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Natur 24. August 2017

»Ich erfühle die Urkraft des kolossalen Stammes«

Fotos: Privat

Wir hatten die Leserinnen und Leser des SZ-Magazins nach ihren Lieblingsbäumen gefragt. Viele schöne Geschichten haben uns erreicht – von majestätischen Naturdenkmälern, berührenden Kindheitserlebnissen und dem Kampf gegen Bagger und Motorsägen


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Conrad Amber, Dornbirn

Im Mellental in Westösterreich erheben sich sieben uralte Bergahorne an einem sonnigen Kraftplatz in den Himmel. Hier oben auf der Waldalpe, in über 1100 Meter, leben diese Baumgreise seit 400 Jahren miteinander, festigen den Berghang, beschützen das Vieh und strahlen in ihrer atemberaubenden Form und Kraft seit vielen Menschengenerationen. Der stärkste dieser Baumbrüder hat einen Stammumfang von fast sechs Metern. Schon viele Male war ich hier oben bei den Baumriesen und jedes Mal verschlägt es mir erneut den Atem, macht mich bewundernd und demütig, bringt mich zur Ruhe und in Begeisterung. Dieses uralte lebende Wesen, das mir zeigt, wie klein und unscheinbar und vergänglich ich bin und mich trotzdem mit seiner stolzen Sanftheit gefangen nimmt und mich nicht mehr los lässt. Ich ertaste die schuppige Rinde, streiche über die moosbedeckten Flächen, erfühle die Urkraft des kolossalen Stammes und schlafe an seinem Fuß. Ich atme die Bergluft im Schatten der weit auskragenden Krone, geniesse den Ausblick auf Berg und Tal und verstehe, warum es diesen Bäumen hier oben so gut geht. Schon beim Abschied nehmen weiß ich, dass ich wiederkommen werde. Hier lernt man zu begreifen, warum die Menschen Bäume verehren, anbeten und sie achten. Gebt den Bäumen ihre Würde zurück!
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Gabi Ruß, München

Meine Eltern und Großeltern hatten einen Kleingarten in der Anlage NW12. Am südlichen Eingangstor zur Gartenanlage neben dem Gut Nederling steht seit einigen Jahrhunderten die Röthlinde, ein Naturdenkmal und einer der ältesten Bäume Münchens. Als Kind war ich dort oft mit dem Fahrrad unterwegs, habe mein Rad an die Linde gelehnt, bin auf den Sattel gestiegen, habe mich an der Linde ein paar Meter hinaufgezogen und mich dann oben hingesetzt und geschaut und geträumt. Vor etwa 60 Jahren wurde die Linde bei einem großen Unwetter vom Blitz getroffen; dabei verlor sie einen riesigen Ast, der die Straße blockierte und von der Feuerwehr beseitigt werden musste. Das Unglück der Linde hat den Kleingartlern damals sehr weh getan. Aber dieser Schaden hat sich wieder ausgewachsen. Ich freue mich immer wieder, wenn ich an der Linde vorbeikomme. Wenn ich mit dem Rad unterwegs bin, halte ich natürlich an, streichle ihre Rinde und rede mit ihr. Sie ist ja so geduldig und hört zu.
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Volker Rein, Olching

