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aus Heft 10/2017 Frauen

Die Mutti aller Schlachten

Von Till Raether  Illustration: Roman Muradov

Seit Jahren haftet an Angela Merkel das spöttisch gemeinte M-Wort. In Wahrheit profitiert die Kanzlerin längst davon.

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Das Bemerkenswerte an einem Spitznamen ist weniger die noch so hübsche Geschichte, wie er entstanden ist, sondern eher die manchmal überraschende Geschichte, was er mit seinem Träger gemacht hat. Mag sein, dass um 2008 herum der damalige Bundeswirtschaftsminister Michael Glos den Begriff »Mutti« für Angela Merkel prägte und dass Merkel tatsächlich Glos, wie der Spiegel schilderte, »mit einer schneidigen Mütterlichkeit« behandelte. Aber interessanter ist, dass »Mutti« bis heute an ihr klebt – und mit welcher Wirkung.

Die erste, gewollte Wirkung: Wer eine erfolgreiche Politikerin »Mutti« nennt, reduziert sie dadurch auf die einzige Machtposition, die er einer Frau zuzubilligen scheint. Der Begriff, von Erwachsenen über eine Erwachsene gesagt, ist verniedlichend, verächtlich, distanzierend. Unter dem Eindruck von Merkels Flüchtlingspolitik verwenden Rechtsextreme und Rechtspopulisten das Spottwort noch lieber als zuvor: »Mutti muss weg«, liest man auf Pegida-Plakaten, »Mutti Multikulti« auf Fotomontagen, die sie mit islamischem Kopftuch zeigen oder gleich als – willkommen in der Wortspielhölle, rechter Seiteneingang – »Mutter Terroresia« bezeichnen.

Nun ist 2017 das Jahr von Angela Merkels wahrscheinlich letzter Bundestagswahl. Mutterdämmerung. Es wird schwierig für sie, schwieriger als erwartet. Aber, und das ist das Überraschende, es könnte sein, dass gerade der Spitzname »Mutti« sie rettet.

Die Geschlechterforscherin Dorothee Beck erklärt, welche unterschiedlichen Facetten das Bild von Merkel als Mutti hat: Im Zentrum stehe »die sparsame und besorgte Mutter«, also die von Merkel selbst zum Ideal erhobene »schwäbische Hausfrau«. »Daneben ist ›Mutti‹ – bildlich gesprochen – die Einzige, die ihre Jungs zur Ordnung rufen darf«, sagt Beck über die zahlreichen Konkurrenzkämpfe innerhalb der Union, die fast immer Merkel gewann. Und schließlich habe sich seit der Bundestagswahl 2013 »Merkels Mutti-Image zum Bild der präsidialen Mutter der Nation« entwickelt.

Das Wort »Mutti« hat Merkel mehr genutzt als geschadet. Denn alle Aspekte der Mutti-Metapher verdecken Schwächen von ihr. Mit dem mütterlichen Bild der sparsamen schwäbischen Hausfrau, die nicht mehr ausgeben kann, als sie im Portemonnaie hat, lassen sich soziale Einschnitte begründen. Wenn »Mutti« ihre Jungs zur Ordnung ruft, werden ihre politischen Gegner automatisch zu Pubertierenden herabgestuft. Und hinter dem mütterlich-präsidialen Image lässt sich allerlei Zaudern und Schwanken verbergen. Dadurch, schrieb Beck in ihrem ironisch Mutti ist die Beste betitelten Aufsatz voriges Jahr in einem Band mit feministischen Texten zur Mutterschaft, entstehe der Eindruck: Mutti wird’s schon richten, also: Wir müssen uns nicht kümmern. Das Resultat sind genau die Entpolitisierung und allgemeine Müdigkeit, die über vielen Jahren der Merkel-Ära lagen.

Anscheinend ist also im Laufe der vergangenen Jahre Folgendes passiert: Merkel hat das eigentlich abfällige »Mutti«-Etikett für sich arbeiten lassen, so wie sie viele ihrer scheinbaren Schwächen in Stärken umgemünzt hat – ihre ungelenke Rhetorik in Authentizität, die seltsamen Farben ihrer Hosenanzüge in ein Erkennungsmerkmal, die Raute ihrer körperlichen Unentspanntheit in ein Markenzeichen. Sie hat es geschafft, dass selbst ein kurzes GIF ihres verstört-unbeteiligten Gesichtsausdrucks bei einer Karnevalssitzung zur positiven Identifikation einlädt. Und eben auch, dass man sie und ihre Kanzlerschaft beim Wort »Mutti« nicht belächelt, sondern als fast naturgegeben hinnimmt. Die Autorin und Linken-Politikerin Julia Schramm hat über dieses Phänomen 2016 ein Buch geschrieben, Fifty Shades of Merkel, und sie ergänzt, wie Merkel derzeit im Kontakt mit Donald Trump die Rolle der strengen Mutter kultiviere, wenn sie ihm bei der Gratulation nach der Wahl sozusagen erst einmal die Hausordnung vorlese – Merkel wies in ihrer Botschaft deutlich auf die humanen Werte der westlichen Gemeinschaft hin.

