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Wild Wild West: Amerikakolumne 04. Dezember 2016

Sturm in der Müsli-Schüssel

Von Michaela Haas  Foto: AFP

Müsli, Socken, Turnschuhe: Trump-Fans wie auch seine Gegner rufen zu massiven Firmen-Boykotten auf. Bei einer Anti-Starbucks-Aktion unterlief Trumps Gefolgschaft allerdings ein peinlicher Denkfehler.

Seit Kellogg's aufgehört hat, auf der rechtsextremen Webseite Breitbart zu inserieren, wird die Firma von Trump-Anhängern boykottiert.
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Diese Woche erlebte ich beim Frühstück mit meinen Schwieger-Lieblingen in San Diego eine Überraschung: Meine geliebten Kellogg's Cornflakes waren verschwunden. »Die essen wir nicht mehr, weil wir Kellogg's boykottieren«, sagte meine Schwägerin wie selbstverständlich. Was ist los? Hat Kellogg's etwa Nazi-Propaganda auf die Müsli-Schachteln drucken lassen? Oder Rattengift in den Cornflakes versteckt? Wurde der CEO als Kinderschänder entlarvt? Nein, viel schlimmer, erfuhr ich: Kellogg's hat seine Werbe-Anzeigen auf der rechtsextremen Webseite Breitbart storniert, also jener Webseite, deren cholerischer Chef nun Chefstratege von Donald Trump ist. Begründung der Müsli-Mischer: Die Werte der frauenfeindlichen Seite würden sich nicht mit den Familien-Werten von Kellogg‘s decken.

Meine Schwieger-Lieblinge sind Trump-Fans. »Aber ihr habt doch gewonnen!« erwiderte ich verständnislos, frühmorgens ohne Kaffee offensichtlich etwas schwer von Begriff. »Wir dürfen nicht zulassen, dass diese Linksradikalen unsere Werte vernichten!« war die Antwort. Müsli? Linksradikal? Werte vernichten? Breitbarts Chefredakteur Alexander Marlow jedenfalls rief seine immerhin 47 Millionen Leser dazu auf, Kellogg's zu boykottieren, denn diese »linken Totalitaristen zu besänftigen« sei nur was für Feiglinge, die Stornierung der Anzeigen »anti-amerikanisch«. Hashtag #DumpKelloggs.

Das alles, wohlgemerkt, ohne dass Kellogg's irgendein politisches Statement abgegeben hätte. Nun tobt der Sturm in der Müsli-Schüssel. Wer zur Zeit versucht, bei Kellogg's anzurufen, hat Mühe durchzukommen: Trump-Fans rufen an, um Hassnachrichten und Todesdrohungen zu hinterlassen, Trump-Gegner klingeln durch, um ihre Bewunderung und »Weiter so! I love you!«-Parolen durchzugeben.

Das Private ist politisch! Das wissen wir Frauen seit den Siebzigerjahren. Aber seit Trumps Aufstieg tobt ein Wertekrieg, der nicht nur zu Protestmärschen auf den Straßen und erbitterten Kämpfen um die Neuauszählung von Wählerstimmen führt, sondern schon am Frühstückstisch beginnt: Der Spaltung des Landes betrifft die Frühstücks-Flocken – und erstreckt sich auch auf Schuhe, Socken, Steaks, Krawatten, Versicherungen, Armbänder, Bankkonten und Champagner.
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Zum ersten Mal in der Geschichte Amerikas schickt sich ein Mann an, Präsident zu werden, dessen Interessenskonflikte von Anfang an dramatisch sind: Bekanntlich prangt der Name Trump auf zahlreichen Firmen, Hotels und Golfplätzen, auch in Ländern, mit denen er künftig politische Beziehungen pflegt. Trump wird Richtlinien für Banken setzen, von deren Krediten er abhängig ist. Er muss über kontroverse Projekte wie die Dakota Pipeline mitentscheiden, an denen er finanziell beteiligt ist.

