Die sieben schlimmsten Wende-Songs
So erfreulich der Mauerfall vor zwanzig Jahren war, so grausam sind viele der Lieder, die damals ertönten. Pathetische Balladen, peinliche Hymnen – hier sind die sieben schlimmsten Lieder der Wende.
Von Johannes WaechterWer eine Revolution macht, hat wichtigeres zu tun, als sich um hochwertige musikalische Untermalung zu kümmern. Trotzdem ist es schade, dass nahezu sämtliche Lieder über Mauerfall und Wende eher unerträglich sind – was Funk und Fernsehen leider nicht davon abhält, in Jubiläumszeiten “Wind Of Change” als Endlosschleife zu senden. Hier sind also, aus gegebenem Anlass, meine sieben schlimmsten Wende-Lieder.
1. Scorpions: “Wind Of Change”
Es gibt nur wenige eherne Gesetze der Popkultur, eines davon lautet: Alle Songs, in denen jemand pfeift, sind Schrott! Der beste Beweis dafür ist “Wind Of Change”, die grausame Glasnost-Ballade der Scorpions. Der Song entstand nach einem Auftritt der Band in Moskau im Sommer 1989, war jedoch beim Fall der Mauer noch nirgendwo zu hören; er erschien erst 1990 auf den Scorpions-Album Crazy World. Später wurde er vom ZDF zum “Jahrhunderthit” gewählt und bescherte den Scorpions nicht nur massive Verkäufe, sondern auch einen Einladung in den Kreml zum Fototermin mit Gorbi. Vielen anderen Menschen bescherte “Wind Of Change” ein Gefühl, das am ehesten mit einer Mischung aus Migräne und Zahnschmerzen vergleichbar ist.
2. Westernhagen: “Freiheit”
Westernhagen verkneift es sich zu pfeifen, aber dafür pfeift’s gehörig durch Metapherngebälk seiner 1987 veröffentlichten Grölhymne: Der Text ist so vage gehalten, dass er eigentlich auf alles passt. Freiheit? Klar, warum nicht?! Auf jeden Fall besser als keine Freiheit, oder? Bloß die Dudenredaktion dürfte gegen die Zeile “Freiheit ist die einzige die zählt fehlt” Einspruch erheben.
3. David Hasselhoff: “Looking For Freedom”
Bei MTV scheint es noch Menschen mit Herz zu geben! Als vergangene Woche in Berlin die “European Music Awards” verliehen wurden, durfte auch der längst abgehalfterte David Hasselhoff mitmischen. Im Glitzeranzug kam er auf die Bühne und schrie “Freedom” in Publikum. Immerhin lässt sein Auftritt auf einen historischen Lernprozess schließen. Während er früher behauptete, die Mauer ganz alleine zum Einsturz gebracht zu haben, sagte er nun: “The East Germans are responsible for the wall coming down”. Zum Glück ging das Mitleid von MTV nicht so weit, ihn “Looking For Freedom” auch noch singen zu lassen.
4. Karat / Peter Maffay: “Über sieben Brücken musst du geh’n”
Da der Song tatsächlich im Osten und im Westen zum Hit wurde, ist ihm eine gesamtdeutsche Note nicht abzusprechen. Das macht den arg pathetischen Text (“Manchmal wünsch’ ich mir mein Schaukelpferd zurück”) und die klischeehafte musikalische Inszenierung aber auch nicht besser. 1990 sangen Peter Maffay und Karat-Sänger Herbert Dreilich den Song dann erstmals gemeinsam, kürzlich kam es bei Carmen Nebel erneut zum Gipfeltreffen Maffay-Karat; statt des inzwischen verstorbenen Herbert Dreilich sang nun sein Sohn Claudius, wobei er und Maffay auffallend schlecht mit dem Playback zurande kamen.
5. Pink Floyd: “Another Brick In The Wall”
Obwohl Pink Floyds The Wall absolut gar nichts mit der Berliner Mauer zu tun hat, ließ sich Roger Waters die Chance nicht entgehen, seinen Songzyklus im Juli 1990 nahe des Brandenburger Tors als Bühnenspektakel zu inszenieren. Hunderttausende kamen, die Diskrepanz zwischen “Wir sind das Volk” und “We don’t need no education” blieb jedoch nicht unbemerkt: Das Soundtrack-Album verkaufte sich auffallend schlecht.