Es gibt sicher mehrere Bäume, die mir etwas bedeuten, aber an einem bin ich immer wieder vorbeigekommen im Laufe meines Lebens. Der steht in der Nähe der Autobahnausfahrt Wolfratshausen auf einem Hügel, und jeder der auf der A 95 Richtung Süden fährt, sieht ihn. Man hat ihn auch gesehen, als es die Autobahn noch gar nicht gab, von der B2 aus. Ich fahre vorbei und denke: Dort würde ich jetzt gerne stehn. Im Frühjahr, Anfang Mai, steht der Baum in einer grossen Löwenzahnwiese, zwei Wochen später dann die Pusteblumen ringsum. Im Winter ist das ein Rodelberg und alle starten die Tour von meinem Baum aus. Einmal habe ich es geschafft, ihn zu besuchen. Ein wunderschöner Ort, trotz der Autobahn!
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Ingrid Riedmeier
Mein Lieblingsbaum ist die Eberesche, der Vogelbeerbaum. Ich bin in Böhmen geboren, im höchstgelegenen Ort, früher Gottesgab, jetzt Bozi Dar. Von dort geht eine Straße nach Oberwiesenthal in Sachsen. An dieser Straße standen und stehen alte und neue, sturmgebeugte, verkrüppelte Vogelbeerbäume. Sie halten auf tausend Metern Höhe allen Widrigkeiten stand. Wenn sie blühen, dann ist auch im Erzgebirge endlich der Winter vorbei. Und wenn im ganzen Erzgebirge die Vogelbeeren rot werden, dann leuchtet das Land. Ich wohne schon lange nicht mehr dort. Aber wenn ich einem Vogelbeerbaum begegne, dann summe ich das Lied meines Großvaters. Er war ein Volkssänger, der seine Texte selbst schrieb, sie vertonte und Zeichnungen dazu anfertigte. Die druckte er auf Postkarten und vertrieb sie anfangs selbst. Ich schreibe das Lied so auf, wie er es geschrieben hat, ich denke, es braucht keine Übersetzung: »Wenn de Vugelbeer blüht / freit sich Herz on Gemüt / 's is e somme on klinge / loßt ons wannern on singe / Wenn de Vugelbeer blüht!«
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Christian Schneider, Heidelberg
Mein Baum war ein wunderschöner Blutahorn im Garten meiner Eltern. Der Garten war ein bisschen zu verwildert für die Nachbarn, aber mein Vater war sehr stolz darauf, dass die Vögel in unseren Sträuchern Unterschlupf fanden. Der Ahorn war die Krönung, der höchste Punkt, mein Kletterbaum und mein Liebling, besonders wenn die Blätter ganz dunkelrot waren. Der Ahorn steht nicht mehr da, nur noch der untere Stamm. Lange Zeit, nachdem ich ausgezogen war, hatten sich Nachbarn über den Schatten der Krone beschwert. Mein Vater hat lange gehadert, aber schließlich um des Friedens willen nachgegeben und die Krone abgesägt. Bis heute hat er deswegen ein  schlechtes Gewissen – vor allem mir gegenüber. Er nennt es einen großen Fehler und entschuldigt sich immer mal wieder bei mir. Eigentlich entschuldigt er sich bei meinem achtjährigen Ich, für den der Ahorn so wichtig war. Für mich heutzutage ist das keine so große Sache mehr. Aber als neue Sprösslinge aus dem alten Stamm kamen, habe ich mich mit ihm gefreut. Und der Achtjährige in mir hat sich ausgemalt, wie die Blätter wohl aussehen werden.
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Alicia Schultze

Mein Lieblingsbaum ist noch gar nicht so alt, dieses Jahr wird er vier Jahre alt. Es ist ein Kastanienbaum, entstanden aus einer Kastanie, die ich vor fünf Jahren vergraben habe. Die Kastanie ist mein Lieblingsbaum, ohne mich gäbe es sie nicht, zumindest nicht an dieser Stelle. Für diese Kastanie fühle ich mich verantwortlich, ich besuche sie oft, ich vermesse sie und schaue aus dem Fenster nach draußen zu ihr. Gießen muss ich sie schon lange nicht mehr, ihre Wurzeln reichen bestimmt schon metertief in den Boden, in den Himmel ragt sie schon knapp zwei Meter. Als ich sie gepflanzt habe war ich 14 Jahre alt, man könnte jetzt meinen, ein richtiger Lieblingsbaum muss einen über Jahrzehnte begleiten, um diesen Titel verdient zu haben. Aber das ist nicht so, dieser Baum hat meinen Schulabschluss erlebt, meine Ausbildung und nun meine erste richtige Stelle in einem Zeitungsverlag. Also richtig viel in einem 19-jährigen Leben. Außerdem verbindet uns ein gemeinsamer Kampf. Ein richtiger Kampf um Leben und Tod. Wir kämpfen gegen meine Eltern, die Besitzer des Gartens. Diese sehen in einem Garten aus Rasen, Buchsbäumchen und Hainbuchenhecken nicht unbedingt den idealen Ort für eine Kastanie. Doch wir werden weiter kämpfen, damit mich diese Kastanie mein ganzes Leben begleiten kann.
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Renate Steinhorst, Bamberg

