In der Zeitmaschine mit Eli “Paperboy” Reed
Mit schweißtreibenden Shows und seinem guten neuen Album "Come And Get It" etabliert sich Eli "Paperboy" Reed gerade als aufregendster Retro-Soul-Act der letzten Zeit. Aber wie viel taugt dieser Stil überhaupt? Können die Soulsänger von heute an ihre Vorbilder aus den Sechzigern und Siebzigern heranreichen?
Von Johannes Waechter
Seit es Retro-Soul gibt, streiten die Fans über das Für und Wider dieser Musik. Weniger über Sängerinnen wie Amy Winehouse, Duffy oder Joss Stone, deren Musik vielen zu kommerziell ist. Aber was hat man von Leuten wie Sharon Jones, Nicole Willis oder Eli “Paperboy” Reed zu halten, die unzweifelhaft von einer großen Liebe zur Soulmusik der Sechziger und Siebziger angetrieben werden? Sind sie die Gralshüter eines der wunderbarsten Stile der Musikgeschichte, oder ist das, was sie zu bieten haben, allenfalls ein müder Abklatsch der jahrzehntealten Original-Sounds?
Ich bin in dieser Frage selbst zwiegespalten. Einerseits freue ich mich über jeden, der öffentlich für die Soulmusik eintritt und dafür sorgt, dass sie nicht in Vergessenheit gerät. Aber dann denke ich an Sharon Jones, die ich kürzlich interviewt habe. So sehr mir ihre neue LP I Learned The Hard Way gefällt – mit der Musik von Curtis Mayfield, in die ich mich in den letzten Wochen mal wieder vertieft habe, können die Dap-Kings nicht mithalten. So verstauben viele Retro-Soul-Platten im Regal, während ich die Originale immer wieder hervorziehe und stets aufs neue mit Gewinn höre.
Einen Bereich gibt es aber, wo solche Überlegungen völlig obsolet sind: Konzerte. Curtis Mayfield und viele andere der alten Helden sind tot; und jene, die noch leben, kommen selten oder nie nach Deutschland. (Kleiner Tipp am Rande: Al Green, Stevie Wonder, Larry Graham, Lee Fields und Swamp Dogg werden dieses Jahr beim North Sea Jazz Festival in Rotterdam auftreten). Ein Retro-Soul-Konzert ist besser als gar kein Soul-Konzert, und so ging ich am vergangenen Mittwoch in den Münchner Club 59:1, zum Konzert von Eli “Paperboy” Reed. Ich wusste über Reed nicht viel mehr, als dass ihn die Mojo seit Jahren nachdrücklich anpreist. Zurecht, denn das Konzert war große Klasse.
Von der bei James Browns MC Danny Ray abgeschauten Ankündigung bis zum großen Finale mit dem Hit “The Boom Boom” stimmte hier einfach alles. Reed und seine Band, die True Loves, spielten ein energiegeladenes und dramaturgisch klug aufgebautes Konzert, das stilistisch die meisten Anleihen beim Northern Soul machte, bei einigen Balladen aber auch den Southern Soul der Sechziger zitierte, gelegentlich gewürzt mit einer Prise Funk.
Reed ist ein sehr guter Sänger, ein exzellenter Gitarrist und ein charismatischer Showmann, der sich, obwohl erst Mitte zwanzig, mit der Gewandheit eines Mannes über die Bühne bewegt, der schon durch sämtlich Juke Joints in Mississippi tingeln musste. Vor allem ist er aber ein emphatischer Liebhaber der Soulmusik, deren Tradition er verherrlicht, ohne sie zu musealisieren. Wie aufmerksam er sie studiert hat, merkt man an seinen Songs: ob Uptempo-Nummern im Motown-Stil (“Name Calling”), emphatische Balladen (“Pick Your Battles”) oder krachige Tanzboden-Feger (“Explosion”) – es ist überraschend, wie gewandt sich Reed durch das Formenrepertoire des Soul bewegt.
Besonders gespannt war ich beim Konzert auf die Coverversionen. Ein Soul-Konzert ganz ohne Cover zu spielen wäre vermessen, zu viele – oder die falschen – Coverversionen können schnell unsouverän wirken. Aber aus vielen hundert großartigen Soul-Hymnen den richtigen Song auszuwählen, ist auch nicht gerade leicht. Reeds Lösung hat mich überzeugt: Er spielte “Twistin’ The Night Away” von Sam Cooke, einen Song, den viele übersehen, weil er als leichtgewichtiger Pophit gilt, dessen mitreißender Groove und federleichter Gesang aber auch erst einmal gemeistert werden wollen.
