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Auto/Mobilität 07. Juli 2017

Die stille Gefahr

Von Nataly Bleuel  Foto: Bosch

Carsharing war einmal, inzwischen teilt man sich Elektroroller. Berlin ist der Testmarkt – wobei Tausende neue, unerfahrene Rollerfahrer, die leise durch die Straßen surren, vielen nicht ganz geheuer sind.

Elektroroller der Firma Coup, die gerade massiv auf den Berliner Markt drängt.
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Ich finde die Südifizierung unseres Alltags ja spitzenmäßig und will nicht, dass jemand denkt, ich wäre eine von den Retro-Mäusen mit verklärtem Blick, die sich zurückwünschen in jene Zeit, als alles noch schön geordnet und verboten war und wir mit Kohle heizten und die Balkone von den Häusern fielen. Einige meiner Berliner Freunde erwecken gerade diesen Anschein. »Aber ihr könnt doch nicht ernsthaft«, rufe ich wenn sie so tun, als wäre, sagen wir: bis 1994, alles besser gewesen, »ihr könnt doch nicht ernsthaft auf den Café verzichten und auf die Vespe auf den Straßen!« Ich betone das dann absichtlich italienisch. Caffè! Vespe! Und ein Brioche, Amore! Denn es gab mal eine Zeit, öde, grau, da träumte ich davon, auf dem Weg zur Arbeit in der Bar einen Caffè zu schlürfen, die kleinformatige Zeitung auf der Eistruhe blätternd, um mich dann auf eine Vespa zu schwingen und mit Dutzenden anderen in Wolken von Benzin-Öl-Gemisch durch die Gassen zu knattern. Ah, dolce vita!

Und die haben wir jetzt! Hier! In Berlin!! Da kiekste, wa?

In dieser Stadt stehen jetzt nämlich an quasi jeder Ecke Roller herum, die man sich einfach schnappen und mieten kann. Statt Car-Sharing also Roller-Sharing. Helm liegt drin, Autoführerschein reicht, Kosten paar Cent die Minute, fahren an die 45 km/h und Parken niente problema. Zwei Firmen haben die da testweise hingestellt, das Startup »Emmy« und die Firma Bosch die »Coups«. Der Markt im Testgebiet Berlin ist nach Einschätzung beider Anbieter mit bald etwa 1500 Elektro-Mietrollern noch nicht gesättigt. Wer einmal auf den Geschmack gekommen ist, will an jeder Ecke einen stehen sehen. Denn, so die Bosch-Sprecherin Julia Grothe zur Berliner Zeitung: »Niemand will eine Viertelstunde zu einem Roller laufen.«

Die Emmys und Coups stinken zwar nicht so schön südlich, weil es ja Elektro-Roller sind. Und sie knattern auch nicht, sondern sie schleichen sich ohne Vorwarnung an. Sie machen Ssssssssssss und Wwwwwwwwwwwww und Fffffff, vor allem wenn - so berichten Freundinnen -: einem auf dem E-Roller zum Date plötzlich der Saft ausgeht, ffff ff f...

Ich selbst traue mich nicht drauf, peccato. Obwohl ich mal leidenschaftliche Vespa-Fahrerin war. Bis zu jenem Tag, als die Vespa mit mir über eine Böschung flog. Und ich die restlichen drei Wochen in den Tropen, mit Schürfwunden von der Nase bis zur Zehenspitze, vom Strand aus aufs Meer blicken musste. Neben den anderen Verschürften. Den depperten Touri erkennt man an seinen durch Übermut zugefügten Schorfspuren.

Die Roller erfüllen diesen Sommer mit einer ganz wunderbar frivolen Note. Jedes Mal, wenn einer an mir vorbeisurrt, denke ich: Hach, der ist bestimmt auf dem Weg zu einem Date oder einem Aperitiv! Oder, weniger verheißungsvoll: Er kommt gerade von einem oder zweien oder dreien zurück. Dieser Gedanke nun besorgt mich ein klein wenig.

Vorgestern, ich steh mit meinem Rad auf dem Radstreifen an der Ampel, da saust plötzlich einer an mir vorbei, haarscharf meinen Lenker touchierend, ein Pärchen drauf, in Badehosen, die Helmschnallen flattern lustig im Wind, der Fahrer vollführt Slalombewegungen und hupt, tööt tööt, als es zwei Radfahrer wagen, sich seiner dolce vita in den Weg zu radeln.
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Sie werden's nicht glauben und mich beschäftigt es nun auch seit Tagen. Dass ich auf einen so verkniffenen Gedanken kam... aber ich dachte: Hallo! Das ist unser Radweg! Und du Bürschchen fährst schön auf der Straße! Und dir ist hoffentlich klar, dass ein Moped eine nicht unwesentliche Schubkraft hat, denn das sieht gerade so aus, als hättest du noch nie auf einem gesessen. Und hallo, überprüft hier auch mal einer, ob all die frivolen Freundchen, die sich jetzt Roller schnappen, überhaupt fahren können? Und die Straßenverkehrsordnung kennen?

Denn Freundchen, dein E-Roller hat keinen Vorrang auf dem Radstreifen. Und auf einem Radweg hast du nüscht zu suchen. Wenn du auf der Straße fährst, fahr doch bitte in deren Mitte, damit die Autos dich nicht an den Rand drängen. Und bei jeglicher Kurve, Sand, Nässe und vor allem Aperitivgenuss, denk dran: Du bist kein Auto! Dagegen hast du keine Chance! Denn dein Roller fliegt mit dir! Also sei immer wach, selbst wenn du Vorfahrt hast!

So habe ich gedacht. Nicht dass am Ende dieses südlichen Sommers lauter Verschürfte am Strand der Spree sitzen. Bislang, ich habe mal nach dem Unfallaufkommen unter Mietmopeds gefragt, ging noch alles gut, sagt die Polizei. Es gebe »nach hiesigen Erkenntnissen bisher keine Auffälligkeiten im Rahmen der Verkehrsüberwachung«. Als ich das las, kam mir meine Sorge noch doofer vor und ich hörte förmlich das Bella-ciao der Berliner Polizeipressesprecherin. Seither mache ich mir Vorwürfe. Was für eine blöde omihafte Spielverderberin ich doch geworden bin. Also: Weiter so, amici, gebt Strom! Nicht dass uns Paris noch den Rang als südlichste Stadt des Nordens abläuft. Da testen sie nämlich auch gerade 600 E-Scooter. Und nächstes Jahr könnte München folgen.
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