Es war im Jahr 1951. Die Familie traf sich in dem kleinen Garten hinter dem Siedlungshaus, in das wir kurz zuvor eingezogen waren. Vater verkündete, dass jeder seine Wünsche äußern dürfe. Mutter bestand auf ausreichend Platz für Karotten, Bohnen, Tomaten und Kräuter. Die große Schwester wollte unbedingt Erdbeeren und Platz zum Federballspielen. Ich plädierte für ein Blumenbeet. Die beiden Kleinen riefen wie aus einem Mund »Schaukel und Sandkasten«. Vaters Stirn legte sich in Sorgenfalten: »Und wo soll da noch Platz sein für meinen Apfelbaum?« Schließlich verzichtete Mutter auf die Gemüsebeete, Federball konnte man auf der Straße vor dem Haus spielen, und Vater pflanzte seinen Apfelbaum mitten in mein Blumenbeet. Als im nächsten Mai vier Blüten an den Zweigen auftauchten, kannte Vaters Begeisterung keine Grenzen. Eifrig kontrollierte er, ob sich auch wirklich Fruchtstände bildeten. »Boskop ist eine gute Sorte, die man lange lagern kann«, erklärte er uns. Wir vier Kinder machten uns Hoffnungen auf eines der köstlichen Exemplare, als die vier Äpfel feierlich gepflückt und gebührend bewundert wurden. »Sie müssen noch nachreifen«, ließ uns Vater wissen. In der Kinderkonferenz mutmaßten wir, dass es die Äpfel zu Weihnachten geben würde. Doch als dann das Weihnachtspäckchen für Oma gepackt wurde, ging Vater in den Keller und holte die kostbaren Früchte. Feierlich wurden sie in Seidenpapier gewickelt und obenauf ins Paket gelegt. Unsere Enttäuschung war grenzenlos, doch Vater tröstete uns: Nächstes Jahr werd es mehr Äpfel geben. Anscheinend hatte er vergessen, wie lang ein Jahr für Kinder sein kann.
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Regina Dericks
Als wir vor 25 Jahren unser Haus gebaut haben, fanden wir ein Grundstück, das wir seit unserer Kindheit kannten. Wir, das sind meine Schwester mit Partner und zwei Töchtern und mein Mann und ich, ebenfalls mit zwei Töchtern. Als die Bagger anrückten, um das Grundstück vorzubereiten, konnten wir sie nach langem Hin und Her dazu bringen, den alten Birnbaum stehen zu lassen. »Der sei eh schon nichts mehr wert und würde wohl sowieso nicht überleben«, war die Diagnose. Als das Haus stand, musste das Gartengrundstück mit viel Erde angehoben werden. Um den Baum zu retten, wurde um den Stamm eine Schlauchdrainage gelegt. Jedes Frühjahr konnten wir eine wunderbare Blüte erleben, aber Früchte trug der Baum kaum. Er war vom Birnengitterrost befallen. Aber der wunderbare, alte Gefährte ist immer noch stark genug, zwei Hängematten mit Schwestern zu tragen. Und so genießen wir seit Jahren unsere Siesta im Schatten unter seinem Blätterdach. Unsere Gesellschaft scheint ihm zu gefallen. Seit 2 Jahren ist er wieder gesund und belohnt uns mit köstlichen Früchten.
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Renate Seitz, München
In unserem Garten steht ein Zwetschgenbaum, den mein Schwiegervater im Jahre 1934 in seinem noch leeren Garten hinter seinem nagelneuen Haus pflanzte. Als ich im Jahre 1967 hierher zog, stand er in vollster Pracht, trug in manchem Jahr fast einen Zentner Früchte. Zehn Jahre später traf ihn ein Blitz, der seinen Stamm von oben bis unten aufriss und ihn damit nach Meinung aller erfahrenen Gärtner zum Tode verurteilt hatte. Aber ich liebte diesen Baum! Unsere Kinder hatten darin ein Baumhaus gebaut, zahllose Vögel nisteten darin, im Frühling war er eine einzige weiße Pracht. Mein Mann entfernte das morsche Holz, kleidete ihn mit Beton aus und er wuchs im Laufe der nächsten fünf Jahre wieder vollkommen zu. Es war ein Wunder! Mittlerweile können nur noch die Eichhörnchen seine wenigen Früchte ernten, ab und zu fallen einmal ein paar herunter, vorzüglich schmeckend, wie eh und je. Er ist ein 84-jähriger alter Recke. Unser Gärtner und die längst erwachsenen Kinder sind besorgt, er könne umfallen und Schaden anrichten. Ich aber weiß, dass er das nicht tun wird, zwei ordentliche Stürme, während derer in der Nachbarschaft mehrere,  wesentlich jüngere Bäume entwurzelt wurden, hat er schadlos überstanden. Sein Stammumfang beträgt mittlerweile 210 cm, und zuweilen rede ich mit ihm. Er ist für mich ein Symbol der Standhaftigkeit, ein alter, knorriger Kerl. Solange ich lebe, bleibt er stehen, und das weiß er auch.
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Bernd Otto
In den Jahren von 1945 bis 1956 habe ich in einer Siedlung in Freital-Hainsberg am westlichen Rand meiner Geburtsstadt Dresden gewohnt. Auf die Weinbergsiedlung, so ihr offizieller Name, führten zwei Straßen. Am Ende der einen Straße stand eine große Eiche. Diese mächtige Eiche am Ende des Opitzer Weges beeindruckte mich schon als Kind. Heute steht sie unter Naturschutz. Jedes Mal wenn ich meiner Heimat einen Besuch abstatte, ist es für mich ein Muss, an diesem Baum vorbeizuschauen. Mich überwältigen dann die Erinnerungen an meine Kindheit, die einerseits von Hunger und kalten Zimmern geprägt war, aber auch voller spannender Tage mit Klettern auf Bäumen, Buden bauen und Fußballspielen war.
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Laura Fischer

