey, warum nicht? Das später populär gewordene Kürzel Q wollte man unseren Ohren 1964 nicht zumuten - weder in der deutschen Aussprache »Kuh«, noch in der heute üblichen englischen Form »Kju«. Sie haben Goldfinger schon ein halbes Dutzend mal gesehen und nie ist Ihnen das »K« aufgefallen? Es ist ja auch nicht Ihr Job, die kleinen Perlen am Wegesrande zu bemerken. Meiner schon.

Gibt es eigentlich Kürzel aus anderen Sprachen, die wir mitsamt ihrer Aussprache übernommen haben? Da fällt mir nur nur ein einziges allgemein bekanntes Beispiel ein: Frankreichs Paradezug TGV (Teh-scheh-weh).

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CUS

Als 1990 das erste SZ-Magazin erschien, war CUS schon dabei. Seitdem macht er jede Woche »Das Kreuz mit den Worten«, eine der beliebtesten Rubriken im Heft. In seiner Online-Kolumne »Wortewandel« untersucht er nun sprachliche Kuriositäten und ungewöhnliche Redewendungen, die uns im Alltag vielleicht gar nicht so schnell auffallen. Mehr von CUS gibt es auf seiner Webseite cus-raetsel.de.