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Wild Wild West: Amerikakolumne 30. Januar 2017

Liebesbrief an einen schwerkranken Freund

Von Michaela Haas  Foto: dpa

Seit Trump regiert, erkennt unsere Autorin das Land, in dem sie lebt, nicht wieder. Zuversicht konnte sie in den vergangenen Tagen nur aus einer Sache schöpfen.

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Amerika und ich, wir sind nun schon seit zehn Jahren befreundet. Wie das so ist mit wirklich guten Freunden, kennen wir auch unsere Schattenseiten. Amerika ist ein Freund, um den ich mir Sorgen mache; ein Freund, der einige Krankheiten verschweigt; ein Freund, der großspurig mit seinem Reichtum protzt, aber die Stromrechnung nicht bezahlen kann. Das beunruhigt mich schon lange, aber die guten Seiten überwogen immer in unserer Beziehung: die Offenheit und Freundlichkeit, mit der auch ich in Amerika empfangen wurde; die großartigen Wanderungen durch die Weiten der Nationalparks; die Bewunderung für ein Land, das innovativer und kreativer ist als jedes andere.

Seit einigen Wochen aber erkenne ich meinen Freund nicht wieder. Mein Freund hat einen neuen Boss und wird nun wütend, wenn ich die Wahrheit sage. Mein Freund greift Frauen, Ausländer und Schwarze an. Mein Freund fühlt sich von allen Seiten bedroht. In Deutschland und überall auf der Welt fragen sich die Menschen, wie es ein unberechenbarer Milliardär ohne politische Erfahrung schaffen konnte, zum mächtigsten Mann der Welt aufzusteigen. Wie kann es sein, dass ein Fernsehstar, der Behinderte verunglimpft, Veteranen beleidigt und Frauen als Schweine beschimpft, 62 Millionen Stimmen bekommt?

Aber Trumps Triumph war nur möglich, weil Amerika hinter der glänzenden Fassade rostet. Amerika ist ein bipolarer Patient: Das Land bringt es fertig, gleichzeitig sexbesessen und prüde zu sein, religiös und materialistisch, extrem arm und unermesslich reich. Amerikaner fliegen zum Mond und senden Sonden zum Mars, haben aber eine Säuglingssterblichkeitsrate wie in der dritten Welt. Sie fürchten sich vor Einwanderern, stammen aber zum Großteil selbst aus Immigrantenfamilien. Amerika ist ein Schmelztiegel, in dem sich Rassen und Religionen vermischen, aber gleichzeitig sind die alten Wunden nie verheilt. Es sind diese Gegensätze, die mich seit langem faszinieren und zunehmend beunruhigen.
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Auf meinen Reportage-Reisen war ich in den letzten Jahren in mehr als der Hälfte der amerikanischen Bundesstaaten und habe die Macken und Tücken ihrer Einwohner lieben, aber auch fürchten gelernt. Zu meinen intensivsten Erlebnissen, die mein Bild von Amerika prägen, zählen meine Streifzüge durch die Gegenden, in die Touristen selten vorstoßen: Indianerreservate in den Dakotas, die Skid Row, also das Armenviertel von Los Angeles, die Weiten der Rocky Mountains in Colorado. In Gesprächen mit Amerikanern aller Couleur begreift man schnell, dass sie verunsichert sind.

Amerika war nie perfekt. Vom Vietnam- bis zum Irakkrieg, vom Sklavenhandel der Vergangenheit bis zum tiefsitzenden Rassismus der Gegenwart, von den Internierungscamps für Japaner während des Zweiten Weltkriegs bis zu Guantanamo und den Drohnenangriffen, wir hatten immer unsere Konflikte. Menschenrechte wurden verletzt. Aber wir konnten uns im Wesentlichen immer wieder auf einige grundlegende, demokratische Prinzipien einigen, zumindest theoretisch: Dass wir im Normalfall ehrlich zueinander sind, dass wir tolerant und friedlich miteinander umgehen.

Doch nun kommt es mir vor, als sei dieser Freund plötzlich mit einer schweren Krankheit diagnostiziert worden - der Krankheit Autoritarismus. Übergewichtig, zuckersüchtig und paranoid war Amerika schon lange, aber nun ist es offiziell im kritischen Stadium. Geschwüre wie der Rassismus, die meinen Freund plagen, wurden viel zu lange nur mit einem mickrigen Pflaster überklebt.

