Ein Oscar für die Countrymusik
Erst "Ray", dann "Walk The Line", nun "Crazy Heart" – der Oscar, den Jeff Bridges für seine Darstellung eines versoffenen Countrysängers bekommen hat, zeigt, dass Rootsmusiker die wahren Helden der amerikanischen Kultur sind.
Von Johannes Waechter
Crazy Heart hat zwei Oscars erhalten, ist aber kein wirklich herausragender Film. Vor allem weil die Liebesgeschichte zwischen der Journalistin Jean (Maggie Gyllenhall) und dem Countrystar Bad Blake (Jeff Bridges) mehr schlecht als recht funktioniert. Dass sich die propere working mom mit dem schmierigen Sänger einlässt, dass dieser dann plötzlich zum Ersatzopa ihres kleinen Sohns werden möchte, dass er schließlich, vom Blick in die traurigen Kinderaugen geläutert, nach vielen versoffenen Jahrzehnten von der Flasche lässt – all das ist holzschnittartige Hollywood-Dramaturgie, wie man sie aus vielen durchwachsenen Filmen kennt.
Aber dann gibt es ja noch die Musik. Crazy Heart ist voll davon, und sämtliche Qualitäten, die der Film dann doch vorweisen kann, hängen mit Countrymusik zusammen. Zu den Höhepunkten des Films gehören zum Beispiel die Auftritte von Bad Blake: Anfangs spielt er in einer Bowling Bahn, dann in mehreren Bars, in großen Freiluftheatern und zu Hause auf dem Sofa. Überraschenderweise entfaltet Jeff Bridges ein beträchtliches musikalisches Charisma, und auch die Songs, die er singt – die meisten geschrieben von T-Bone Burnett, Stephen Bruton und Ryan Bingham –, sind exzellent. Völlig zu recht erhielten T-Bone Burnett und Ryan Bingham den Oscar für den besten Filmsong, ihre Nummer “The Weary Kind” hat etwas von der schmerzlichen Wahrhaftigkeit eines Hank-Williams-Songs.
Vor allem liefert die Countrymusik aber das mythische Grundgerüst des Films. Die Figur des Bad Blake ist an echte Stars wie Merle Haggard, Kris Kristofferson und Townes Van Zandt angelehnt, sie bezieht sie sich aber auch auf den Archetypus des Countrysängers, der auf ewig verstrickt bleibt in whiskygeschwängerte Tristesse, schnelle Liebschaften und die Last eines gnadenlosen Tourneeplans, der ihn zwingt, sich täglich auf’s Neue in Bewegung zu setzen und irgendeine ferne Bar am Ende eines Highways anzusteuern. Es sind diese seit Jahrzehnten in unzähligen Songs besungenen, mythischen Versatzstücke, aus denen Jeff Bridges die Kraft für seine außergewöhnliche Darstellung zieht.
Auffällig: Da war er nicht der erste. In den vergangenen Jahren haben erstaunlich viele Schauspieler mit Portraits von US-Rootsmusikern Oscars gewonnen. Los ging’s mit Jamie Foxx, der 2005 für seine Darstellung von Ray Charles ausgezeichnet wurde. Im Jahr darauf bekam Reese Witherspoon einen Oscar, die in der Johnny-Cash-Filmbio Walk The Line die Rolle von June Carter spielte. 2007 war Jennifer Hudson dran, sie erhielt den Oscar für ihre Rolle in Dreamgirls, in dem es um Motown und den R&B der Sechziger ging. (Und 2008 wurde die Französin Marion Cotillard geehrt, die in der Filmbio La Vie en Rose die französische Chanteuse Édith Piaf gespielt hatte.)
Der Countrysänger, der blinde R&B-Star, die Souldiva – warum sind das inzwischen die oscarverdächtigen Großrollen, mit denen sich Schauspieler ein Denkmal setzen können? Ich glaube, das liegt daran, dass Musiker wie Johnny Cash, Ray Charles oder Miles Davis, dessen Leben gerade verfilmt wird, mittlerweile die wahren Helden der amerikanischen Kultur sind. In einer Glitzerwelt, in der vieles korrumpiert und entwertet wurde, bleibt die bluesbasierte Rootsmusik in der Wirklichkeit verankert und hat sich ihre Ausdrucksstärke bewahren können. Sie ist ein Korrektiv zur Hohlheit des medialen Dauerfeuers und steht für eine nachhaltige Methode der musikalischen Kommunikation. Manchmal gibt sie dem Film etwas von diesen Qualitäten ab.