Schon jetzt nutzte er ein Treffen mit Brexit-Populist Nigel Farage, um wenig diskret darauf hinzuweisen, dass die Windräder in Schottland den Blick von seinem Golfplatz stören. Diplomaten sagten, sie würden »natürlich« im Trump-Hotel übernachten, um sich bei dem neuen Mann im Weißen Haus einzuschmeicheln. Präsidenten-Tochter Ivanka missverstand einen Auftritt in einer Fernseh-Show als Werbegelegenheit für ihre 10.000 Dollar teuren Armbänder. Nie zuvor war ein Geschäftsmann so prädestiniert, mit einer Präsidentschaft abzukassieren. Das Marktforschungsunternehmen Brand Keys zeigte, dass die Marke Trump schon jetzt durch die Wahlen 35 Prozent an Wert gewonnen hat. Die Ethikkommission legte Trump deshalb dringend nahe, seine Geschäfte abzukoppeln - bisher vergeblich.

Gerade deshalb rufen seine Gegner dazu auf, Trump da anzugreifen, wo es ihm weh tut: beim Business. Nachdem er sich damit gebrüstet hatte, Frauen ungestraft zwischen die Beine greifen zu dürfen (»Grab 'em by the pussy!«), soll es nun »Grab him by the wallet« richten, also: Packt ihn am Geldbeutel!

Basketball-Legende Kareem Abdul-Jabbar hat gerade in der Washington Post zu einem totalen Trump-Boykott aufgerufen, und zwar nicht nur zum Boykott der Trump-Hotels, Trump-Casinos und Trump-Steaks, sondern zum Boykott aller Firmen, die Trump sponsern. Bewegungen wie »Grab Your Wallet« und »The Donald J Trump Resistance« haben regen Zulauf. Die neue App Boycott Trump wurde innerhalb von einer Woche fast 100.000 Mal runtergeladen und schoss in die Top Ten der »Lifestyle Apps« im Apple Store. Clinton-Anhänger werden ohnehin nicht freiwillig im Trump Tower nächtigen oder sich mit Trump-Sekt zuprosten, aber die neue App listet 250 Unternehmen, an denen Trump beteiligt ist oder die mit Trump Geschäfte machen, darunter Giganten wie Nike, Gucci und Home Depot. »Der Erfolg der App ist schockierend und beispiellos«, sagt Nate Lerner, der sie miterfunden hat. »Das ist nur der erste Schritt in einer größeren, vereinten Boykott-Trump-Bewegung, die wir aufbauen. Die Wahl mag vorbei sein, aber unser Kampf fängt gerade erst an.«

Trump-Gegner streiten sich noch um die Details: Muss man die Kaufhauskette Macy's unterstützen, weil sie Trump-Anzüge aus dem Sortiment nahm, nachdem Trump Mexikaner als Vergewaltiger und Verbrecher beschimpfte? Oder boykottieren, weil sie weiterhin Ivankas Schuhe verkauft? (Macy's traf der Kunden-Zorn von beiden Seiten: Trump-Fans riefen zum Boykott wegen der entfernten Trump-Anzüge, Trump-Gegner wegen der nach wie vor vorhandenen Trump-Schuhe.) Muss man die Washington Post boykottieren, weil sie Jeff Bezos gehört, dem wiederum Amazon gehört, das wiederum Trump-Produkte vertreibt? Oder muss man die Post ganz im Gegenteil jetzt erst recht abonnieren, weil sie nach wie vor guten Journalismus macht? Schon kurz nach der Wahl brannten New-Balance-Sneaker, weil die Firma an Trump gespendet hatte. Dadurch wurden die Trump-Fans erst darauf aufmerksam, dass sie die Schuhe auch nicht mehr anziehen können, weil die Firma gleich viel Geld an Hillary Clinton und Bernie Sanders geschickt hatte. Es ist wirklich schwer, es allen recht zu machen.