6. Nena: “Wunder geschehn”
Mit diesem Song begann Nena 1989 ihre Solo-Karriere, vier Tage nach dem Mauerfall tauchte er – oh Wunder – in den deutschen Charts auf. Die Zeile “Wunder geschehen / Ich hab’s gesehen” passte damals tatsächlich wie die Faust aufs Auge, die Zeile “Was auch passiert / Ich bleibe hier” entsprach eher nicht der Stimmung in der DDR.
7. Kaoma: “Lambada”
“Lambada” stand im Herbst 1989 zehn Wochen lang auf Platz eins der bundesdeutschen Charts. Der Westen begrüßte die Schwestern und Brüder aus dem Osten also mit einem hampeligen Tanz und einem belanglosen Stück Plastik-Pop – ein gutes Sinnbild für die schöne neuen Konsumwelt. Vom “Lambada” hat man seit den Zeiten von Egon Krenz zum Glück nicht mehr viel gehört.
Einverstanden? Gibt es noch schlimmere Wende-Hits? Oder sollte gar einer dieser Songs gar nicht so schlimm sein, wie ich behaupte?
Foto: ddp
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11 Uhr 36
@ Hulk
Bedenke aber bitte, dass die Musik, die ich hier kritisiert habe, mit Ausnahme von Karat von West-Bands kommt.
11 Uhr 45
Ja Herr Wächter, Sie haben recht. Aber das macht´s ja auch nicht besser!
11 Uhr 54
Außerdem find ich die Liste hier Klasse und richtig! Und dass sich so viele Ossis hier drüber aufregen auch! Über Geschmack lässt sich nämlich sehr wohl prima streiten! Und Ossis haben eben nun mal einen schlechten Geschmack. Siehe: Karat. Siehe: Trabi. Siehe: Plattenbau. Siehe: Egon Krenz.
Klar, Wessis manchmal auch. Siehe: Westernhagen. Aber meistens haben Wessis eben doch den besseren Geschmack. Deshalb haben die Ossis ja ooch alle rübergemacht vor zwanzig Jahren. Weil man hier bei uns eben doch mehr vom guten Geschmack mitnehmen kann!!
12 Uhr 23
Oh mein Gott, was würde ich nicht alles geben, wenn ich so ne Blinkkutte wie Hasselhof besitzen würde…..mit der würde ich die Leute aufmischen :-D *yeah*
12 Uhr 33
“Winzoffftscheensch”-Pfeifer Klaus Meine betrachtete ich immer eher als lebende Karikatur, insofern darf er auch die englische Sprache karikieren, indem er sie so deutsch ausspricht, wie wohl kein anderer Popgermane. Ssse Mätschick of ssse momenz, ja, ja …
12 Uhr 50
suuuper, es nimmt kein ende hier!! gab es jemals so viele kommentare zu nem bmusikblog der sz??
13 Uhr 15
@ hulk
klar, plattenbauten hattet ihr ja keine, nur die in münchen-neuperlach, münchen-hasenberge, bremen osterholz-tenever, hamburg osdorfer born, duisburg hochheide, dortmund kielstraße…soll ich weitermachen?
dazu noch die zubetonierten innenstädte aus den sechziger und siebziger jahren, nun ja.
und was karat anbetrifft – milli vanilli, dieter bohlen und eben die scorpions sind natürlich ebenfalls vom höherentwickelten westgeschmack zeugende popprodukte.
also einfach mal den ball flach halten.
13 Uhr 39
@ Mona
Nein, das gab’s noch nie. Meine bisherige Spitzenmarke lag bei 65 Kommentaren. Daraus lernen wir: Es ist einträglicher, etwas schlecht zu finden, als etwas gut zu finden. Viele Grüße!
13 Uhr 52
Ich findäh alläh songäs grohßä Klassäh! Disähr Koomäntahr ändspricht zu hundrät Prohzäned dehm Niwau dähs Blocks. Und aussedäm: Johnnäs is doohf!
