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aus Heft 24/2017 Leben

Ab in die Kiste

Von Susanne Schneider  Illustration: Rami Niemi

Mit einer Holzkiste auf dem Rad zeigt man Liebe zur Umwelt - und Leichtgläubigkeit.



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Manchmal lehnt vorn an der Ecke noch ein Damenrad vom alten Schlag: mit Drahtkorb statt Gepäckträger, umwickelt mit Plastikblumen. Merkwürdig sieht das aus, so verloren und von gestern. Dabei müsste sich die Besitzerin nur im Viertel umschauen, schon wüsste sie, Einkäufe werden jetzt in einer Weinkiste aus Holz transportiert. Mindestens in jenen Gegenden der Stadt, in denen Mütter ihre Kinder in die braunen Truhen der Christiania-Lastenfahrräder setzen und sie zum englischsprachigen Kindergarten transportieren. Anschließend greifen sie zum Zweitrad, dem Hollandrad, die Weinkiste vorn oder hinten montiert, und fahren einkaufen. Aus dem Rennradalter sind sie raus, der Beutel mit den dünnen Kordeln, den sie als Rucksack trugen, reicht nicht mehr, um die Einkäufe für die Familie zu verstauen. Was geblieben ist: Männer kümmern sich auch als Väter lieber um Technik, Frauen um die Verschönerung, um Details – wie eben Plastikblumen oder Weinkisten.

Der Trend mit der Weinkiste auf dem Rad entstand vor ein paar Jahren in den Niederlanden und schwappte auf New York über oder umgekehrt, so genau kann das niemand sagen, denn schon damals gehörten zum Bücherregal oder Ablagetisch umfunktionierte Weinkisten zum Mobiliar der Hipster, die sich um keinen Preis so bezeichnen wollten.

Und längst tragen ja nicht nur Regale, Turnschuhe und Vornamen der Kinder, sondern auch Fahrräder zur Imagebildung bei. Selbst beim richtigen Rad kann man viel falsch machen, wenn das Zubehör nicht stimmt. Die Weinkiste aus Massivholz, auf die idealerweise in altmodischer Schrift eingebrannt ist »Wein aus deutschen Landen«, sendet dagegen all jene Signale, die vielen Menschen heute wichtig sind: Der Alltag ist hektisch, aber ich entschleunige. Ich bin umweltbewusst. Und individuell, weil ich die Kiste blau (oder rot) lackiert habe. Ich kaufe Bio-Lebensmittel aus der Region und transportiere sie in nachwachsenden Materialien. Dafür musste kein Baum im Urwald sterben, denn meine Kiste ist alt und stammt vom deutschen Winzer.

Wenn das mal stimmt. Zwar versprechen viele Onlinehändler, dass ihre Kunden mit der »Vintage Weinkiste« ein Original vom deutschen Winzer erstehen, »gebraucht, mit viel Charme und Patina«. Um die zehn Euro kostet es. Doch kein Fahrradhändler, der die Kisten vertreibt, gab uns gegenüber seine Quelle preis. Fast alle Winzer haben auf billigere und leichtere Pappkartons umgestellt, eine leere Holzkiste wiegt nämlich rund zwei Kilo. Weil Winzer aber ja Wein und keine Kisten produzieren, lassen sie sich die vom Winzerbedarf liefern, ebenso wie Korken oder Traubenpressen. Die Originale, die noch in Weinkellern herumstehen, dürften also selten sein.

Die wunderbare Vermehrung der Weinkisten lässt sich wohl damit erklären, dass die meisten neu sind, nicht in »deutschen Landen«, sondern in Polen, Lettland oder der Ukraine hergestellt. Florian zum Felde, der in seinen Onlineshops solche Kisten anbietet, sagt, wegen der hohen Produktionskosten gebe es in Deutschland keine Hersteller mehr. Seine Firmen haben immer zwischen 100 000 und 200 000 Kisten vorrätig, so groß sei die Nachfrage.

Auch Männer haben Kisten auf dem Fahrrad. Die sind aber mehrheitlich aus grünem Plastik, zusammenklappbar und mit einem Expander am Rad befestigt. Praktisch.

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Susanne Schneider

sitzt morgens auf ihrem Balkon und schaut den Müttern auf deren Lastenfahrrädern zu. Dass Samstag ist, erkennt unsere Redakteurin daran, dass dann Männer Bier- und Wasserkästen darin transportieren.

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