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aus Heft 32/2017 Die Gewissensfrage

Bitte trauern Sie jetzt!

Von Dr. Dr. Rainer Erlinger  Illustration: Serge Bloch

Ein Orchestermusiker ist verunglückt. Vor dem nächsten Konzert bitten die Kollegen das Publikum um eine Schweigeminute. Ist das in Ordnung? Die Gewissensfrage.


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»Bei einem Konzertbesuch verkündete vor Beginn eine Mitarbeiterin, dass das Orchester unter Schock stehe. Vor wenigen Tagen sei ein langjähriges Mitglied bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Dann bat sie das Publikum, sich gemeinsam mit dem Orchester für eine Trauerminute zu erheben. Hat ein Orchester das Recht, das Publikum in seine Trauer einzubeziehen?« Paul C., Bochum


Rein pragmatisch ließe sich argumentieren, den Musikern ist es offenbar wichtig und für die Zuhörer nur eine Minute - also warum nicht? Allerdings kann man auch die Position vertreten, dass die Auseinandersetzung mit dem Unfalltod eines Menschen belastend ist und man damit nicht überfallen werden will. Noch dazu unmittelbar vor Beginn eines Konzerts, dessen Genuss nicht nur für übertrieben empfindliche Menschen davon beeinträchtigt werden könnte. Zumal es ja der Sinn der Trauerminute ist, die Zuhörer nicht nur zu informieren, sondern einzubeziehen in die Trauer über jemanden, den die meisten Zuhörer nicht persönlich kannten.

Auf der anderen Seite sind Musiker keine Abspielautomaten, sondern Menschen, und der plötzliche Tod eines Mitglieds ist nicht nur für die einzelnen Kollegen, sondern auch für ein Orchester als Gemeinschaft erschütternd. Deshalb ist es verständlich, wenn diese Gemeinschaft in der ihr charakteristischen Form reagieren will, und das ist der Rahmen des Konzerts. Zudem ist ein Musiker über seine Arbeit auch eine öffentliche Person, und es scheint angebracht, seiner in der Art seines öffentlichen Wirkens auch entsprechend zu gedenken.

Ich habe diesen Fall mit professionellen Musikern besprochen. Dabei hörte ich einerseits die Meinung, Musiker seien Profis und sollten ihr Publikum damit nicht behelligen und auch dem Werk den Vortritt vor dem eigenen Befinden lassen, andererseits aber auch das mich überzeugende Argument, es sei ja gerade der Sinn eines Konzerts, das, was es vom Anhören der möglichst perfekten Studioaufnahme unterscheide, ein Gemeinschaftserlebnis von Musikern und Zuhörern herzustellen, das Entstehen, die Musiker und Interpreten nahbar zu machen. Dazu gehört dann auch die Anteilnahme an einem so einschneidenden Ereignis.

Hinweise:

Das Verhältnis von Musik, Musiker und Zuhörer war schon mehrfach Gegenstand der Gewissensfrage.

Zur Frage, inwieweit man bedenkenlos Musik von einem Musiker hören kann, der des Kindesmissbrauchs beschuldigt wird

Zur Frage, ob man den Badenweiler Marsch, ursprünglich die Melodie des Königlich Bayerischen Infanterie-Leibregiments, noch unbeschwert spielen und hören kann, nachdem ihn sich Adolf Hitler per Polizeiverordnung exklusiv für seine Auftritte reserviert hatte

Zur Frage, inwieweit das für die harmlose Paulchen Panther-Melodie gilt, nachdem sie die Terrorzelle NSU für ihr Bekennervideo benutzt hat

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Dr. Dr. Rainer Erlinger

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