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Neue Fotografie 27. Februar 2017

Karneval brutal

Interview: Theresa Hein  Fotos: Mattia Vacca

Im italienischen Bergdorf Schignano ist der Karneval noch ein dunkles Ritual voller Geheimnisse. Der Fotograf Mattia Vacca war der erste Fremde, der die archaische Tradition dokumentieren durfte. 



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Name:
 Mattia Vacca
Alter: geboren am 08.12.1978
Wohnort: Como, Italien
Website: www.mattiavacca.it
Ausbildung: Masterclass FSS Film Studies und Documentary Filmmaking in Locarno, USI/Università della Svizzera italiana in Lugano

SZ-Magazin: Als Fotojournalist haben Sie die Welt bereist und viel in Krisengebieten fotografiert. Was reizt Sie ausgerechnet am Karneval im norditalienischen Bergdorf Schignano?
Mattia Vacca: Ich war nie ein Freund des Karnevals und bin auch eher zufällig auf den Karnevalsumzug in Schignano gestoßen: Mein erster Auftrag für eine Lokalzeitung hat mich einst dorthin geführt. Ich konnte das Chaos und den benommenen Zustand, die den Karneval von Schignano ausmachen, aber nicht vergessen und wusste schon damals, dass es sich lohnen würde, diese Tradition genauer zu untersuchen und zu verstehen. Der Mainstream-Karneval wurde seiner subversiven Natur beraubt und ist allenfalls noch eine Maskerade, in Schignano aber lebt die archaische Tradition des ländlichen Italiens noch.

Auf Ihren Fotos sieht das Dorf ziemlich arm aus. 

Nach dem Zweiten Weltkrieg verfiel Schignano in eine Periode der wirtschaftlichen Stagnation und des Trübsinns. Bis heute hat der Ort nie einen wirklichen Aufschwung erlebt, viele Bewohner sind weggegangen und haben ihr Glück anderswo versucht; Schignano liegt ja direkt an der Grenze zur Schweiz. Viele der jüngeren Menschen können mit den Problemen und der Arbeitslosigkeit nicht umgehen. Vielleicht sind sie gerade deswegen entschlossen, die Karnevalstradition zu bewahren. Der Karneval ist jedenfalls die Verbindung zwischen den älteren und jüngeren Generationen. 

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Was passiert denn nun genau?
Der Karneval in Schignano ist vor allem eine laute, körperliche und anarchische Veranstaltung. Der Umzug dreht dreht sich um die Geschichte des »Bèj« und des »Brut« – des Schönen und des Grotesken, den allegorischen Hauptfiguren. Diese Archetypen gehen auf die Zeit zurück, in der die Männer zum Frühlingsbeginn ihr Dorf verließen, um als Saisonarbeiter Geld zu verdienen. Der Karneval ist also viel mehr als eine simple Parade: Er erklärt gewissermaßen das soziale Gefüge dieser abgeschotteten Gemeinschaft, die heute weniger als tausend Mitglieder zählt. Die Künstler schnitzen die Masken, die Frauen nähen Kostüme, junge Männer proben die Rollen, die sie in der Parade spielen sollen. Für Jugendliche bedeutet der Karneval »Vegetà«, den Eintritt ins Erwachsenenalter. Die Kinder freuen sich auf den Karneval mehr als auf Weihnachten. 



Wie hat das Dorf auf Sie reagiert?
Obwohl die Bewohner sehr misstrauisch sein können, waren sie freundlich zu mir und ließen mich an ihrer Tradition teilhaben. Normalerweise mögen sie keinen Tourismus und wollen nicht zu viel Aufmerksamkeit. Ich war der erste Fremde, der das Dorf und seine Tradition dokumentieren durfte. Ich musste mir Zeit nehmen und habe drei Jahre daran gearbeitet.
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