Was bei der Umformung von »Mutti« in ein attraktives Markenzeichen genau vor sich geht, erforscht die Kognitionsforscherin Elisabeth Wehling von der Universität Berkeley, die mit Politisches Framing: Wie eine Nation sich ihr Denken einredet – und daraus Politik macht im vorigen Jahr ein Sachbuch geschrieben hat, das gerade großes Aufsehen erregt. Es handelt davon, wie die Sprache das politische Denken beeinflusst – Schlüsselwissen in der Ära Trump. »Mutti Merkel« sei eine »konzeptuelle Metapher«: ein Bild, mit dem sich unser Gehirn automatisch behilft, um sich einen abstrakten Sachverhalt zu erklären. »Die wenigsten von uns können konkrete Lebenserfahrungen abrufen, wenn es um hohe Politik und das Regierungshandeln geht«, sagt Wehling. »Darum greifen wir auf das zurück, was uns ähnlich erscheint. Was das ist, wurde sozialwissenschaftlich umfangreich getestet: Jeder Mensch denkt, wenn er an Politik denkt, erst mal an seine eigenen Familienideale. Das passiert automatisch und bleibt in der Regel unbewusst. Daher kommen Sprachbilder wie Vaterland, Staatshaushalt, Landeskinder.« Die mit dem Hohnwort beabsichtigte Abwertung von »Mutti Merkel« läuft daher ins Leere – und Merkels Gegner schaden sich nur selbst, wenn sie sie »Mutti« nennen. »Was hängen bleibt, wenn Merkels Gegner ›Mutti‹ sagen, ist: ›Merkel ist die Mutter der Nation‹ – also genau das, was sie nicht wollen«, meint Wehling. »Die AfD und andere tappen hier in die Kommunikationsfalle. Sie nutzen den Frame, der dem Gegner hilft.« Als Frame bezeichnet die Kognitionswissenschaft gedankliche Deutungsrahmen, die durch Sprache im Hirn aktiviert werden. Beim Wort »Mutti« ist der Deutungsrahmen nun aber generell positiv, auch wenn man das Wort negativ einzusetzen versucht.

In der Welt stehen sich gerade zwei Ansätze politischen Handelns gegenüber: der fürsorgliche und der autoritäre. Die autoritäre Ideologie hat es im Moment leichter, siehe Trump, Putin, Brexit, Erdogan: Strenge, Wut und Abschottung lassen sich rhetorisch leichter vermitteln als Solidarität, Mitgefühl und Offenheit. Angela Merkel, sagt Elisabeth Wehling, gestalte ihre Politik eher »bikonzeptuell«, also mit Elementen sowohl der im »Mutti«-Frame enthaltenen Fürsorge als auch der Autorität, wie bei ihrem resoluten Auftreten gegenüber Autokraten wie Wladimir Putin oder der gnadenlosen Demontage von innerparteilichen Gegnern wie Friedrich Merz oder Roland Koch. Dabei habe Merkel, sagt Wehling, gerade in der Rhetorik Schwierigkeiten, das Fürsorgliche ihrer Politik zu vermitteln: Den »Bund der Willigen«, den Merkel zur Flüchtlingsversorgung in der EU vergeblich gesucht habe, hätte sie fürsorglich etwa »Bund der Menschlichkeit« oder »Bund der Solidarischen« nennen können. Merkels große fürsorgliche Geste vom September 2015, ihr Willkommenheißen der Flüchtlinge, hat sie insgesamt unbeliebter gemacht. Und was die Flüchtlings- oder Solidaritätskrise angeht, hat sie seitdem eher autoritär gehandelt. Womöglich ist das »Mutti«-Klischee stark genug, diese Widersprüche wieder in duldsames Wählerwohlgefallen aufzulösen. Über den Mann, der sich anschickt, das zu verhindern, kann man sagen: Er hat inzwischen den nach ihm benannten »Schulz-Effekt«. Aber er ist noch nicht »Vati«.

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Till Raether

war einmal zu einer Gesprächsrunde über die »Vereinbarkeit von Familie und Beruf für Väter« im Bundeskanzleramt. Beim Warten auf die Kanzlerin bat er die Referentin, ihm ein Merkel-Autogramm mitzugeben. Eine ungewöhnliche Bitte für einen Journalisten, aber er habe es seiner Tochter versprechen müssen - »ohne traue ich mich nicht nach Hause«. Dies erheiterte die anderen Teilnehmer. In dem Moment betrat die Kanzlerin den Raum und sagte mit ironischer Strenge: »Hier wird schon gelacht? Ohne mich?«

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