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Das Musikblog von Johannes Waechter

SZ-Diskothek  6 Kommentare

Wie Paul Weller auf dem Klo einen Soul-Bruder traf

Bevor im April Paul Wellers neues Album erscheint, bringt der Modfather nun noch schnell einen Sampler mit seinen liebsten Soul-Songs heraus. Dabei unterstützt ihn ein streitbarer DJ, den Weller einst auf einem Herrenklo kennenlernte.

Von Johannes Waechter

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Spätestens seit den Zeiten von Style Council weiß man, dass Paul Weller Soulfan und passionierter Plattensammler ist, und vor ein paar Jahren brachte er schon einmal einen Sampler mit Lieblingsstücken heraus. (Under The Influence hieß das Teil, darauf fanden sich so diverse Künstler wie Little Richard, Charles Mingus und die Blind Boys Of Alabama.) Nun hat Weller wieder in seiner Sammlung gewühlt, zusammen mit Keb Darge stellte er die Compilation Lost & Found – Real R’n'B and Soul zusammen, die gerade auf BBE erschienen ist.

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Keb Darge ist einer der bekanntesten Funk- und Northern-Soul-DJs – und einer der konsequentesten Vertreter des Raritätenkults, der in dieser Szene betrieben wird. Seine Plattensammlung ist legendär, etliche Ausgrabungen hat er als erster gehabt, und natürlich ist es bei ihm auch Ehrensache, die Original-Single zu spielen, selbst wenn diese 5000 Pfund kostet und der Track auch anderweitig verfügbar wäre. Für DJs, die kein Original-Vinyl spielen, hat Keb Darge nur Verachtung übrig!

Fanatische Plattensammler sind mir in der Regel sympathisch, aber Keb Darge finde ich zwiespältig. Ich habe mehrere Sampler aus den von ihm zusammengestellten Legendary Funk Masters- und Soul Spectrum-Serien. Da ist ziemlich viel Zeug drauf, das zwar megarar, aber nicht besonders gut ist, und das kann ja wohl nicht der Sinn solcher Platten sein. Auch scheint dem streitbaren Schotten das Auflegen in erster Linie ein Wettbewerb zu sein, bei dem es darum geht, andere DJs in den Schatten zu stellen. Fürs Publikum interessiert sich Darge eher weniger.

Andererseits hat er sein DJ-Spektrum in den vergangenen Jahren in sehr interessante Gebiete ausgeweitet. Die letzte Folge der Lost & Found-Serie, entstanden in Zusammenarbeit mit Cut Chemist, drehte sich zum Beispiel um Rockabilly und Jump Blues. In solch entlegenen Genres schlummert noch wahnsinnig viel tanzbare Musik, die nur darauf wartet, für den Club-Kontext erschlossen zu werden. Diese Offenheit hatte ich einem Funk-Stalinisten wie Keb Darge ehrlich gesagt gar nicht zugetraut.

bbe124ccd_cover1Als Keb Darge auf einer Party von Paul Wellers Schwester auflegte, trafen sich die beiden auf der Herrentoilette; es scheint der Beginn einer wunderbaren Freundschaft gewesen zu sein. Weller kam einige Male als Gast-DJ in Keb Darges Stammclub Madame Jo Jo’s, nun erscheint die gemeinsame CD, die erneut über den Soul hinausgeht und auch R&B-Titel aus den Fünfzigern präsentiert. Aber wer hat mehr zu bieten, Weller oder Darge?

Bei Keb Darge gefallen mir die R&B-Titel am besten. Big Mama Thornton dürfte die bekannteste Künstlerin in seiner Auswahl sein; wer kennt schon Velma Cross & Her High Steppers, Billy Fair oder Daddy Cleanhead? Die R&B-Titel in Keb Darges-Auswahl haben eine prägnante Frische, die Soul-Nummern überzeugen mich allerdings weniger. Wie so oft beim Northern Soul dominiert ein kopierter Motown-Sound – warum dann nicht gleich Motown spielen, frage ich mich? Aber das ist wohl unter Keb Darges Würde.

Paul Weller hat einen anderen Ansatz. Keb Darge sagt übers Auflegen mit Weller: “He was not tainted by any collectors’ scene attitude, just played the tunes he liked.” Seine Auswahl qualifiziert ihn als Kenner, dessen einziges Kriterium der eigene Geschmack ist, nicht der Sammlerwert einer Platte. Weller gelingt ein hinreißender Streifzug durch den Soul der Sechziger, bei dem er federleichte Grooves aus Chicago (Major Lance) und Detroit (Tammi Terrell) präsentiert, jazzigen Blues (Jimmy Witherspoon, Bobby Bland), erdigen Blues (Albert King), Southern Soul (Margie Joseph) und alten R&B (Slim Harpo). Falls Wellers eigene Musik irgendwann keiner mehr hören will, kann er seine Brötchen, soviel steht jetzt fest, jederzeit als Soul-DJ verdienen.

