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Abschiedskolumne 07. April 2017

Der Enkel, den sie nie hatte

Von Marc Baumann 

Wenn unser Autor seine Oma besucht, freut sie sich - sie weiß aber nicht mehr, wie er heißt. Wie es sich anfühlt, langsam vergessen zu werden. 

Eine Scheidung, ein Weltkrieg, zwei Töchter, drei Enkel, 96 Jahre.

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Als erstes hat sie Ludwig vergessen. »Wer ist der kleine Junge?«, flüsterte sie mir auf Familienfesten zu. »Dein Urenkel«, flüsterte ich zurück. Ludwig konnte sie sich einfach nicht mehr merken. Auch nicht den Umzug meines Bruders in eine andere Stadt. 

Nach und nach hat sie fast alle vergessen, die sie kannte. Übrig bleiben meine Mutter, die sie fast täglich besucht, mein Bruder und ich. Letzte Woche war ich bei ihr. Ich nahm ein altes Fotoalbum von ihrem Tisch. Schwarz-weiße Bilder, sie als junge Frau, der erste Arbeitstag, viele Betriebsausflüge und dann ihr letzter Arbeitstag. »Woher hast du denn dieses Fotoalbum?«, fragte sie erstaunt. Ich hab es ihr dann geschenkt, drei Mal in einer Stunde. »Oma, kennst du Marc Baumann?«, fragte ich. »Nein«, sagte sie und blätterte weiter. Meine kleine Tochter sagte erstaunt »er sitzt doch neben dir«, aber meine Oma war zu vertieft in ein altes Foto von sich in einem Segelflieger. 
 
Meine Großmutter lacht, wenn ich sage, dass sie bald 100 Jahre alt wird. »Ich? 100? Du erzählst Sachen.« Sie streichelt ihren Steiff-Hund, als wäre er echt. Genau so einen hatte sie früher, er starb in einer Bombennacht, weil er nicht mit in den Bunker durfte. Immerhin: Sie hat auch das Schlechte vergessen, den Tod einer Tochter, die schweren Luftangriffe, die Scheidung, die in den Fünfzigerjahren noch verpönt war. 

Jeder Mensch hat seine Zeit, also die Jahre, in denen er die Welt versteht. Das waren bei meiner Oma die Jahre als Rote-Kreuz-Helferin im Krieg, später im Amt für Wiederaufbau, auch noch die frühen Achtzigerjahre als Oma mit zwei Enkeln, die sie trotz der weiten Distanz gern besuchte. Irgendwann beschloß sie, dass ihre Zeit vorbei ist, dass alles Neue nur mehr zu der Welt der jungen Leute gehört: Sie wollte so lange es geht ihren Schwarz-Weiß-Fernseher behalten, sträubte sich gegen einen CD-Spieler, das Internet habe ich ihr zig Mal erklärt, vergebens. Da war es noch ihre Entscheidung, nicht mehr mitzukommen. 

Wenn wir ihr sagten, dass sie doch zu uns ziehen solle, lehnte sie ab. Sie wurde immer einsamer in ihrer Dachgeschosswohnung, kam die vielen Stufen kaum mehr runter, hatte zu wenig Ansprache, trank nie genug, aber sie wollte nicht ausziehen, nicht ihre geliebte große Terrasse mit den Blumen und dem Blick über die Stadt aufgeben. 

Als sie stürzte, ging es nicht mehr. Im Seniorenstift gehörte sie anfangs zu den Aktiven, sang im Chor, unterhielt sich, fand eine beste Freundin. Inzwischen gehört sie zu denen, die viel dämmern. Zumindest noch nicht zu denen, die zusammengesunken sind. Meine Oma ist 96 Jahre alt, ihre Mutter wurde 92, und die hat gleich zwei Weltkriege mitgemacht.  

Wie brutal das Altwerden sein kann, lernte ich am ersten Tag meines Zivildienstes Ende der Neunzigerjahre. Da sollte ich helfen, einen bettlägrigen Mann zu waschen, bei dessen Anblick ich die Krankenschwester rief, weil ich dachte, er wäre gerade gestorben. Manche Körper sind wie Gefängnisse, wie Verliese, in die kaum mehr Tageslicht fällt. Am liebsten betreute ich damals einen kleinen alten Herrn mit großer Brille und Stock, der in seinem Wohnzimmer saß und immer dachte, er sei in London und gleich käme sein Zug. Aufgeregt zupfte er an meinem Ärmel und fragte, wo denn seine Frau bleib, weil doch der Zug gleich...
»Woher hast du denn dieses Fotoalbum?«, fragte sie erstaunt.

So schlimm ist die Demenz bei meiner Oma noch nicht. Man merkt es ihr nicht sofort an. Sie spielt mit ihren Enkeln, redet über das Wetter. Aber jede Nachfrage macht sie ratlos. Anfangs war es ihr noch unangenehm, alles schien nur eben vergessen - wie die Kinder heißen, die wir mitbringen, in welcher Stadt sie gerade ist, dass wir sie abholen, weil doch Heilig Abend ist. »Na, sag mal, wieso fällt mir das denn nicht ein?«, fragte sie etwas verlegen, weil sie wohl merkte, dass wir sie testeten, wissen wollten, ob es schlimmer wird. 

Noch erkennt sie unsere Gesichter. Sie lächelt, wenn wir sie besuchen kommen, sie winkt, wenn sie uns durch die Glasscheibe sieht, die den Flur trennt vom Speisesaal, in den sie die meiste Zeit des Tages gesetzt wird. Wenn wir wieder heimgehen, ist sie kurz traurig, aber sobald wir außer Sichtweite sind, ist der Besuch schon wieder vergessen. 

Ich habe beim Zivildienst eine alte Dame betreut, die mir erzählte, dass sie abends immer ein Mann besucht, der behauptet, er wäre ihr Sohn. Vor dem habe sie Angst. Der bringe ihr Essen und rede nett mit ihr, aber sie bleibe misstrauisch, der Mann sei bestimmt ein Räuber. Der stelle auch immer alles um in der Wohnung, wohl auf der Suche nach Geld, darum würden sie so oft Dinge nicht mehr finden. 

Dass meine Oma meinen Namen vergessen hat, kränkt mich nicht. Sogar meine kleine Tochter hat Verständnis dafür, dass wir der Uroma jedes Mal aufs Neue sagen müssen, wer sie ist. Ich finde es schade, dass wir uns nicht mehr über früher unterhalten können. Viele Geschichten, die ich noch nicht kannte, sind für immer verloren.

Und ich denke ungern daran, was noch kommen kann: Der Tag, an dem mich meine Oma gar nicht mehr erkennt. Ich möchte nicht, dass sie sich eines Tages wundert, wer der große Mann ist, der sich so vertraut neben sie setzt. Oder gar Angst vor mir bekommt. Wenn ich bei ihr bin, halte ich gerne ihre Hand oder massiere sanft ihren Rücken, wie sie es bei mir als Kind gemacht hat. Etwas Nähe, so lange sie mir das noch erlaubt. 

Das Schlimmste aber ist, dass ich ihr manchmal wünsche, dass sie nicht noch viel älter werden muss.

Credits:
Foto 1: Dragon30 / photocase.de
Foto 2: Bonk!Bild / photocase.de

 
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