Das ist der Baum an dem meine Omama nun ruht. So wie sie es mochte: Mit anderen zusammen in der unberührten Natur nahe der See. Omama, wenn ich hier an deinem Baum bin, weiß ich, dass auch du da bist. Du berührst mich, wenn der Wind erst durch die Baumkrone und mir dann durch die Haare streicht. Du kitzelst mich, indem Sträucher meine Beine zwicken. Du weinst mit mir, wenn der Regen von den Ästen auf meine Schulter tropft. Wenn ich den Stamm deines Baumes umarme und merke, welche Neuigkeiten, Freuden und Ängste ich gern mit dir teilen würde, sehe ich wie eine kleine Schnecke den Baum hochkriecht. Da kommt mir überraschend dein völlig vergessener Kosename für mich in den Sinn: Schneckemaus. Ich muss lachen, weil mir das Wort mit einem mal so absurd vorkommt und zugleich so vertraut ist und mich an deine Herzlichkeit und meine Kindheit erinnern. Dir war egal, wie lächerlich das für andere klingen mag – Schneckemaus. Auch wenn ich schon fast 30 war. Und gerade deshalb bleibst du für mich das größte Vorbild. Ich bin traurig, dich an den Krebs verloren zu haben. Für dich setze ich mich daher im Kampf gegen Blutkrebs ein – egal wie lächerlich das für andere klingen mag.
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Helga Asenbaum, München
Zuerst war es wahrscheinlich nur ich, die sie geliebt hat, jetzt sind es die Bewohnerinnen und Bewohner der Türkenstrasse, der Maxvorstadt, und nicht zuletzt auch viele andere Münchnerinnen und Münchner, die weiterhin mit ihrer Kastanie in der Türkenstrasse leben und sie lieben. Denn sie sollte vor fast 20 Jahren abgehackt werden – angeblich, weil sie ein Gefahrenbaum ist. Aber jetzt steht sie noch immer und wird bewundert. Fast jeder, der an ihr vorbeigeht, wirft einen Blick auf sie, wenn sie sich zu allen Jahreszeiten in ihrer vollen Pracht präsentiert. Sie kann es sich leisten, sie ist fast 130 Jahre alt.
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Ursel Bräuning, München
Tatort Liepnitzsee im Norden von Berlin, Nähe Bernau und Wandlitz. An diesem See haben ich und meine Freundin Carola (Jahrgang 1926 und 1928) weite Teile unserer Kindheit verbracht – Opa war im Angelverein, wir hatten dort auch einen Kahnstand. Viele Jahre später, im April 1977 wagten mein Mann und ich eine Reise in die DDR und wollten an den Ort unserer Kindheit zurück. Zusammen mit Carola und ihrem Mann liefen wir am See entlang, als mir plötzlich einfiel, dass wir zwei Mädchen uns damals heimlich mit einem kleinen Messer in einer Buche verewigt hatten – mit unseren Initialen UW und CK, für Ursel Weiher und Carola Kaiser. Ich sagte zu meinem Mann, er solle doch mal schauen, hier irgendwo müsse ja der Baum mit unserer Inschrift stehen. Und siehe da - er fand ihn, und wir zwei Frauen tanzten laut um diesen Baum herum, hatten aber vergessen, dass auf der gegenüberliegenden Seite des Sees Walter Ubricht seinen Sitz hatte und wir die Wachmannschaften auf den Plan gerufen hatten. Wir machten, dass wir wegkamen!! Mein Mann und ich hatten unsere zweieinhalb und drei Jahre in staatlichem Gewahrsam noch in genauer Erinnerung.
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Andreas Kalckhoff, Stuttgart
Mein Lieblingsbaum steht – hoffentlich noch – in der Lobau. Ich habe mich in ihn verliebt, als ich dreizehn war. Damals schickten mich meine Eltern in den Sommerferien zu Wiener Bekannten, die dort ein Ferienhäuschen besaßen. Die beiden, selbst kinderlos, waren reizend zu mir und verwöhnten mich wie Großeltern. Es gab dort auf der Wiese einen jungen Aprikosenbaum, der wenige, aber riesige Früchte trug, die ich pflücken durfte. Sie waren so saftig, dass mir ihr süßer Nektar übers Kinn lief. Nie habe ich bessere Aprikosen gegessen. Doch diesen Baum meine ich nicht. Neben dem Holzhaus ragte nämlich noch ein riesiger schattenspendender Walnussbaum auf. Ich wollte unbedingt auf diesen Baum klettern. Das ging aber nicht so ohne weiteres, weil die Äste viel zu hoch ansetzten. Doch ich wusste einen Trick: ein Seil am Hosenbund befestigen, das andere Ende über den Ast werfen und sich daran hochziehen. Das geht nie im Leben, rief mein Gastgeber, das wäre ja wie Münchhausen, der sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf zieht! Ging aber doch. Dieser Triumph ist es wohl vor allem, der mich heute noch an diesen wahrhaft majestätischen Baum denken lässt. Doch natürlich vergesse ich auch das Aprikosenbäumchen nicht. Beide habe ich nie wiedergesehen. Aber in meine Erinnerung sind sie fest eingeschweißt, seit sechzig Jahren.
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Ute Fischer, Unna