Kommentare

  • phunky

    Moin Johannes,

    amüsante Anekdote. Den genannten DJ kenne ich natürlich überhaupt gar nicht. Den anderen Herren aber ganz gut. Seinem Werk stehe wiederum ich etwas zwiespältig gegenüber. Allerdings eher mit der Tendenz ihn irgendwie zu lieben…

    Das liegt in erster Linie an Wild Wood, ein fantastisches Album. Gehört wohl zu meinen fünf Lieblingsalben der 90er Jahre. Leider war das meiste was danach kam eher verzichtbar. Alles gut zu hören, aber es kam halt nicht mehr an dieses Meisterwerk ran. 22 Dreams kam diesen Spheren zumindest mal wieder nahe, drum freue ich mich auch auf das nächste Album.

    Was davor war, so habe ich Paul Weller quasi mit Style Council kennengelernt. Fand ich damals gut und heute immer noch.

    The Jam hat man halt mal auf Partys gehört, als ich dann anfing mich ernsthafter damit auseinander zu setzen, fand ich, dass das Zeug nicht wirklich gut gealtert ist. Weniger gut als The Who zum Beispiel.

    Diese R&B Compilation lege ich mir vielleicht auch mal zu, klingt interessant.

    PS: Ich habe mir heute endlich mal meine vier Lieblings-Beatles-Alben in der neuen Auflage zugelegt. Zwei hab ich schon gehört. Die klingen wirklich toll. Geht doch!
    Sogar Yellow Submarine habe ich nicht übersprungen, bin schon gespannt, ob das bei Octopus’s Garden auch möglich ist ;-)

  • Michael

    Hallo Johannes,

    danke für den Hinweis. Ich liebe Soul und ich höre alles und mag sehr vieles, Motown genauso wie Southern Soul genauso wie den popigeren Chicagosoul oder 70′er Sachen.
    Mich langweilt dieser Sportgedanke bei etlichen weißen (Northern) Soulfans unendlich. Superrar, superheiß, superlangweilig, weil eh schon hundertmal so oder so ähnlich gehört.
    Richtig´gut gefallen haben mir die Auswahl von Soul in der SZ-Disko und die Sweet Soul Music bei Bear Family viele bekannte Sachen drauf, gut gemsicht, aber in einer Qualität wie ich sie so noch nicht gehört habe, das ist mir inzwischen viel lieber.

    Recht hast du was Rockabilly, Jump Blues und überhaupt R&B aus den vierzigern und fünfzigern betrifft. Mann müßte sich da mal mehr trauen und die Stile mischen, auch Country oder
    Big Band Pop aus der Zeit.

    Ciao
    Michael

  • Johannes Waechter

    @ Phunky, Michael
    Ich habe mir den Rockabilly/Jump Blues-Sampler vor ein paar Tagen direkt beim Label bestellt, für erschwingliche vier Pfund. Wenn die CD da ist, kann ich euch genaueres berichten, bin aber schon jetzt recht sicher, dass sie mir gefallen wird. Viele Grüße und danke für die Kommentare! (Welche Beatles-Alben waren es denn?)

  • phunky

    Moin Johannes,
    generell mag ich fast alle Beatles-Scheiben, meine vier liebsten (ohne mit der Reihenfolge eine Wertung vorzunehmen): Abbey Road, Revolver, Rubber Soul, The Beatles (White Album). Jetzt wo ich die gehört habe, könnte ich mir vorstellen, dass noch ein oder zwei dazu kommen. Hatte zuerst den ganzen Karton in der Hand, aber ich dann doch zu geizig ;-)

  • Rüdiger Grothues

    Plattensammler, welche sich die Scheiben nur um ihrer Rarität willen zulegen, sind für mich nichts als Sammler und, wenn sie noch ein gewisses Weiterverkaufsverhalten an den Tag legen, Spekulanten, die es genau so gut mit Briefmarken oder Münzen treiben könnten.
    Das kommt auch in der Beschreibung zum Ausdruck, die Keb Darge glaubt über Paul Weller zum Besten geben zu müssen: „..just played the tunes he liked.“ Was denn sonst (?), möchte man dem DJ dann doch gerne sagen, wenn nicht zurufen.
    @Phunky
    Was die Beatles-Scheiben angeht, nehme ich an, dass mit den vier gut gewählten Alben das Ende der Fahnenstange noch nicht erreicht ist, denn wenn man erst mal angefixt ist…
    Und ohne Ringo zu sehr dissen zu wollen: Octopus´Garden´ geht bei mir noch etwas besser als das Unterseeboot.
    Viele Grüße von
    Rüdiger

  • phunky

    Moin Rüdiger,

    nein, nichts gegen Ringo. Genesis sind doch der Beweis, dass nicht nur die Beatles haben ihren Schlagzeuger die schlechten Songs singen lassen… :-D

    Ansonsten, ich glaube Terry Pratchett hat mal sinngemäß gesagt: “Musik sammeln ist wie Architektur tanzen”. Musik ist doch wohl in erster Linie da, um gehört zu werden.