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Wild Wild West: Amerikakolumne 21. August 2017

The greatest Sonnenfinsternis ever

Von Michaela Haas  Foto: dpa

Sonderbriefmarken, Mottoshirts, die Jagd nach den letzten Spezialbrillen: Auch im Hype um die bevorstehende Sonnenfinsternis sind die Amerikaner extremer als andere Nationen.

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Sie können sich gar nicht vorstellen, was hier in Amerika los ist! Diesen Montag beginnt bekanntermaßen die Sonnenfinsternis, die alle Rekorde bricht: die mit den meisten Zuschauern, die meistfotografierte, meistgefilmte und nicht zu vergessen - die lukrativste! 12 Millionen Amerikaner leben in der »Zone«, in der sie die totale Finsternis beobachten können. Alle anderen 321 Millionen, so scheint es, haben sich ebenfalls als Touristen der Finsternis auf den Weg in den Totalitäts-Streifen gemacht. Denn wer mitten im Zentrum der Zone steht, sieht die schwarze Sonne am längsten und klarsten.

Wer nicht, wie die echten Sofi-Chaser, seine Unterkunft im Gürtel der Finsternis zwei Jahre im Voraus gebucht hat, kriegt nun auf AirBnB höchstens noch eine eilig aufgeblasene Luftmatratze im Vorgarten ohne Duschgelegenheit für 530 Dollar die Nacht. Dutzende von Festivals wie das Oregon Eclipse Festival locken Massen an, um die zweieinhalb Minuten dauernde Eclipse Mania gemeinsam zu zelebrieren. Alle Flüge sind ausgebucht, ein kleiner Opel-Corsa-Mietwagen in Oregon kostet inzwischen 600 Dollar pro Tag, und ob all die Millionen Menschen, die sich auf den Weg in die Finsternis gemacht haben, da auch ankommen, steht in den, nun ja, Sternen: »Wir erwarten massive Staus«, sagt ein Polizeichef in Colorado. »Stellen Sie sich vor, sechs Endfinal-Spiele fänden am gleichen Tag statt.« Mit anderen Worten: Eclipsemageddon.

Wer klug ist, nimmt das Boot, am besten die Oasis, die gerade im Auftrag der Royal Caribbean International in der Karibik schippert. An Bord ist nämlich die britische Rockerin Bonnie Tyler, die die Sonnenfinsternis mit ihrem Mega-Hit beheulen wird: Total Eclipse of the Heart.
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Der Kernschatten des Mondes wird eine 70 Meilen breite Schneise der Dunkelheit von Oregon bis South Carolina schlagen. Dieses Spiel treiben die Sonne und der Mond etwa alle 18 Monate miteinander, aber oft über unbewohntem Gebiet und eben nicht über Amerika. Das ist dann gerade nicht »The GREAT American Eclipse of 2017«, die quer durch den Kontinent von Küste zu Küste rast, sondern nur eine ordinäre, gewöhnliche, nicht-amerikanische Eklipse. Hier ist sogar die Dunkelheit großartiger! Soweit ich weiß, brennen Distillerien nur in Amerika extra Sofi-Wodka und nur die US-Post druckt Sofi-Briefmarken, also Marken mit wärmeemfindlicher Sondertinte: Wer den Daumen lang genug drauf presst, bringt durch die Erwärmung den Vollmond zum Leuchten.

Sehen kann ich das Himmelsspektakel - zumindest teilweise - fast überall in Amerika, auch in Los Angeles. Deshalb trage ich mein Sofi-T-Shirt mit der »Total Totality!« Aufschrift, beteilige mich an dem Wettrennen, wer die letzten Spezialbrillen kriegt, bevor sie ausverkauft sind, (und hoffe, es ist kein billiges Plagiat, das mir die Netzhaut für immer ruiniert) und habe den Blackout-Kuchen nach dem Rezept aus der New York Times mit drei Tassen extra dunkler Schokolade gebacken. Also bitte, ich nehme jede Entschuldigung, Schokolade bis zum Blackout zu essen, dankbar mit.

Das Spektakel ist aber nicht für jeden eine Party: In alten Hinduschriften steht, bei einer Sonnenfinsternis werden die Sonne von einem wütenden Geist geschluckt, weshalb Hindus angewiesen werden, ihre Kleidung unmittelbar danach gründlich zu waschen. Das mache ich vorsichtshalber auch.

Am besten gefällt mir die Mutter aus Oregon, die sich darüber beschwert, dass die Sonnenfinsternis an einem Montag um 10 Uhr 15 Ortszeit beginnt. Ihr (berechtigter) Einwand. »Da sind doch viele Kinder in der Schule, die das auch gerne sehen wollen. Warum macht man das nicht an einem Sonntag?« Mir persönlich wäre es auch sehr recht, die Sonne könnte sich wenigstens hin und wieder nach mir und meinen Bedürfnissen richten.

Die größte Frage aber ist, warum sich die Sonne diesmal nur und ausgerechnet in Amerika verfinstert. Ist das ein schlechtes Omen für die Trump-Präsidentschaft? Ein Zeichen von ganz oben, dass sich in Amerika die Lage verdüstert? Dass es kaum noch dunkler werden kann als unter dem Fürsten der Finsternis? So kann man das sehen: »Gott, wenn du willst, dass wir Trump seines Amts entheben, schick uns ein Zeichen!« postete ein Witzbold auf Facebook. »Du könntest zum Beispiel diese Woche die Sonne verfinstern, nur mal so als Vorschlag!«
Michaela Haas

deutsche Journalistin und Autorin in der Nähe von Los Angeles, wird ständig gefragt: »Was ist denn bloß in Amerika los?« Seit ein politisch völlig unerfahrener Egomane mit wilden Sprüchen in das höchste Amt der Welt aufgestiegen ist, wundern sich viele Deutsche über die Weltmacht. Deshalb schreibt Michaela Haas in der Kolumne »Wild Wild West« über die Macken und Tücken, die Amerika einzigartig machen. Zum selben Thema ist gerade ihr Buch »Crazy America: Eine Liebeserklärung an ein durchgeknalltes Land« (Goldmann Verlag) erschienen.

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