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aus Heft 13/2017 Reise

Für immer Müsli, Toast und Marmelade

Von Susanne Schneider  Foto: Jessica Dance

Auf Reisen möchte man exotische Gerichte kennenlernen, aber beim Hotelfrühstück hört die Neugier in der Regel auf. Der Grund dafür ist tief im Darm verborgen.

Bietet ein Hotel irgendwo auf der Welt »Continental Breakfast« an, müssen mindestens Toast, Butter, Marmelade sowie Tee oder Kaffee auf dem Tisch stehen. Eier, Wurst und Käse sind optimales Beiwerk.

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Das Frühstück hat schon bessere Zeiten gesehen: Als man Kaffee morgens noch aus Tassen trank zum Beispiel, nicht aus Pappbechern schlürfte, die dann im Abfalleimer neben der Bushaltestelle landen. Immerhin, es gibt eine Ausnahme: den Urlaub. Da ist noch alles anders. Das Frühstücksbuffet im Hotel ist dann einer der Höhepunkte des Tages: Lachs mit Meerrettich, Obstsalat, fünferlei Käse vom Brett, zehnerlei Müsli aus biologischem Saatgut, der frisch gepresste Orangensaft, Tomate mit Mozzarella. Neben dem Wärmebehälter für das Rührei brutzeln fette Würstchen, na gut, Engländer und Essen halt. Blickt man zu den Nachbartischen herüber, wird die Verstörung größer: Löffeln da wirklich Chinesen so früh dünne Reissuppe, kriegt die arabische Familie morgens schon Baklava runter? Und der Japaner geräucherten Fisch statt Semmel mit Butter und Schinken?

Da verstehe einer morgens die Welt. Freier Handel mit Ecuador und Südkorea, das Handy aus China, die Sommerferien in Kroatien, aber bei der ersten Mahlzeit des Tages will niemand etwas von Globalisierung wissen, dann scheinen unsichtbare Mauern zwischen Asiaten, Afrikanern und Europäern hochgezogen zu sein, ja dann darf auch das Ei nur genau so hart gekocht sein, wie man es in der eigenen Küche hält. Abends ist alles anders, da gehen wir indisch, äthiopisch, griechisch, vietnamesisch oder libanesisch essen – und es schmeckt großartig. Unser Appetit ist also kein Rechtspopulist, sondern grundsätzlich durchaus offen und neugierig. Nur: Was passiert in den zwölf Stunden zwischen Frühstück und Abendessen? Spinnt unser Magen morgens? Oder spinnt er abends? Oder gar nicht?

In England heißt das Frühstück breakfast, in Spanien desayuno, die eigentliche Bedeutung in beiden Sprachen ist fast die gleiche: Fastenbrechen. Dieser Begriff führt uns auf die Spur. Denn was tun wir nachts? Wir fasten. Zwischen keinen anderen Mahlzeiten ist die Pause so lang wie zwischen dem Abendessen und dem Frühstück. Dann hat der Darm Pause, er muss nicht verdauen, sondern kann sich regenerieren. Die Schleimzellen des Dünndarms, in dem die eigentliche Verdauung stattfindet, erneuern sich alle ein bis zwei Tage. Sie sind jung und besonders morgens empfindlich. Mit dem Frühstück beenden – brechen – wir das Fasten.

Dann freut sich der Magen über Kost, die für ihn gut verdaulich ist. Kohlenhydrate wie Brot und Müsli füllen schnell die Depots mit Blutzucker, die sich über Nacht geleert haben. Und so führt uns eine unsichtbare Hand: das Verdauungssystem, das uns anweist, Ausschau zu halten nach Nahrungsmitteln, die erstens für den Körper kein Problem und zweitens vertraut sind, weil fremdartige Nahrungsmittel sich ja als Problem für den Körper herausstellen könnten. Und die Engländer und ihre fettigen Würstchen? Nicht ganz so leicht verdaulich, aber: In jeder Esskultur fallen Mittag- und Abendessen in der Regel üppiger aus als das Frühstück. Es ist also immer die relativ leichteste und darmfreundlichste Mahlzeit des Tages.

Außerdem kommt die Gewohnheit ins Spiel, genauer das Mikrobiom, also all die Mikroorganismen, die unseren Körper und eben auch den Darm besiedeln. Die Darmbakterien, die ein Baby in den ersten Lebenswochen aufnimmt, sind für das Essverhalten ein Leben lang entscheidend. Deshalb wählt ein Mensch eher das Essen, auf das sein Mikrobiom am besten vorbereitet ist. Unser Mikrobiom ist morgens an Tee, Kaffee und Brot gewöhnt – und seit einigen Jahrzehnten auch an Müsli und Cornflakes, das von Chinesen an Reis, das von Japanern an Fisch. Am Abend sind Magen und Darm wieder robust, der Blutzuckerspiegel eingependelt. Dann regt sich der Appetit auch bei schwererer Kost. Ines Heindl, Ernährungswissenschaftlerin in Flensburg, sagt, das Frühstück habe zudem einen anderen Charakter als das Mittag- oder Abendessen – nämlich einen privaten und familiären. Man kann wohl auch sagen: einen isolationistischen. Wenn man dagegen abends essen gehe, bewege man sich im öffentlichen Raum und sei offen für Neues, »die Experimentierfreude ist größer als morgens«. Dann ist auch chinesisches, griechisches, italienisches Essen willkommen, allesamt Küchen, an die wir uns schon gewöhnt haben, und sogar ungewohnter Kost steht man im Laufe des Tages viel offener gegenüber als beim Frühstück.

Kurzum: Der Körper ist abends ein Weltbürger – und morgens sollte man einfach nicht mit ihm diskutieren.

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Susanne Schneider

isst als Münchnerin morgens am liebsten eine Butterbreze. In Hotels außerhalb Deutschlands gibt es die nie, was Schneider überhaupt nicht versteht. Besser als das Toastbrot, das überall angeboten wird, schmecken Brezen allemal.

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