Sie haben Ihren Adblocker auf unserer Seite aktiviert. Bitte deaktivieren Sie diesen für SZ.de! mehr zum Thema

bedeckt München 21°
Anzeige
Anzeige

Abschiedskolumne 14. Juli 2017

Urlaub war uns wichtiger als eure Zukunft, sorry

Von Marc Baumann  Foto: Cathleen Naundorf

Mit unserem Lebensstil schädigen wir den Planeten unwiderruflich. Jeder weiß es, keiner tut wirklich etwas dagegen. Ein vorweggenommener Entschuldigungsbrief an unsere Kinder.

Anzeige
Liebe künftige Generationen,

sorry. Das mit der schmelzenden Arktis, das mit dem abgeholzten Regenwald, das mit den leergefischten Meeren, das waren wir. Wir haben euren Planeten ausgebeutet, eure Natur kaputt gemacht, euer Klima auf Jahrhunderte hinaus geschädigt. Unsere Wissenschaftler hatten uns zwar seit Jahrzehnten gewarnt, in immer eindringlicheren, verzweifelteren Worten, aber wir haben es nicht ernst genommen. Nicht ernst genug.

Und weil ihr, die ihr die Erde von uns erbt, zu Recht wütend auf uns sein werdet, entsetzt und fassungslos angesichts unserer Rücksichtslosigkeit und Dummheit, habt ihr ein Anrecht auf eine Erklärung. Nicht erst im Jahr 2050, wenn eh alles zu spät ist, sondern heute, 2017, wenn man es noch in allerletzter Sekunde hätte umbiegen können. Wir, die Erwachsenen weltweit, hätten mit aller Kraft und Macht auf die Bremse steigen müssen, aber wir sind weiter gut gelaunt und ignorant Vollgas mit unseren Verbrennungsmotoren gegen die Wand gefahren. Und ihr wart im Kindersitz auf der Rückbank dabei.

So einen Brief im Jahr 2017 zu schreiben könnte zynisch wirken. Aber es soll nur ehrlich sein. Eine traurige Erkenntnis. Es ist Mitte Juli, und da gerade kein Terror, G20 und nicht mal Bundesliga stattfinden, hört man in den Nachrichten ausnahmsweise was vom Klima. Ein gigantischer Eisberg ist abgebrochen, 175 Kilometer lang, bis zu 50 Kilometer breit. »Der Südpol zerbricht!«, hat die Bild-Zeitung getitelt, riesengroß und angsteinflößend. Endlich mal Action statt immer nur die drögen Zahlen und Statistiken, mit denen Klimaforscher zu belegen versuchen, was wir nicht hören wollen. Der Eisberg muss keine direkte Folge der Erderwärmung sein, wie Wissenschaftler gleich angemerkt haben, er erinnert aber unangenehmerweise daran. Und einwandfrei belegt ist, dass wir ein Hitzerekordjahr nach dem anderen erleben.

Trotzdem kenne ich nicht einen Kollegen, Bekannten, Verwandten oder Freund, der sich je ernsthaft angestrengt hätte gegen den Klimawandel zu kämpfen. Wir kaufen ab und an im Bio-Laden ein, trennen den Müll meistens und bei gutem Wetter lassen wir das Auto auch mal stehen. Viel bringt das nicht. Wir schimpfen lieber über den US-Präsidenten Donald Trump, der aus dem ohnehin kraftlosen Pariser Klimaschutzabkommen ausgetreten ist. Die Wahrheit ist doch: Wir haben selber nichts gemacht. Gegen jedes neue Windrad wird geklagt, Elektroautos will kaum jemand kaufen. Weil die Technik nicht ausgereift ist? Ja, aber wie soll sie das sein, wenn man lieber in neue Dieselmotoren investiert? Elektromotoren gab es schon um das Jahr 1830.

Wir sind nicht bereit, ernsthaft gegen den Klimawandel anzukämpfen, unseren verschwenderischen Lebensstil aufzugeben. Wer verzichtet denn auf Fernreisen wenn er sie sich leisten kann? Eine Bekannte von mir fliegt nach Thailand, wie man früher an den Gardasee gefahren ist – zwei-, dreimal im Jahr. Und ich? Als mich Freunde gefragt haben, ob ich mit ihnen auf einen Surftrip auf die Malediven fliege, habe ich abgesagt. Tatsächlich auch wegen des CO2-Ausstoßes (und der Kosten). Ich bin dann drei Monate später nach Portugal geflogen für eine Woche zum Surfen. Ich verzichte ein bisschen, aber weit jenseits der Schmerzgrenze. Weit jenseits der nötigen 80 Prozent und mehr, die jeder Bundesbürger (und andere Bewohner einer Industrienationen) von seinem persönlichen CO2-Austoß einsparen müsste, um eine Erderwärmung um mehr als 2 Grad Celsius irgendwie noch zu vermeiden.

