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Gesellschaft/Leben 02. Februar 2017

Wie wir alle zu Strebern wurden

Foto: Mialko/Photocase.de

Wo sind Glamour und Exzess geblieben? Unser Autor hat eine Vermutung, warum das Leben im Vergleich zu früher so langweilig geworden ist.

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Nachdem ihm eine Frau vor vielen Jahren wegen eines Katers einen Termin abgesagt hatte, meinte Helmut Dietl nur: »Ja mei, Kater hin oder her – aber vorher wird's a Mordsgaudi ghabt ham, verstehst?«

Wir lachen über die Anekdote und machen jeden Tag: das Gegenteil. Wir feiern nicht mehr, sondern treffen uns zu Lunchterminen, Feierabendsnacks oder »ein, zwei Bierchen, aber bitte nicht mehr, weil« – und dann kommt irgendein Grund, über den sich unsere Helden von David Bowie über Romy Schneider bis eben zu Helmut Dietl schlapp gelacht hätten.

Der Glamour ist verschwunden, und mit ihm der Exzess, die Unvernunft, die Feier des Augenblicks. Der urbane Mensch des 21. Jahrhunderts ist ein Streber. Er versichert, optimiert, verzichtet, trinkt Detox-Säfte, trägt atmungsaktive Sporttrikots und geht nur noch in die Bar, um – wie prosaisch – seinen Durst zu löschen; »Tugendandroid«, sagte der französische Schriftsteller Philippe Murray dazu.

Das Bürgertum westlicher Großstädte hat sich für die Jutetasche und den Öko-Bauernhof entschieden, für eine moralisch aufgeladene Variante des gutes Lebens. Alles Glitzernde, Prickelnde, Fragwürdige hat der moderne Bürger Menschen überlassen, die er verachtet: Aufsteigern, Proleten, Neureichen, russischen Oligarchen und arabischen Scheichs. Es scheint, als ließe sich das Lebensgefühl des Glamours, wie wir es aus den Sechziger- oder Achtzigerjahren zu kennen meinen, diese Gratwanderung zwischen Grandezza und Lächerlichkeit, Dekadenz und Lebensfreude, Sinnlichkeit und Unvernunft, nicht mit dem Zeitgeist der urbanen, linksliberalen, tugendhaften Mittelschicht versöhnen. Aber warum eigentlich?

In fünf Thesen versucht SZ-Magazin-Autor Tobias Haberl sich der Frage zu nähern, was passiert ist, dass wir unser Heil nur noch in Verzicht und Gesundheit suchen, also in der Abgrenzung zu allem, woran wir so lange Freude hatten.

Zum Beispiel These 1: Glamour ist morbide, scheint an Geschwindigkeit, Rasanz und Risiko, im extremsten Fall an Selbstzerstörung gekoppelt zu sein. So schwingt ein Gefühl von Kontamination und Todesnähe fast immer mit, wenn wir eine Situation als besonders schick oder glamourös empfinden – die Fahrradhelmindustrie hat sich genau mit diesem Problem auseinanderzusetzen: Besonders sicher wird eben immer noch oft als nicht besonders sexy wahrgenommen. Auch die Modebranche schafft es trotz vieler Versuche, »Frauen wie du und ich« auf den Laufsteg zu schicken, immer noch nicht, auf magersüchtige Models zu verzichten. Offenbar funktioniert die Inszenierung von Eleganz nicht trotz, sondern wegen der offensichtlichen psychischen und physischen Defekte ihrer Protagonistinnen. Extravaganz ist eine Koketterie mit dem Sterben, eine Verdichtung des Moments auf Kosten der Sicherheit. Wie also soll eine Gesellschaft, deren Hauptziele Gesundheit und Vorsorge sind, die das Sterben verleugnet und verdrängt, ja an seiner Abschaffung arbeitet, glamourös sein?

Die Geschmackselite des 21. Jahrhunderts ist korrekt, umsichtig und modern, aber eben auch ein bisschen langweilig und berechenbar geworden. Ist das der Preis, den sie bezahlen muss? Oder finden sich neue Formen des Glamours, die sich mit der Logik und der Ästhetik der digitalen Wissensgesellschaft versöhnen lassen?

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