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Nackte Zahlen: Sexkolumne 16. Januar 2017

Die wunderbare Komplexität der Klitoris

Von Till Raether  Illustration: Sammy Slabbinck

Nie war es wichtiger, sich mit der Klitoris zu beschäftigen, als heute, findet unser Autor. Ein neues 3-D-Modell macht das einfacher denn je.

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Seit dem laufenden Schuljahr lernen französische Schülerinnen und Schüler anhand eines anatomisch korrekten Modells die wahre Gestalt und Größe der Klitoris. Das Modell, eine Mini-Skulptur der französischen Forscherin Odile Fillod, kann per 3-D-Drucker überall hergestellt werden. (Alle Informationen, Bilder, ein Video und den Download für den 3-D-Ausdruck findet man auf der entsprechenden Seite des Fab Lab, allerdings auf Französisch.)

Tatsächlich ist die Anatomie der Klitoris erst 1998 von der australischen Urologin Helen O'Connell vollständig erforscht und beschrieben worden. Bis dahin wurde sie auch in Lexika und Anatomiehandbüchern als »erbsengroß« beschriebenen, dabei ist damit nur die Klitoriseichel, ihre Vorhaut und unmittelbare Umgebung gemeint. Also ihr kleinster Teil, wie man an Odile Fillods Modell sehr gut erkennen kann.

1998 ist erstaunlich spät, wenn man bedenkt, dass die Geschichte der Anatomie etwa 1500 vor Christus in Ägypten begann. Und wenn man sich vor Augen führt, wie weit verbreitet die Klitoris war und ist. Die Geschichte der modernen Anatomie beginnt Mitte des 16. Jahrhunderts mit dem flämischen Anatom Andreas Versalius. Offenbar interessierten auch er und seine Kollegen sich unmittelbar mehr für anderes: Leute, wir haben jetzt die moderne Anatomie, lasst uns den Penis erforschen. Bäng, erledigt! Nach dem Mittagessen: Und jetzt? Die Klitoris? Ach, nö, vielleicht in vier-, fünfhundert Jahren.
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Es ist ein Leitmotiv der Medizingeschichte, dass dem männlichen Körper mehr Interesse zuteil wird als dem weiblichen. Was nicht zuletzt dazu geführt hat, dass sich ein bequemes Halb- und Falschwissen über weibliche Anatomie ausgebreitet hat (etwa, wenn der künftige US-Präsident das weibliche Genital nach eigener Aussage als eine Art Haltegriff versteht).

Vor allem ist die Klitoris offenbar ein sehr komplexes und nicht auf den ersten Blick leicht zu erfassendes Organ. Die Journalistin Minna Salami vergleicht im Guardian die Form des Klitoris-Modells schön mit einem Tulpen-Emoji. Es wäre jedoch kaum möglich, die Klitoris in ihrem vollen Umfang aus freier Hand auf Anhieb zu zeichnen. Während, wie man an allen verfügbaren Oberflächen in Grund- und weiterführenden Schulen sehen kann, der Penis und das Skrotum sich quasi wie von selbst überall hinmalen.

Ist nicht aber die Komplexität der erst in den letzten zwanzig Jahren vollständig entdeckten Klitoris etwas Großartiges an sich? In diesen grauenvollen Zeiten, in denen alles auf der abschüssigen Bahn nach immer mehr Einfachheit strebt, im Denken wie im Streiten, kann uns nur noch Komplexität retten. Die Bereitschaft, Dinge nicht sofort zu begreifen und trotzdem nicht das Interesse zu verlieren. Sich nicht damit zufrieden zu geben, was man auf den ersten Blick sieht. Komplexität ist ein Wert an sich, aber es ist schwer, den Wert des Komplizierten der allgemeinen Vereinfachungssucht entgegenzustellen. Zum Beispiel, weil er sich schlecht symbolisieren lässt. Dieses Problem wäre gelöst: Dank Odile Fillods 3-D-Modell ist nun überall auf der Welt das passende Symbol verfügbar. Lasst uns kämpfen gegen die, die alles Komplizierte erbsengroß machen wollen. Im Zeichen der Klitoris. Und zwar der ganzen.

Am Ende macht aber wohl doch nur Jeff Koons eine glänzende Metall-Ballon-Skulptur, bzw. hunderte.
Till Raether

ist freier Journalist und Buchautor in Hamburg. Zu Beginn seiner Laufbahn schrieb er in einer großen Publikumszeitschrift einen Artikel über Sexualfantasien unter dem Pseudonym »Dirk Meinerstedt«. Für diesen Kalauer leistet er jetzt hier Abbitte. Diese Kolumne schreibt er im Wechsel mit Alena Schröder.