Es wäre, Stand heute, also möglich – nicht leicht, nicht bequem, aber möglich. Wie? Sofortiger Aussteig aus der Kohle, konsequenter Umstieg auf regenerative Energien, nachhaltig leben, nicht mehr verbrauchen als dieser Planet nachwachsen lassen kann, viel weniger Fleisch essen. Ein Mammut-Projekt, aber: es wäre machbar. Wir retten systemrelevante Banken, wir retten leider nicht systemrelevante Wälder und Eisberge.

Der nötige radikale Lebenswandel könnte Arbeitsplätze schaffen und sich auf lange Sicht wirtschaftlich lohnen. Wir müssten hunderte Milliarden investieren in umweltfreundliche Technologien, aber wir hätten vielleicht Billionen an Folgeschäden durch Sturm, Flut und Dürre verhindern können. Tja. Hätten, müssten, könnten. Aber vielleicht trösten unsere Kinder und noch ungeborenen Enkelkinder die schönen Selfies, die wir 2017 im Urlaub in Australien, Kalifornien oder Dubai machen?

Was werden sie von uns denken? Wie werden wir uns rechtfertigen? Waren wir zu feige für den großen Schnitt? Oder noch nicht geängstigt genug von den drohenden Katastrophen? So richtig unheimlich und existenzbedrohend sieht der prophezeite Klimawandel aus Deutschland betrachtet noch nicht aus. Schlimm für die Menschen in Bangladesh, die im Meer versinken sollen, bitter für die Sizilianer, wenn dort in 20 Jahren kein Obstanbau mehr möglich wäre, aber in Bayern? Würden wir dann zum Skifahren halt ein paar hundert Meter höher fahren müssen.

Viel mehr Panik scheint nicht vorhanden zu sein, angesichts der Gefahr, einen ganzen Planeten aus dem natürlichen Gleichgewicht zu bringen. Nicht mal Eltern finden, dass sie die Erde für die Kinder retten müssten. Sie fürchten handysüchtige Kinder, Impfungen oder Laktoseintoleranz. Das große, potentiell riesige, offensichtliche Problem wird ignoriert.

Vielleicht liegt es in der Natur des Menschen, dass er nicht weiter als fünf, zehn Jahre denken kann. Ich glaube, es war uns einfach – sagen wir es doch einfach mal in aller Härte – scheißegal. Auf den Instagram- und Facebook-Timelines meiner Freunde sehe exotische Strände, ihre Abendessen mit Garnelen, Burger und Tunfisch, ihre neuen Autos, die neuen Sommerkleider, die neuen Turnschuhe. Nie sehe ich Fotos von Demonstrationen, niemand postet Aufrufe oder Artikel zum Thema. Es gibt keinen Aufschrei, keine Appelle an die Politik oder die Wirtschaft, endlich umzudenken.

Immerhin: Unsere Tatenlosigkeit ist gut dokumentiert in Millionen von Selfies, die unseren Hedonismus, unseren verantwortungslosen Lebensstil der Verschwendung, feiern. Solltet ihr uns eines Tages vor Gericht anklagen wollen wegen Umweltzerstörung, werdet ihr mehr als genug Beweise haben. Ich plädiere hiermit schon mal auf völlige Schuldfähigkeit.


Anzeige
  • Abschiedskolumne

    Wie abgestumpft darf man auf Terror reagieren?

    Der Anschlag in Barcelona lässt unseren Autor seltsam kalt. Darf man sich an Terror gewöhnen? Oder sollte man sich bemühen, bei jedem neuen Angriff auf Unschuldige Trauer zu empfinden?

    Von Florian Zinnecker
  • Anzeige
    Abschiedskolumne

    Naschen gegen Nuklearwaffen

    Atomkrieg? Klingt so nach 80er Jahre. Aber jetzt werden plötzlich wieder die Reichweiten von Interkontinentalraketen ausgerechnet. Früher halfen Omas Bonbons gegen die Angst - und heute?

    Von Max Fellmann
  • Abschiedskolumne

    Das Ende der Straße

    Die Dieselaffäre bedroht auch das Roadmovie. Ein Abschied von der Poesie des Verbrennungsmotors, der Weite des Asphalts und der Freiheit, die im Kino begann und dort enden wird.

    Von Lorenz Horn