Mein Baum ist eine Birke auf dem Friedhof nebenan. Immer schon haben Bäume mich begleitet, hier nun habe ich scheinbar einen Baum für's Leben gefunden, kurioser Weise an einem Ort der Toten. Auf dem Weg zu meinem Baum liegt seit Neustem das Grab meiner Mutter. Wie das Leben so spielt... Meine Birke ist wunderschön, sie teilt sich auf Brusthöhe in drei starke Äste, die sich leicht und doch so kräftig in den Himmel recken. Ich mag an ihr die Verlässlichkeit: immer steht sie da. Wenn ich Rat suche, lehne ich mich reihum an jeden der drei Äste und bespreche dort einen speziellen Aspekt des Schlamassels. Ich streiche mit meinem Händen über die Rinde. Die Äste und die Astgabel sind von Moos bewachsen. An feuchten Tagen sehen mein Mann und meine Kinder immer schon an den Moosresten an meiner Jacke, ob ich beim Baum war. Wenn ich traurig bin, finde ich bei ihr Trost und komme zur Ruhe. Ich finde Halt in aufgewühlter Stimmung, und Zuversicht, wenn sie mir selbst abhanden gekommen ist.
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Heinz Gollhardt, Nümbrecht-Hömel

Als ich zwölf Jahre alt war, kam meine Familie in die Göhrde in der Nähe von Lüneburg. Das ist ein großes, noch urtümliches Waldstück mit einem kleinen Jagdschlösschen, in dem wir nach dem Krieg notdürftig untergebracht waren. Dieser Wald hat aus mir einen Liebhaber von Waldeinsamkeit gemacht. Viele Jahre später habe ich diesen Wald wieder besucht und ihn durchwandert. Unter einer uralten Eiche mit einem Stamm von zwei Metern Durchmesser habe ich, es war Herbst, ein paar Eicheln aufgelesen und mit nach Hause genommen. Irgendein guter Waldgeist muss mich dazu gebracht haben, diese Eicheln in einen Blumentopf zu pflanzen und den auf eine sonnige Fensterbank zu stellen. Dort kamen bald vier kleine Triebe aus der Erde, die ich, als ich auf einen ehemaligen Bauernhof zog, in meinen Garten setzte. Drei der Pflänzchen sind beim Rasenmähen leider abgemäht worden. Aber eins hat es überstanden und wurde von mir 1972 an der schönsten Ecke meines Obsthofes mit Blick ins weite Land eingepflanzt. Inzwischen ist daraus eine Eiche mit einem Stammumfang von 1,25 Metern geworden, unter die ich eine Bank gesetzt habe, auf der ich an warmen Sommerabenden gern einen Rotwein trinke. Und wenn es eine ganz warme Nacht gibt, schlafe ich auch unter diesem Baum.
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Wulf Lothar Köppe, Edlingen
Fast 20 Jahre begleitete uns dieser Baum, eine Blutbuche mit gewaltiger Krone. Vor über 200 Jahren gepflanzt zwischen Pfarrhaus und spätgotischer Landkirche, auf einem längst vergessenen Friedhof der Kirchengemeinde. Wir feierten viele Feste unter ihrem sommerlichen Blätterdach Wir bewunderten die knorrige Gestalt in den Tagen des Winters, freuten uns, wenn die ersten Blätter begannen, die schützende Krone zu bauen. Mir schenkte der Baum Schutz, wies mich auf meine Wurzeln und schenkte mir manchen guten Predigtgedanken. Irgendwann behauptete jemand, der Baum sein krank. Kräftige Männer mit Sägen und Traktoren rückten an. In wenigen Stunden lag die alte Blutbuche zerstört am Boden, die Männer rückten ab und zurück blieb eine große Traurigkeit bei vielen Menschen, die mit dieser Blutbuche am Ort aufgewachsen waren. Das Wahr- und Erkennungzeichen unserer Kirchengemeinde Eldingen war vernichtet. Ich war längst pensioniert. Den Baum konnte ich nicht vergessen, malte ihn eines Tages, hielt ihn auf diese Weise fest für mich und meine Familie.