Kareem Abdul-Jabbar tritt deshalb für »laserscharfe« Boykotte ein, bei denen die Betroffenen wirklich schmerzhaft getroffen werden. Amazon oder Bloomingdale's seien zu groß, sagt er, das verwässere die Wirksamkeit. Dagegen sei es sinnvoll, die Anzeigenkunden von Breitbart zu boykottieren (er nennt »Bombas Socks« und TrackR) oder die Hotels von Trump-Sponsor Sheldon Adelson, es gäbe in Vegas schließlich genügend andere Hotels, in denen man übernachten könne als Adelsons Palazzo Hotel.

Trump selbst hat seinen Wahlkampf natürlich auch mit Boykott-Aufrufen befeuert: Unter anderem drohte er Apple mit Boykott, falls die Techies dem FBI nicht helfen, die iPhones von Terroristen zu entschlüsseln. Immer wieder drohte er Andersdenken, seinen Twitter-Account »von der Leine zu lassen«. Seine Fans rufen zu Boykotten gegen Firmen wie GrubHub auf, dessen CEO sich in einem internen Memo gegen Trump ausgesprochen hatte, oder gegen Journalisten wie Megyn Kelly, die Trump einige kritische Fragen stellte.

Die Trump Unterstützer müssen freilich an ihren Boykott-Aufrufen noch arbeiten: Ihre ersten Aufrufe gingen eher nach hinten los. Nachdem der designierte Vize-Präsident Mike Pence das vielgerühmte Hamilton-Musical besuchte und die Broadway Darsteller den kontroversen Besuch zum Anlass für den Aufruf nahmen, »Vielfalt zu respektieren«, verlangte Trump, die Schauspieler sollten sich entschuldigen und eine Republikaner-nahe Organisation, der »GOP Report«, rief zu #BoycottHamilton auf. Mit durchschlagendem Erfolg: In der Woche darauf brach die ohnehin auf Monate ausverkaufte Show den Box-Office-Rekord am Broadway.

Superstar Beyoncé hat das Marketing-Potenzial eines Boykott-Aufrufes gegen sie ohnehin sofort erkannt, nachdem wegen ihres »Lemonade«-Videos Boykott-Aufrufe laut wurden: Sie ließ gleich selbst »Boycott Beyoncé«-T-Shirts drucken, die sie nun auf ihren Konzerten verkauft.

Und als sich das (vermutlich falsche) Gerücht verbreitete, die Starbucks-Baristas weigerten sich, »Trump« auf die Kaffeebecher zu schreiben, stürmten Dutzende die Starbucks-Filialen und bestellten ihren Kaffee unter dem Namen ihres Helden, um die Baristas zu zwingen, den Namen »Trump« laut in das Lokal zu schreien. Ein wirklich genialer Schachzug: Einen Kaffeeröster für ein imaginäres Vergehen damit zu bestrafen, dass man mehr Kaffee bei ihm bestellt!

Wenn meine Schwieger-Lieblinge das nächste Mal zu Besuch kommen, serviere ich natürlich Cornflakes von Kellogg's. Mit Starbucks-Kaffee. Das müssen sie dann schlucken.
Michaela Haas

deutsche Journalistin und Autorin in der Nähe von Los Angeles, wird ständig gefragt: »Was ist denn bloß in Amerika los?« Seit ein politisch völlig unerfahrener Egomane mit wilden Sprüchen in das höchste Amt der Welt aufsteigt, wundern sich viele Deutsche über die Weltmacht. Aber dass sich Milliardär Donald Trump mit seinem Gorilla-Gehabe in das Weiße Haus gerüpelt hat, ist ja nur möglich, weil Amerika tief gespalten ist und viele Verrücktheiten zum Alltag gehören, die in Deutschland undenkbar wären. Deshalb schreibt Michaela Haas in der Kolumne »Wild Wild West« über die Macken und Tücken, die Amerika einzigartig machen.

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