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Nackte Zahlen: Sexkolumne 09. Januar 2017

Ein Kuss aus dem Smartphone

Von Alena Schröder  Illustration: Eugenia Loli

Ein Smartphoneaufsatz verspricht räumlich getrennten Paaren sinnliche Kusserlebnisse auf Distanz. Dabei zerstört der »Kissenger« eher den Charme einer Fernbeziehung, findet unsere Autorin. Hilfreich wäre er dagegen für Eltern von Teenagern.



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»Ein Kuss ist der Vulkan des Herzens«, sagte der deutsche Lyriker Christian Friedrich Hebbel und wenn das stimmt, dann wogt ganz Deutschland auf einer Welle glühend heißer Liebeslava, denn angeblich küssen sich deutsche Paare etwa fünfmal am Tag. Das jedenfalls gaben 34 Prozent der Befragten einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Yougov an. Besonders häufig küssen sich demnach Paare ohne Trauschein, wohingegen mit der Ehe sowie zunehmendem Alter die Kussfrequenz eher abnimmt, jedoch nie unter die »Zwei-Küsse-pro-Tag«-Marke fällt.

Dabei ist gerade in Langzeitbeziehungen, auch das belegen Studien, regelmäßiges Küssen eng gekoppelt an der Grad der Beziehungszufriedenheit, enger sogar noch als Sex. Ein Problem, dass vor allem Paare in Fernbeziehungen umtreibt, denn Sex kann man zur Not noch mit sich selbst haben – küssen jedoch kann man bekanntlich nicht allein. Nun will ein neues Smartphonegadget diesen Paaren zu intimen Kussmomenten verhelfen: Der Kissenger, ein Kompositum aus Kiss und Messenger, vorgestellt auf einer Messe in London zum Thema »Liebe und Sex mit Robottern«, ist eine Art Smartphonehülle mit integriertem Kuss-Screen. Küsst man ihn überträgt er den Druck der Lippen dann auf den Kissenger-Kuss-Screen des Partners.

Man könnte das für eine alberne kleine Spielerei halten, einen niederschwelligen Zugang zu Virtual-Reality-Sex, der ja seit Jahren als das nächste große Ding angekündigt wird, und noch ist fraglich, ob der Kissenger wirklich in Serie geht. Man könnte in ihm jedoch auch ein Symbol sehen für die Banalisierung des Kusses, beziehungsweise für mangelnde Definitionsschärfe, wenn es um die Frage geht, ab wann man das Aufeinanderpressen von zwei Mündern als Kuss bezeichnen kann. Denn wenn das, was der Kissenger kann, irgendetwas mit einem echten Kuss zu tun haben soll, vielleicht nicht das Selbe aber doch immerhin nah dran, dann ist nach dieser Logik der Gebrauch einer elektrischen Zahnbürste nah dran am Blowjob, das Überstreifen eines T-Shirts nah dran an einer zärtlichen Berührung, Fahrradfahren über Kopfsteinpflaster nah dran an leidenschaftlicher Kopulation, gemeinsames Anstehen am Stadionwurststand nah dran am Gruppensex.

Tatsächlich könnte der Gebrauch des Kissengers Paaren genau das verleiden, was einen der wenigen Vorteile einer Fernbeziehung ausmacht: Sich noch wirklich mit jeder Faser seines Körpers nach dem anderen sehnen zu können. Dieses Sehnen quasi wie eine Magmablase in sich wachsen und brodeln zu lassen, um es dann – wenn man sich endlich wiedersieht – zu einem Kuss kommen zu lassen, der eben wirklich ein Vulkanausbruch des Herzens ist, so wie Hebbel ihn beschreibt. Das sicherste Zeichen für eine langsam einschlafende Beziehung ist nämlich nicht die abnehmende Kusshäufigkeit, wie die eingangs zitierte Umfrage suggeriert, sondern einzig und allein der Grad der Bussifizierung. Wenn ein Paar sich fünfmal am Tag ein Bussi auf die Lippen schmatzt, egal ob real oder virtuell, ist es damit sicherlich noch lang nicht glücklicher miteinander als ein Paar, das einmal in der Woche einen wirklich intimen Moment miteinander teilt und sich innig und mit Hingabe küsst.

Der Kissenger ist also völlig ungeeignet, um räumlich getrennten Paaren ein Gefühl von Verbundenheit und Nähe zu geben. Vielleicht sollten die Hersteller einfach die Zielgruppe überdenken: Marktpotential hätte der Kissenger sicherlich für Eltern pubertierender Kinder, die so einen für beide Seiten akzeptablen Weg finden könnten, auch weiterhin an ihrem Nachwuchs herumzubusseln.

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Alena Schröder

ist freie Autorin und lebt in Berlin. Sie gelobt, keine »arm, aber sexy«-Kalauer in dieser Kolumne unterzubringen, die sie im Wechsel mit Till Raether schreibt.

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