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Titus Grall
Der Baum meines Lebens ist ein Baumgruppe die zwischen Berlin und Hamburg in der Prignitz beheimatet ist: Ich spreche mit ihnen und sie sprechen mit mir. Wir kennen uns. »ich sehe was ich sehe / höre was ich höre / das was ich sehen und hören kann / sehe und höre ich gleichermaßen / sowohl als auch / ich sehe«
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Natascha Killer, Gauting
Ich habe meine Ferien in der Kindheit immer bei meiner Oma auf der Insel verbracht. Vor 38 Jahren hat die Oma (»Baka« genannt) einen kleinen, selbst gezogenen, Feigensetzling eingepflanzt, genau vor der Terrasse des Hauses. Wir Kinder (meine Cousine Vlatka, mein Cousin Stjepko und natürlich ich) mussten den Baum jeden Tag gießen. Was erschwert war dadurch, dass wir hier nur Regenwasser sammeln und dass Wasser ein kostbares Gut war und ist. Die Oma ist schon vor Jahren verstorben. Aber wir treffen uns weiter jedes Jahr in verschiedenen Konstellationen im Haus, das mittlerweile für die nächsten Generationen zu klein ist. Durch den Baum ist die Oma immer bei uns, und es vergeht kein Aufenthalt, ohne dass wir an die Zeiten damals denken, als wir den kleinen Baum hegen und pflegen mussten. Jede Feige die wir hier pflücken, und der Baum hat Unmengen, erinnert uns immer wieder an unsere geliebte Oma. Unsere Kinder kennen diese Geschichten auch und somit lebt die Oma in diesem Baum für jeden von uns weiter.
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Horst Eichler, Hamburg
Die entscheidende Begegnung mit einem Baum hatte ich 1973. Als ich nach einem längeren Aufenthalt im Ausland nach Hamburg-Blankenese zog, entdeckte ich im dortigen Hirschpark eine Blutbuche, die mich so tief beeindruckte, dass ich auf der Stelle beschloss, sie zu zeichnen. So anstrengend und mühevoll die Arbeit auch war, wie sich noch herausstellen sollte – ich musste es tun. Der Drang war einfach zu groß. 15 Stunden lang habe ich gekämpft, den Zeichenblock auf den Knien. Mir schien, als würde das Blatt immer größer. Mehrfach war ich drauf und dran aufzugeben. Aber ich habe mithilfe von Stoßgebeten weitergekämpft – bis der letzte Ast vollendet war. Ein paar Jahre später, als es besonders starken Rauhreif gab, habe ich »meinen« Baum in seinem zauberhaften Winterkleid fotografiert. Was ich damals nicht wusste oder auch nur ahnnen konnte, ist, dass ich mit meiner Zeichnung meinem Baum ein Denkmal setzen würde. Denn er ist nicht mehr. Umweltgifte hatten ihm so zugesetzt, dass er sterbenskrank wurde. Anfang unseres Jahrhunderts musste er gefällt werden. Eine Schande, denn er war einer der schönsten Bäume Hamburgs. Mein Baum ist nicht mehr, aber er lebt in mir fort. Manchmal halte ich das Blatt in meinen Händen und denke an den Kampf mit ihm zurück.

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