Dass es wirklich über Nacht passierte, stimmt natürlich nicht. Schon seit Jahren beobachte ich die Verhärtung der Fronten, den betonharten Verweigerungskurs im Kongress, die unversöhnliche Polarisierung im ganzen Land. Aber allein in seiner ersten Amtswoche hat Donald Trump die amerikanische Demokratie mehr beschädigt als ich es in der Kürze der Zeit jemals für möglich gehalten hätte.

Trump hat einseitig eine Kriegserklärung abgegeben. Mit einem deutlich autoritären Ansatz führt er einen Feldzug gegen Frauen, gegen Minderheiten, gegen Muslime, vor allem aber ist es ein Krieg gegen die Wahrheit. Dazu hat Obama seinem Nachfolger eine Machtzentrale hinterlassen, die nicht nur über weitreichende Exekutivbefugnisse verfügt, sondern anders als zu Obamas Regierungszeit auch mit Mehrheiten im Kongress, im Senat und bald auch im Obersten Gerichtshof rechnen kann. Ein Autokrat kann nun durchregieren, und schon in der ersten Woche wird klar, dass Parteifreunde wie innerparteiliche Gegner kuschen, kauern und zittern. Kein Wunder, dass Paul Ryan, der Sprecher des Repräsentantenhauses, sein Foto bei Wikipedia plötzlich unter der Rubrik der wirbellosen Säuger wiederfand.

In Deutschland kommen nicht alle Ungeheuerlichkeiten an, die in Amerika das Leben von unschuldigen Menschen ruinieren. Deshalb eine knappe Rückschau auf die letzten Tage:

- Am 19. Januar erklärt Trump, er werde 17 Programmen die finanzielle Unterstützung entziehen, darunter die Programme zur Förderung von Kunst, Radio und erneuerbaren Energien, Förderprogramme für Minderheiten und gegen Gewalt gegen Frauen sowie die Bürgerrechtsabteilung des Justizministeriums. Alle 17 Programme zusammen kosten die Amerikaner pro Kopf ganze 22 Dollar im Jahr, aber die Anordnung macht klar, welchen Zielgruppen Trump am schnellsten den Schutz entziehen möchte: Frauen, Umwelt, Minderheiten, Medien.

- Noch am Tag seiner Amtsübernahme, am 20. Januar, erteilt Trump den Angestellten der Nationalparks, der Umweltbehörde und später auch des Landwirtschaftsministeriums Maulkörbe: Sie dürfen keine sozialen Medien mehr nutzen oder eigenständig mit Journalisten sprechen. Die Umweltschutzbehörde darf derzeit keine neuen Verträge abschließen, keine Mitarbeiter einstellen und keine Presseerklärungen versenden. Die Wissenschaftler dürfen ihre eigenen Studien nicht ohne Zustimmung des Weißen Hauses publizieren.

- Am 20. Januar werden 230 Demonstranten in Washington verhaftet und schwerer Straftaten und Randale bezichtigt. Darunter sind Journalisten, juristische Beobachter und Sanitäter, die nicht einmal an den Demonstrationen teilnahmen, sondern nur ihre Arbeit verrichteten. Ihre Handys werden durchsucht, obwohl die Kontakte von Journalisten und Juristen Informantenschutz genießen.

- Einem Mitarbeiter der progrssiven Organisation »Industrial Workers of the World« wird bei einem antifaschistischen Protest in Seattle in den Bauch geschossen. Sein Zustand ist kritisch. Der rechtsextreme Schütze stellt sich, darf aber ohne Anklage wieder gehen.

- Am 23. Januar verhängt Trump einen weltweiten Maulkorberlass für alle internationalen Organisationen, die Abtreibung als Option auch nur erwähnen. Das ist nicht, wie einige Zeitungen berichteten, eine Routine-Verordnung jeder republikanischen Regierung, denn Trumps Verbot geht weiter als zum Beispiel Reagans: Jede Organisation, die das Wort Abtreibung auch nur erwähnt, soll jegliche finanzielle Unterstützung verlieren. Wohlgemerkt: Schon vorher war festgelegt, dass Bundesmittel nicht für Abtreibungen verwendet werden dürfen. Aber die radikalere Version wird viele Frauen, vor allem in armen Staaten, in Lebensgefahr bringen.