Restlos begeistert schüttelte ich Eli “Paperboy” Reed nach dem Konzert die Hand und besorgte mir seine neue Platte Come And Get It (Capitol). Zuhause setzte dann eine gewissen Ernüchterung ein: Die Platte ist gut, aber längst nicht so gut wie die Original-LPs aus den Sechzigern und Siebzigern. Und das trotz exzellenter Bezugspunkte: Während er an Come And Get It arbeitete, sagt Reed im Presse-Info, “hörte ich viel Soulmusik aus dem Chicago der späten Sechziger-, frühen Siebzigerjahre, insbesondere Mel & Tim und Tyrone Davis. Das sind sehr aufwändig produzierte Nummern mit vielen Bläsern, vielen Saiteninstrumenten, die gleichzeitig sehr hart klingen; die Rhythmusabteilung bleibt immer richtig funky. Dieser Vibe gefiel mir.”
Das liegt weniger an den Songs, als vielmehr am Sound, den mit Mike Elizondo ein Produzent betreute, der vom HipHop und Rock kommt: Zum einen klingt die Platte viel zu clean, zum anderen haben die Musiker nicht die Klasse jener Genies, die auf den alten Platten von Stax, Motown oder Hi spielten. Aus meinem Retro-Soul-Zwiespalt konnte mich also auch Eli “Paperboy” Reed nicht erlösen.
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12 Uhr 12
Hallo Johannes,
vielen Dank für das Interview und mir geht es genauso, brauche ich diese Retrosachen?
Sharon ist eine wirklich klasse Sängerin, aber die Dap-Kings können micht nicht recht überzeugen, vor allem in den Bläserbereichen und auch das Schlagzeug find ich nicht so überragend.
Trotzdem mir fehlen einfach die großartigen Sängerinnen und Sänger, ich kann mit diesem hochgepitchten Gesang von Beyonce usw einfacht nichts rechtes anfangen und ich finde auch das das alles nicht wirklich groovt.
So irgendwie will mir nicht in den Sinn warum der o.g. Tyrone Davis, den ich sehr verehre, ich meine die Stimme, nicht mehr in die heutige Zeit passen will.
Also wenn jemand und ich bin sicher da laufen genügend rum in den USA die das könnten, den Produzenten finden würde dem musikalisch was einfallen würde, jemand der anschließt und nicht nur kopiert. Amy war doch auch ein riesen Geschäft.
Wirklich toll war das letzte Al Green Album das ich sehr sehr
gerne höre und das irgendwie in die Zeit gehört bei Sharon, tut mir leid Süße, finde ich das weniger.
Ich hab die Hofnung noch nicht aufgegeben das irgendjemand
dieses Ende der 70′er vergessene Blatt wieder aufhebt und neu beschreibt.
Soul Music Forever
Michael
13 Uhr 06
Hallo Michael,
danke für den Kommentar. Interessant, dass Du das Schlegzeug ansprichst – das hat mich auch bei Eli “Paperboy” Reed nicht sonderlich überzeugt. Der Drummer spielt zu viel, das ist schon mal der erste Fehler. Und dann klingt das Set auch irgendwie dumpf und nicht so snappy, wie es gerade bei groove-betonter Musik klingen sollte. Da denkt man sich, es kann doch nicht so schwierig sein, ein vernünftiges Schlagzeug aufzunehmen – ist es anscheinend aber doch. Viele Grüße!
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08 Uhr 38
Hallo Herr Waechter,
mich würde mal interessieren, wie Sie Jamie Lidell einschätzen?
Grüße,
Björn Bischoff
18 Uhr 01
@ Björn
Die neue Platte von Jamie Lidell kenne ich leider noch nicht, aber die letzten fand ich gut. Sobald ich die neue habe, werde ich mich ausführlicher zu ihm äußern. Vielen Dank für den Kommentar!
14 Uhr 16
Hallo Herr Waechter,
mir geht es ähnlich. “Paperboy” macht es richtig – und doch nicht ganz überzeugend – reicht für dieses Jahr, danach wird das wohl eher vergessen.
Da kann man sich über einzelne Sounds unterhalten – (ebenso wie bei den schlechten Instrumentierungen der Malaco-Veröffentlichungen von alten Soul Recken wie Tyrone Davis) oder über Attitude: Heute noch Soul zu spielen ohne Bezug auf eine gegenwärtige Perspektive (was er in meinem Kurz-Interview ablehnte).
Allerdings mag ich nicht den – ach so kennermäßigen – Diss von Fr. Winehouse. Das zweite Album hat auch die Dap-Kings – und die sind hier einfach knackiger. Das liegt sicher an Hr. Ronson aber auch an den besseren Songs. Ich glaube, dass “Back to Black” noch in zehn Jahren besser klingt, als der Retro-Soul. Eben weil sie (zumindest zum Zeitpunkt der Aufnahme/Veröffentlichung) ein Soul-Album für Heute mit starken Retro-Anleihen gemacht hat. Jamie Lidell hat eine erstaunliche Platte gemacht: Al Green für das neue Jahrtausend. Wie die neue ist, weiss ich auch noch nicht. Apropos: Natürlich ist die Al Green LP auch sehr toll – nicht zuletzt durch die Mithilfe von dem Drummer der Roots. Also: Guter Soul muss heute auch im Heute sein – sonst ist es nur eine Ü30 Party….