aus Heft 09/2008 Geschichte Noch keine Kommentare
Und es war Sommer
Zum ersten Mal spricht Angela Merkel darüber, wie sie das Jahr 1968 in der DDR erlebte - und wie der Aufbruch sie für immer veränderte.
Von Evelyn Roll (Interview)
Angela Merkel um 1968
SZ-Magazin: Frau Bundeskanzlerin, alle schreiben und reden und streiten vierzig Jahre danach wieder einmal über 1968. Und kaum einer fragt, was damals im Osten des Landes los war oder in Prag. Ärgert Sie das?
Angela Merkel: Es wundert mich, und unabhängig davon waren die Ereignisse des Jahres 1968 ja nicht spezifisch deutsch, sondern es gab eine internationale Bewegung, die erste globale, westliche Bewegung. Sie hatte zwar auch eine eigene deutsche Ausprägung, ist aber nicht in Deutschland entstanden. Diese internationale Entwicklung hatte verschiedene Triebkräfte, von denen in der Bundesrepublik die wichtigste möglicherweise auch etwas mit der Entwicklung des Wohlstands der Nachkriegszeit zu tun hatte.
Der Wohlstand?
Ich meine das so, dass eine wichtige Voraussetzung für 1968 ja erst mal war, dass man, anders als in den Jahren nach dem Krieg, nicht mehr jeden Abend Hunger hatte, dass man materiell aus dem Gröbsten raus war, dass die Grundstrukturen der Bundesrepublik geschaffen waren. Nun hatte zum ersten Mal eine junge Generation den Kopf frei, sich um neue gesellschaftliche Fragen zu kümmern. Und natürlich hat dann vor allem der Vietnamkrieg eine große Bedeutung gehabt. Es gab immer mehr Fernsehgeräte, sodass die Bilder vom Krieg für viele präsenter waren als jemals zuvor in der Geschichte. Auch die Erfindung der Pille hat in der Diskussion natürlich eine Rolle gespielt. Das alles hat letztlich zu den Veränderungen geführt, die wir unter dem Schlagwort »68« kennen. Diese Bewegung gab es in Amerika, in Frankreich, in Deutschland, im Übrigen aber auch in Osteuropa. Insofern vermisse ich bei der Diskussion bei uns ein wenig die Einordnung in die internationale Entwicklung: Was waren die amerikanischen Beweggründe? Was waren die spezifisch deutschen? Wie war es in Paris? Wie in Prag?
Anzeige
Und wie war 1968 in Ostdeutschland? Sie waren zwar in jenem Jahr erst 14 Jahre alt, aber… …subjektiv fühlt man sich in dem Alter ja schon relativ weise. Was ich noch sehr gut in Erinnerung habe, ist die wirklich tief greifende Aufbruchstimmung in der Tschechoslowakei. In den Sommerferien 1968 war ich mit meinen Eltern und Geschwistern im Riesengebirge, in Pec pod Snezkou. Da wurde jeden Tag darüber gesprochen, was in Prag los war. Die Kinder waren aufgeregt. Die Jugendlichen waren aufgeregt. Die Erwachsenen waren aufgeregt. Dann fuhren meine Eltern zwei Tage nach Prag. Ich wäre zu gern mitgekommen, weil das alles so spannend sein sollte dort auf dem Wenzelsplatz, ganz offene Gespräche und sogar Westzeitungen sollte es zu kaufen geben.
Was haben Ihre Eltern erlebt?
Die kamen sehr belebt aus Prag zurück mit der Hoffnung, dass man die Dinge innerhalb des Sozialismus offenbar doch aufbrechen kann. Das war ja zum Teil in den kirchlichen Kreisen der DDR diskutiert worden: nicht die Kopie Westdeutschlands, sondern der eigene Weg. Und das, was in der Tschechoslowakei passierte, hätte man sich eben auch für die DDR gewünscht. Ich erinnere mich noch gut, dass ich selbst damals eher gezweifelt habe, ob man den Sozialismus in sich reformieren kann. Aber ich hatte mit 14 selbstverständlich noch keine abschließende Haltung dazu.
Und dann kam der 21. August.
Da war ich, wie immer gegen Ende der Sommerferien, bei meiner Ostberliner Großmutter. Und ich sehe mich noch an jenem Morgen in der Küche stehen, als aus ihrem kleinen Radio die Nachricht kam: Russische Truppen sind in Prag einmarschiert. Das war ein wirklicher Tiefschlag, hammerhart. Und dazu waren es noch Truppen gewesen, die aus der DDR in die Tschechoslowakei einmarschiert sind. Ich habe mich gegenüber den Tschechen dafür sehr geschämt. Mit so etwas hatte ich absolut nicht gerechnet. Ich war furchtbar traurig.
Wussten Sie damals schon, dass im Westen ein Teil der Studentenbewegung den Einmarsch der sowjetischen Truppen rechtfertigte?
Nein. Aber es zeigt, für jede noch so absurde Meinung gab es und gibt es Protagonisten. Als Jugendliche habe ich damals allerdings keinen geistigen Zusammenhang erkannt zwischen Prag, also zwischen den Ereignissen, die mich bewegten, und den Ereignissen, die ich im Westfernsehen gesehen habe, und die sich weltweit abspielten. Erst im Nachhinein habe ich verstanden, dass 1968 eine weltumspannende Entwicklung, eine Aufbruchbewegung war. Die einen wollten den Sozialismus aufbrechen und menschlicher machen, hatten aber keine Abneigung gegen die soziale Marktwirtschaft. Und die anderen kamen aus der Marktwirtschaft und haben den Sozialismus verherrlicht. Eigentlich waren diese Bewegungen gegenläufig und trotzdem waren sie in manchem gleich.
Lesen Sie auf der nächsten Seite: Angela Merkel über Westfernsehen und ihr Studium in Leipzig.
Die Leuchte
Das Modul-Regal
Der Eimer
Der Stapelhocker
20 Jahre
Sagen Sie
Perfekter Plan
CUS




Kommentare