- Trump lügt wiederholt, drei bis fünf Millionen Menschen hätten illegal gewählt, nur deshalb habe Hillary Clinton drei Millionen Stimmen mehr erhalten. Damit bereitet er den Boden zur Verschärfung der Wahlrechts-Gesetze vor der nächsten Wahl.

- Am weltweiten Holocaust-Gedenktag »vergisst« Trump, die größte Opfergruppe, nämlich die Juden, zu erwähnen. Statt dessen spricht er sich für Foltermethoden wie Waterboarding aus und erlässt ein pauschales Einreiseverbote für Reisende aus sieben muslimisch geprägten Ländern. (Wohlgemerkt: Kein einziger islamisch motivierter Anschlag in den USA ist in den vergangenen Jahren von einem Bürger aus diesen sieben Staaten verübt wurden.)

Diese Kolumne war ursprünglich vor allem zur Unterhaltung gedacht - meist berichte ich über amüsante Begebenheiten aus dem durchaus verrückten amerikanischen Alltag. Aber inzwischen ist mir das Lachen vergangen. Was soll ich mich darüber lustig machen, dass ich keine Recycling-Container für meine Batterien finde, wenn ein Mann, der den Klimawandel für einen Schwindel hält, zum Chef der Umweltbehörde wird? Wie kann ich neutral über die Pressekonferenzen der Regierung berichten, wenn der Regierungssprecher schon am ersten Tag gnadenlos lügt? Wie kann ich guten Gewissens weiterhin in Amerika leben, wenn meine Mitmenschen grundlos deportiert werden?

Amerikas Verfassung garantiert Meinungs- und Religionsfreiheit, den Schutz vor Diskriminierung aus religiösen Gründen und das Recht auf faire, unvoreingenommene Behandlung durch die Justiz. Trump hat schon in seiner ersten Woche all diese Prinzipien mit Füßen getreten. Er hat die traditionellen amerikanischen Werte verraten, die ja auch die Werte der westlichen Welt sind: Menschenrechte, Religionsfreiheit, Meinungsfreiheit.

Das einzige, was mich in dieser Situation ermutigt, sind die Reaktionen zigtausender Amerikaner: Fast drei Millionen Menschen protestierten weltweit am ersten Tag nach Trumps Amtsübernahme. Am Wochenende eilten Zigtausende zu den großen internationalen Flughäfen, um die Ankömmlinge mit Willkommensrufen zu empfangen.

»Ein guter Journalist macht sich mit keiner Sache gemein, auch nicht mit einer guten« – dieses Credo von Tagesthemen-Journalist Hanns Joachim Friedrichs galt lange als ehernes Gesetz des deutschen Journalismus. Aber das gilt nicht mehr, wenn demokratische Prinzipien bedroht sind, wenn Bürgerrechte unter Beschuss stehen, wenn Menschen ihr Leben dafür riskieren, ihre Meinung zu sagen oder an einen anderen als den christlichen Gott zu glauben.

Amerika, mein Freund, ist im Ausnahmezustand. Und jeder, der die Demokratie verteidigen möchte, muss Flagge zeigen.
Michaela Haas

deutsche Journalistin und Autorin in der Nähe von Los Angeles, wird ständig gefragt: »Was ist denn bloß in Amerika los?« Seit ein politisch völlig unerfahrener Egomane mit wilden Sprüchen in das höchste Amt der Welt aufgestiegen ist, wundern sich viele Deutsche über die Weltmacht. Aber dass sich Milliardär Donald Trump mit seinem Gorilla-Gehabe in das Weiße Haus gerüpelt hat, ist ja nur möglich, weil Amerika tief gespalten ist und viele Verrücktheiten zum Alltag gehören, die in Deutschland undenkbar wären. Deshalb schreibt Michaela Haas in der Kolumne »Wild Wild West« über die Macken und Tücken, die Amerika einzigartig machen.

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