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aus Heft 33/2017 Die Gewissensfrage

So fällt Ihnen ein Stein vom Herzen

Von Dr. Dr. Rainer Erlinger  Illustration: Serge Bloch

Oft sagen Menschen im Überschwang Dinge so dahin: Was aber, wenn man einer anderen Person dabei ein Geschenk in Aussicht stellt? Muss man es dann auch genau so schenken?


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»Im Urlaub auf einer ostfriesischen Insel, wo man ab und zu Bernstein am Strand findet, haben wir an einem Morgen meinen Opa angerufen und ihm zum Geburtstag gratuliert. Meine Mutter versprach spontan, ihm den ersten Bernstein, den sie heute finden würde, zu schenken. Das war ein Prachtexemplar. Müssen wir den schenken, oder darf es ein anderer, kleinerer sein?«
Sara V., Berlin

In etlichen Märchen, Sagen und Ortsmythen kennt man das sogenannte Brückenopfer. Es erweist sich in diesen Überlieferungen als schwierig, eine Brücke zu bauen, und der Teufel bietet sich an zu helfen, wenn er dafür das erste Lebewesen bekommt, das über die Brücke geht. Der Baumeister oder der Rat der Stadt gehen darauf ein, und die Brücke wird dank der übernatürlichen Kräfte rasch fertig. Um aber dem Teufel, der sich eine arme Seele erhofft hatte, diese nicht geben zu müssen, jagt man, zur Verärgerung des Teufels, als Erstes ein Tier – Geißbock, Maus, Katze, Hund, Esel oder Hahn – über die Brücke.

Das trifft nun in mehrfacher Hinsicht nicht auf Ihren Fall zu, insbesondere hoffentlich die Parallele zwischen Ihrem Großvater und dem Leibhaftigen. Aber die weiteren Unterschiede weisen den Weg zur Lösung. Liefe alles bei Ihnen entsprechend, müssten Sie, wenn Sie den Prachtbernstein erspäht haben, an ihm vorbeilaufen, als hätten Sie ihn nicht gesehen, und erst zu dieser Stelle zurückkehren, wenn Sie vorher woanders laut jubelnd ein kleineres Exemplar ausgemacht und aufgesammelt haben. Was soll nun dieser Vergleich zeigen? Meiner Ansicht nach, dass, anders als eben beim Pakt mit dem Teufel, das Versprechen Ihrer Mutter keine unumstößliche Bindung hervorrufen sollte, aus der man nur mithilfe mehr oder weniger fragwürdiger Tricks wieder herauskommt, sondern von seinem sozialen Sinngehalt her eher etwas ausdrücken sollte wie: Wir schätzen dich, wir denken den Tag über an dich, und als Zeichen dafür wollen wir dir etwas Schönes von diesem Tag zuwenden. Deshalb können Sie Ihrem Großvater auch einen anderen, kleineren Bernstein schenken. Noch schöner wäre allerdings, wenn Sie sich für Ihren Opa freuen und darüber, dass Sie ihm ein ganz besonderes Stück überreichen können.

Literatur:

Norbert Anwander, Versprechen und Verpflichten, mentis Verlag, Paderborn 2008

T. Gloyna, Versprechen, in: Joachim Ritter, Karlfried Gründer und Gottfried Gabriel (Hrsg.), Historisches Wörterbuch der Philosophie, Band 11, Verlag Schwabe, Basel, 2001, Spalte 904-910.

Habib, Allen, "Promises", The Stanford Encyclopedia of Philosophy (Fall 2017 Edition), Edward N. Zalta (ed.)

Hans-Jörg Uther, Deutscher Märchenkatalog. Ein Typenverzeichnis, Waxmann Verlag, Münster 2015, 1191 Brückenopfer, S. 299f.

Ein bekanntes Beispiel für ein Brückenopfer ist der sogenannten Brickegickel auf der Alten Brücke in Frankfurt am Main

Eine Geschichte findet sich auch in der Sammlung Deutscher Sagen der Gebrüder Grimm
Die Sachsenhäuser Brücke zu Frankfurt, in: Jakob und Wilhelm Grimm (Brüder Grimm), Deutsche Sagen, Band 1, S. 267 – 268, Nicolai Verlag, Berlin, 1816



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