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aus Heft 16/2008 Frauen 1 Kommentar

Alles beim Alten

Gleichberechtigung? In Deutschland? Soll das ein Witz sein?

Von Susanne Schneider (Text); Armin Smailovic (Fotos) 



Von Gleichberechtigung kann in Deutschland keine Rede sein. Wer das Gegenteil behauptet, geht den Männern auf den Leim:
45 Prozent von ihnen behaupten, »Männer und Frauen sind in der heutigen Arbeitswelt gleichberechtigt« – aber nur 14 Prozent der Frauen. Selbst die färben die Tatsachen noch schön. In Wahrheit nämlich ist ihr Anteil im Topmanagement deutscher Großunternehmen im vergangenen Jahr sogar zurückgegangen, von 7,5 auf 5,7 Prozent. Und bis heute sitzt in den größten börsennotierten deutschen Unternehmen, den Dax-30-Konzernen, keine einzige Frau im Vorstand. Wer von Gleichberechtigung spricht, meint also die »gefühlte Gleichberechtigung«.

Dass Frauen in den Medien zurzeit so sein Thema sind, mag daran liegen, dass diese vollkommen unterschiedliche Einschätzung der Chancen eine gesellschaftliche Reibung erzeugt, die irgendwann ihren Weg in die Öffentlichkeit findet; die Menschen bei
Maischberger
diskutieren, ob Frauen weniger wert sind, die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung fragt sich, warum Frauen keine Start-ups gegründet haben oder wenigstens in einer Garage ein Computersystem; Spiegel Spezial widmet dem »starken Geschlecht« ein ganzes Heft. Es gibt Bücher, die heißen Wir Alphamädchen oder Neue deutsche Mädchen, in denen berichten Frauen, dreißig und jünger, sehr emotional, sehr ehrlich, wie Frauen eben sind, dass sie sich unabhängig und stark fühlen, frei entscheiden wollen, ob Kind oder Karriere oder beides. Und spätestens im dritten Absatz steht, dass sie Alice Schwarzer zwar viel zu verdanken haben, aber ihre Art zu denken heute doch ein bisschen verbiestert und altmodisch daherkomme. Und irgendwie beschleicht einen bei all der Lektüre das Gefühl: Freundinnen, ich kenne euch schon so lang, mindestens seit 1994. Hat sich denn gar nichts geändert?

Da nanntet ihr euch Girlies oder wurdet so genannt, aber die Fotos damals im Jugendmagazin Jetzt mit den Schottenröcken und dem selbstbewussten Blick in die Kameras ähneln denen der Alphamädchen von heute frappant. Damals wie heute glauben sie an sich selbst und dass alles gut wird mit der Emanzipation und auch mit den Jungs. Dass Mädchen schlauer sind als Jungs, besser in der Schule und den Unis, darüber brauchen wir Gott sei Dank gar nicht zu mehr reden. Wenn nur die Hälfte von dem, was die Girlies damals forderten, eingetreten wäre, dann müsste es heute in den Chefetagen von Alphafrauen nur so wimmeln – oder wenigstens von
drei-, vierhundert Manager-Girlies.

Kann es daran liegen? Frauen unter dreißig sind überzeugt, dass ihnen neben vielem anderen auch eine große Karriere offen stünde – vorausgesetzt, sie wollten. Frauen über dreißig klingen sehr viel resignierter. Die FDP-Politikerin Silvana Koch-Mehrin, Jahrgang 1970, schreibt in ihrem Buch Schwestern. Streitschrift für einen neuen Feminismus: »Die Retro-Apostel haben wieder Oberwasser, zumindest an der Geschlechterfront.« Und Barbara Bierach, eine kluge Autorin, die den Bestseller mit dem ziemlich dämlichen Titel: Das dämliche Geschlecht geschrieben hat, sagte zum Manager-Magazin: »Die Emanzipationsbewegung war eine der spannendsten Entwicklungen des vergangenen Jahrhunderts, aber jetzt ist das alles zum Stillstand gekommen.« – »Also Moooment mal«, so fängt ein seit drei Jahren oft gehörter Satz an, »wir haben doch jetzt eine Bundeskanzlerin!« Ja, haben wir. Liberia und Chile haben auch eine Regierungschefin. Selbst Pakistan ist uns weit voraus. Als Benazir Bhutto 1988 zum ersten Mal Premierministerin wurde, war Angela Merkel noch Kreisleitungsmitglied der FDJ in Ostberlin. Irgendwo auf dem langen Weg von den starken Mädchen in der Schule bis zu Kohls Mädchen, der heutigen Kanzlerin, gehen die Frauen in Rudeln verloren. Ärgert das überhaupt jemanden?

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Von Gleichberechtigung kann in Deutschland keine Rede sein. Wer das Gegenteil behauptet, vergisst, dass der Wind sich gedreht hat.
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