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Nackte Zahlen: Sexkolumne 27. März 2017

Warum haben wir immer weniger Sex?

Von Till Raether  Illustration: Sammy Slabbinck

In einer neuen Studie wird die zunehmende Sexmüdigkeit mit Smartphones und Netflix begründet. Kann das wirklich die ganze Wahrheit sein? Unser Autor hat eine bessere Erklärung.

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Eine Langzeitstudie, für die 25.000 US-Bürger über mehrere Jahrzehnte befragt wurden, hat ergeben, dass Erwachsene heute deutlich weniger Sex haben als vor ein paar Jahrzehnten. Dies berichtet die Zeitschrift Archives of Sexual Behavior in ihrer aktuellen Ausgabe. Der Rückgang betrifft besonders Verheiratete, die zwar immer noch mehr Sex haben als Unverheiratete, aber: 1989 hatte ein verheiratetes Paar durchschnittlich 67 Mal Sex im Jahr, 2014 waren es bei einem durchschnittlichen Ehepaar nur noch 56 Mal.

Die Psychologin Jean M. Twenge von der San Diego State University vermutet, der Rückgang liege vor allem an folgenden drei Faktoren: Smartphones haben die Kommunikation und damit die Sex-Bereitschaft in Partnerschaften ruiniert; das immer größer werdende Unterhaltungsangebot geht auf Kosten von Sex; Dating Apps führen nicht zu mehr Sex, sondern schrecken die Mehrheit der Beziehungssuchenden ab.

Bei allem Respekt vor den Studienverfassern scheint es uns doch recht kurz gegriffen, den Sex-Rückgang auf iPhones, Netflix und Tinder zurückzuführen. Möglicherweise liegt das nachlassende Interesse an Sex vielmehr an folgenden Faktoren:

1. Der Niedergang, schreiben die Wissenschaftler, begannt statistisch im Jahr 2002. Die Nummer eins der Billboard-Jahrescharts war damals »How You Remind Me« von Nickelback. Kein Wunder, dass viele Menschen jeden Willen zur Fortpflanzung verloren, nachdem sie ein Jahr lang mit diesem Song beschallt wurden.

2. Der Trend weg vom partnerschaftlichen Sex verläuft parallel zum wachsenden Selbermach-Trend, kurz auch DIY genannt, do it yourself. Es ist modern, Filzpantoffeln, Essiggurken, Pussy-Mützen, Mayonnaise und so weiter in Handarbeit zu machen, warum sollte man sich also ausgerechnet für den Sex jemanden dazu holen.
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3. Parallel hierzu verläuft seit Anfang der Nullerjahre die Craft-Welle, also die Entwicklung, dass traditionelle Produkte wie hopfiges, trübes Bier wieder entdeckt und mit viel Hingabe auf ursprüngliche Weise hergestellt werden. Wenn die Leute all ihre Liebe in altes Handwerk stecken, bleibt keine Zeit und kein Platz mehr für das alte Handwerk der Liebe.

4. Donald Trump. 1988 zog der sensible Immobilienmogul erstmals eine Präsidentschaftskandidatur in Erwägung. Die Geschichte seines politischen Aufstiegs verläuft also zeitgleich mit dem wissenschaftlich nachgewiesenen Libidoverlust der US-Bevölkerung.

5. Möglicherweise ist die zurückgehende sexuelle Aktivität eines großen Teils der westlichen Bevölkerung ein erstes Signal der Evolution in Richtung: Leute, es ist genug. Ihr habt mehr getan, als nötig war, ihr könnt langsam aufhören mit dem Immer-so-Weitermachen. Es wird vorerst kein weiterer Nachschub benötigt, erstmal vielen Dank, aber in ein paar Jahren, wenn die künstliche Intelligenz die Kapazität des menschlichen Gehirns übersteigt und die Maschinen die Macht übernehmen, werden die Karten eh neu gemischt, also, Menschheit, nutze die für die Zwischenzeit bereitgestellten vielfältigen anderen Unterhaltungsangebote, weitere Bemühungen sind nicht erforderlich.
Till Raether

ist freier Journalist und Buchautor in Hamburg. Zu Beginn seiner Laufbahn schrieb er in einer großen Publikumszeitschrift einen Artikel über Sexualfantasien unter dem Pseudonym »Dirk Meinerstedt«. Für diesen Kalauer leistet er jetzt hier Abbitte. Diese Kolumne schreibt er im Wechsel mit Alena Schröder.