Woody Guthrie: Der Schatz im Keller
Es klingt wie ein Märchen: In Kisten und Fässern, die seit Jahrzehnten in einem Keller in Brooklyn verstauben, findet eine alte Dame einzigartige Master-Aufnahmen von Folk-Legende Woody Guthrie. Nun erscheinen die Fundstücke auf der opulenten Vier-CD-Box My Dusty Road.
Von Johannes WaechterDank Ebay haben die Worte “Kellerfund” und “Dachbodenfund” einen schlechten Ruf. Oft genug wird damit wertloses Gerümpel angepriesen. Anders der Kellerfund, den eine alte Dame namens Lucia Sutera vor ein paar Jahren in New York machte. Von ihrer verstorbenen Freundin hatte sie einige alte Kisten und Fässer geerbt, die seit Jahrzehnten im Keller des Mietshauses in Brooklyn lagerten, das beide bewohnten. Irgendwann blies Lucia Sutera den Staub weg – und zum Vorschein kam ein Schatz.
Lucia Suteras verstorbene Freundin hieß Irene Harris und war mit einem Mann namens Robert Harris verheiratet, dessen Vater Herbert in den Vierzigerjahren in New York ein Plattenlabel namens Stinson Records betrieb. Harris’ Geschäftspartner Moses Asch machte damals für Stinson Records etliche Aufnahmen des legendären Folksängers Woody Guthrie (1912-1967). Als sich Asch und Harris überwarfen, behielt Asch den Großteil der Masteraufnahmen, aber einige verblieben auch bei Harris. Diese wertvollen Metallplatten sind der Schatz, den Lucy Sutera hob: originale Master-Aufnahmen von Woody Guthrie in erstaunlich guter Qualität.
Es dauerte einige Jahre, bis die empfindlichen Metallplatten überspielt und historisch erforscht worden waren. Doch nun sind die Kellerfunde auf der opulent aufgemachten Vier-CD-Box My Dusty Road erschienen: 54 Titel, darunter sechs bisher unveröffenlichte. Die CDs stecken in einem kleinen Koffer, in dem sich außerdem noch diverse Beigaben befinden, zum Beispiel der Nachruck einer Postkarte, die Guthrie an seine Frau Marjorie schrieb, und der Nachdruck einer Visitenkarte, auf der er sich als “The dustiest of th’ dustbowlers” anpreist. Im Beibuch werden die Songs analysiert, und Bill Nowlin, der Chef von Rounder Records, erzählt die verworrene Geschichte der Kellerplatten.
Woody Guthrie ist eine der wichtigsten, einflussreichsten Figuren der amerikanischen Musik, und meiner Meinung nach ist es unbedingt geboten, sein Werk mit großem, historisch-kritischem Aufwand zu analysieren und zu präsentieren. Dennoch weckt die edle Aufmachung bei mir leichte Zweifel. Wurde hier vielleicht etwas zu dick aufgetragen? Immerhin sind auf den vier CDs nur jeweils 12 bis 15 Songs; das Material hätte problemlos auf eine Doppel-CD gepasst.
Wieviel taugt My Dusty Road, wenn man Koffer und Postkarten abzieht? Vor zehn Jahren erschien bei Smithsonian/Folkways eine Box, die bisher als Referenzwerk zu Woody Guthrie zu gelten hatte: The Asch Recordings, übrigens ebenfalls vier CDs stark. Vergleicht man die beiden Editionen, wird schnell klar, dass die neue nicht mit der alten mithalten kann. The Asch Recordings ist ein sorgfältig zusammengestellter Gesamtüberblick über Woody Guthries Werk, der 105 Songs enthält; My Dusty Road bleibt ein Zufallsfund, der unbedingt erscheinen musste, allerdings doch nicht ganz so bedeutend ist, wie er hier gemacht wird.
Bleibt noch der Sound. Ich habe My Dusty Road stichprobenartig mit den Asch Recordings verglichen und war überrascht: Der neue Woody klingt tatsächlich besser als der alte – prägnanter, klarer, irgendwie lebendiger. Keine Ahnung, wie das kommt, denn auch für die Asch Recordings wurden Original-Master aus den Vierzigern verwendet; seit dem Tod von Moses Asch werden sie in der Library Of Congress in Washington aufbewahrt. Haben sich damit verstaubte Tonnen als besserer Aufbewahrungsort erwiesen?
Die opulente Aufmachung der neuen Box hängt sicherlich auch mit der fortschreitenden Kanonisierung Woody Guthries zusammen, die im Januar darin kulminierte, dass seine Hymne “This Land Is Your Land” bei der Amtseinführung von Barack Obama gesungen wurde. In der Kanonisierung liegt immer auch die Gefahr der Musealisierung und, in letzter Konsequenz, Beerdigung. My Dusty Road beweist hingegen, dass Woody Guthrie noch lange nicht reif ist, begraben zu werden.
So wie Bob Dylan einst in Woodys Songs die Kraft und die Mittel fand, eigene Songs zu schreiben, so wie mein Interviewpartner Country Joe McDonald seit Jahrzehnten von diesen Liedern zehrt, so steckt auch heute noch in Woodys Songs der Schlüssel zu lebendiger, engagierter Musik jenseits des Pop-Mainstrams. Deshalb gilt: Je mehr man von Woody Guthrie hört, desto besser. (Besonders empfehlen möchte ich in diesem Zusammenhang seine CD The Live Wire, die eine ebenso abenteuerliche Geschichte umgibt wie My Dusty Road.)
Fotos: Woody Guthrie Archives, Ute Klein
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