Der exzellente Soundtrack von “Crazy Heart” ist bei Blue Rose erschienen. Darauf finden sich Klassiker von Waylon Jennings, Buck Owens und Townes Van Zandt, aber auch mehrere von Jeff Bridges, Ryan Bingham und Colin Farrell gesungene Original-Songs.
Fotos: dpa, afp
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10 Uhr 53
Ray Charles, eine Motownsängerin, Johnny Cash (oder nur June?), der fiktive Bad Blake und Miles Davis alle in einem großen “Rootsmusik”-Topf? Eine recht waghalsige Kategorisierung.
Ist es nicht vielleicht viel simpler so, dass zum einen eben verdammt viele Biopics produziert werden und zum anderen das möglichst glaubwürdige Nachkaspern von allbekannten Personen besonders gern als große Leistung honoriert wird?
Und dass Jeff Bridges in “Crazy Heart”, Country hin, Country her, einfach eine höchst beeindruckende Präsenz hat?
14 Uhr 44
Moin Johannes,
ich halte die Theorie ebenfalls für sehr gewagt. Zumal, so die Aussage verschiedener betroffener Musiker, beispielsweise das Interesse der Amerikaner am Blues nicht sonderlich hoch ist. Daher touren Blueser so viel in Europa und vor allem in Deutschland, da ihre Musik hier sehr viel mehr geschätzt wird als in der Heimat.
Wenn ich mir anschaue was Hollywood so produziert, dann bleibt doch neben den ganzen Remakes und Fortsetzungen kaum etwas übrig, was man auszeichnen könnte.
18 Uhr 37
[...] Ein Oscar für die Countrymusik “Crazy Heart” [...]
13 Uhr 27
Hallo Johannes,
gestern habe ich mir „Crazy Heart“ angeschaut.
Beim Lesen Deines Beitrags -zum Zeitpunkt seines Erscheinens- sprach mir Deine Einschätzung „Überraschenderweise entfaltet Jeff Bridges ein beträchtliches musikalisches Charisma“ sofort aus dem Herzen – bis auf das Wort am Satzanfang.
Denn schon bei dem Film „Die fabelhaften Baker Boys“, in dem Jeff und sein –echter- Bruder Beau Bridges die brüderlichen Titelfiguren spielen, war aufgefallen, dass Jeff bei der Darstellung des unglücklichen Musikers Jack, der lieber Jazz spielen würde als Barmusikstandards in kleinen Clubs vor desinteressiertem Publikum, genau weiß, um was es geht und was er tut. Der Flachmann im Jackett und die Zigarette im Mundwinkel – geschenkt. Aber wenn Jeff Bridges am Klavier sitzt… dann ergibt sich schon das gleiche Gefühl, dass sich nun beim Schauen von „Crazy Heart“ breitmacht, nur daß er jetzt hinter einer Gitarre steht oder sitzt: Er weiß, um was es geht.
Was die These von den Rootsmusikern als den wahren Helden der amerikanischen Kultur angeht: Da bin ich überfragt.
Immerhin scheint mir der Film aber zwei Statements abzugeben, die mit der Musikkultur in Zusammenhang stehen:
Zwar ist das Bild des rechtskonservativen C & W-Musikers mit betont „weißem“ Kulturhintergrund Gott sei Dank schon lange überkommen, trotzdem war es hilfreich, dass in „Crazy Heart“ der Blues, wenn auch am Rande, als einflußreiche Wurzel ins Spiel gebracht wird.
Zum anderen wird die Ablösung des Titel“helden“ als Countrystar durch den jüngeren Tommy Sweet ambivalent und vielschichtig gezeigt. Es wäre leicht gewesen, den gestylten, gutaussehenden, von Bad Blake protegierten Pop-Countrystar (Colin Farell) als das schale, undankbare Neue darzustellen, dass dem wahren, echten alternden Countrymusiker das Wasser abgräbt. Aber so leicht macht es sich der Film nicht, und so kommt es zu einer Szene, die mich sehr angerührt hat: Anstatt sich backstage warmzutrinken oder in vielfältiger Weise verwöhnen zu lassen, steigt der neue Superstar bei seinem alten Mentor, der für ihn bei einem Auftritt den Vorsänger, den Support Act geben muss, während einer Nummer ein. Respekt.
Viele Grüße von
Rüdiger
14 Uhr 37
Hallo,
falls Euch die Musik zum Film gefallen hat, dann gibt es hier eine kleine Neuigkeit:
Ryan Bingham & The Dead Horses machen im November eine kleine Deutschland-Tour:
8.11. München / Backstage Club
9.11. Berlin / Comet
10.11. Köln / Underground
Liebe Grüße
Vik