14 Uhr 04
Wer nimmt denn überhaupt Musikkritik in den “seriösen” deutschen Medien ernst? Mir ist dort noch niemals jemand untergekommen, den ich als halbwegs kompetent empfunden habe. Statt dessen lauter Typen, die einen Verriss nach dem anderen zu schreiben und überhaupt eigentlich an allem etwas auszusetzen haben, das auch nur leicht nach Pop oder Massengeschmack riecht. Man hat das Gefühl, dass da jemand über Musik schreibt, der Musik eigentlich gar nicht mag.
Nicht dass wir uns falsch verstehen: Ich selbst finde von den Titeln in der Liste auch die meisten eher nervig. Aber diese arrogante Engstirnigkeit der “seriösen” Kritiker geht mir schon ein bisschen auf den Senkel.
14 Uhr 47
Also, was die Scorpions betrifft, 1000%ig richtig in Bezug auf das Gepfeife! Aber über einen Kamm scheren darf man das nicht, denn es wird auch bei Otis Redding’s “Sittin on the dock of a bay” gepfiffen. Und dieser Song ist und bleibt ganz groß…!
14 Uhr 52
[...] Die sieben schlimmsten Wende-Songs Gibt es noch schlimmere Wende-Hits? [...]
14 Uhr 57
@johannes wächter: und dass es immer weiter geht! immer wieder das gleiche! unglaublich! bald hat jeder deutsche bundesbürger seinen belanglosen senf dazu gegeben.
ich freu mich schon auf den nächsten blogeintrag von dir, hihi…
viele grüße zurück!
16 Uhr 50
[...] schlimmsten Wende-Songs… Zu den Kommentaren …hat die Süddeutsche HIER zusammengestellt. Mein Sieger wäre allerdings David gewesen (und nicht die [...]
17 Uhr 49
Letzter!
12 Uhr 20
Ne!
Nachdem sich der Pulverdampf wohl langsam zu verziehen beginnt, nur kurz dies:
Über einvierteltausend Kommentare wegen einer Liste, an der es doch nichts auszusetzen gibt… und wenn schon diese Gurkenstürke eine solche Welle auslösen, wie soll das erst sein, wenn echte heilige Kühe, tja, nicht geschlachtet, sondern mal kurz zum Veterinär geschickt werden?
Nur die „Pfeiftheorie“ musste ein wenig revidiert werden…
Ansonsten schließe ich mich
@Michael (Nr. 231) an:
weiter so!
Rüdiger
12 Uhr 23
Ähh… GurkenstüCke.
14 Uhr 46
Mir fehlt Bob Dylan in der Liste, mit seinem Gekrächze und seinem atonalen Mundharmonika-Gedudel, und immer diese Protesteattitüde, das ist ja auch sowas von out, und immer wieder kriegt man das auf die Ohren, und manche Leute halten den ja für sowas wie einen Gott, genau wie die Beatles mit dem OblaDiOblaDa, das kann man doch auch nicht mehr hören und immer wieder diese Beatles, als wenns nix besseres gäbe, meine Seele, die haben doch auch mal etwas Grabruhe verdient, und kann man denn nicht mal wieder was anständiges auflegen, vielleicht mal was aus der ich weiß auch nicht aus der is doch egal, halt mal was anständiges, oder?
SCORPIONS vielleicht?
06 Uhr 00
respekt!
13 Uhr 32
[...] Die 7 schlimmsten Wendesongs [...]
19 Uhr 42
Wie findet ihr denn dieses neue Lied von Paul van Dyk? Ist zwar kein Wende-Song aber immerhin der “20-Jahre-Mauerfall”-Song. Mein persönlicher Eindruck: eher schwach (wahrscheinlich ‘ne Auftragsarbeit, von Angie M. persönlich in in Auftrag gegeben) oder dieses merkwürdige Ding von Bonjovi “We Weren’t Born To Follow” – auch nicht wirklich geil, oder?
19 Uhr 46
@daniel
Ihr seid ein komisches Volk!