Pilgerfahrt zum Ponderosa Stomp
Das ungewöhnlichste Musikfestival der Welt? Beim Ponderosa Stomp in New Orleans werden die vergessenen Helden der Rootsmusik gefeiert.
Von Johannes Waechter“He’s A Rebel” – La La Brooks und ihre Band beim Ponderosa Stomp.
Wer mein Blog schon etwas länger liest, wird sich vielleicht daran erinnern, dass ich im Mai 2009 über den Ponderosa Stomp geschrieben habe, ein Musikfestival in New Orleans. Nun bin ich wieder hier. Eine weite Reise, nur um zwei Nächte lang alte Blues- und Rockabilly-Sänger zu bewundern. Aber der Ponderosa Stomp hat etwas einzigartiges, eine ganz besondere Magie, die gestern abend der Präsident der Rock’n’Roll-Hall Of Fame in Worte zu fassen versuchte. Was man hier zu sehen bekäme, könne man nirgends sonst sehen, sagte er. Dann verbeugte er sich vor Ira “Dr. Ike” Padnos, dem Gründer und Chef des Stomp.
Terry Stewart von der Rock’n'Roll Hall Of Fame beglückwünscht Dr. Ike (mit Zylinder), Gründer des Ponderosa Stomp.
In der aktuellen Ausgabe des Stadtmagazins Offbeat ist ein Artikel zur Geschichte des Stomp. Darin wird erzählt, wie vor neun Jahren die Idee zum Festival entstand – bei der Hochzeitsfeier von Padnos, für die er ein paar seiner musikalischen Helden gebucht hatte. Generell geht es darum, die “unsung heroes” aus allen möglichen Bereichen der amerikanischen Rootsmusik zu feiern: Rockabilly, Country, Soul, R&B, Blues, Cajun, Garagenpunk, Surfmusik. Dieses Jahr war sogar ein – total obskurer – Gospelact dabei.
Einige wenige Künstler wie Barbara Lynn und Lazy Lester werden regelmäßig eingeladen, in der Regel ist das Programm aber jedes Jahr neu. Ich kannte vorher fast keinen der Acts, die gestern aufgetreten sind, mit Ausnahme der Trashmen (“Surfin’ Bird”), des Swamp-Pop-Sängers Johnnie Allen und der Blues-Legende Honeyboy Edwards. Aber dann wurde es doch wieder ein fantastischer Abend.
Die Höhepunkte: Zum Beispiel der Rockabilly-Sänger Al Ferrier, der einst zusammen mit Elvis, Carl Perkins und Johnny Cash auf der Bühne des Louisiana Hayride stand und seinen Song “Let’s Go Boppin’ Tonight” sang. Während die anderen große Karriere machten, blieb er ein ausschließlich lokal bekannter Künstler. Oder der 79-jährige R&B-Sänger Tommy Brown, nach eigener Aussage seit 76 Jahren im Showbusiness. Brown tanzte leichtfüßig über die Bühne, erzählte Witze und legte eine energetische Show auf die Bretter, die in einem Song kulminierte, bei dem er die ganze Zeit zu weinen schien und sich vor Liebeskummer auf dem Boden wälzte.
Nach Brown kam La La Brooks auf die Bühne. Mit 13 gründete sie die Crystals, bald darauf wurde die Gruppe von Phil Spector entdeckt, der eine Reihe von Hits für die Mädchen schrieb, die heute noch jeder kennt. Auch Brooks erwies sich als ausgesprochen energetische Performerin, die ihre Hits mit einer Vehemenz herausbrüllte, die den Originale fehlt. Höhepunkt war natürlich “Da-Doo-Ron-Ron”.
Was soll danach noch kommen, dachte ich. Doch die nächste Gruppe legte mühelos nochmal eine Schippe drauf. Es handelte sich um The Relatives, eine extrem obskure Gospelgruppe aus Dallas, die in den Siebzigern wohl mal einige Platten auf lokalen Labels gemacht hatte. Mit der Sicherheit von Performern, die um ihre Stärken wissen, betraten sie die Bühne und lieferten eine sensationelle Show ab, die viele sprachlos zurückließ.
Vorne standen vier Herren in blauen Anzügen und gelben Hemden, zwei alt, zwei jung. Manchmal verfielen sie in choreographierte Tanzmoves, die an die Temptations erinnerten, und der eine junge Sänger sang auch in einem glasklaren Eddie-Kendricks-Falsett; die beiden alten Herren waren jedoch Gospelshouter reinsten Wassers, die die Menge im Stile alter Revival-Meetings aufheizten. Dazu spielte eine exzellente Band Psychedelic Funk mit saftigen Breaks; der Gitarrist ließ es sich nicht nehmen, im Duckwalk über die Bühne zu hüpfen. Irre, wenn man bedenkt, dass solche Könner völlig unbekannt sind und vielleicht gerade mal gelegentlich in den Kirchen rund um Dallas auftreten.
Heute folgt der zweite Abend des Ponderosa Stomp. Headliner ist kein geringerer als Duane Eddy. Später vielleicht mehr davon.
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16 Uhr 14
Hallo Johannes,
Vielen Dank fuer den Bericht, da werd ich doch echt neidisch, wenn ich mal nach New Orleans konmmen sollte, dann sicher an diesem Datum. Vielen Dank vor allem fuer den Tip mit den” The Relatives” und dem Video. Gerade in dem Bereich Gospel mit Funk-Einschlaegen gibts noch so viele geniale Sachen zu entdecken. Ein guter Einstieg sind sicher die Compliations “Good God! A Gospel Funk Hymnal” und V/A: Good God! Born Again Funk” Anspieltip Mighty Walker Brothers God been good to me. Bin schon mal auf den zweiten Teil gespannt. Und falls du noch in New Orleans bist, such doch mal nach Mr Qintron, das lohnt sich.
Viele Gruesse Christoph
16 Uhr 30
Hallo Christoph,
die “Good God”-Compilation ist auf Numero, oder? Wenn ja, dann habe ich sie auch. Die andere Compilation kenne ich nicht, werde aber danach Ausschau halten. Inzwischen sind wir allerdings nicht mehr in N.O., deshalb ist uns diesmal auch Mr. Qintron durch die Lappen gegangen. Viele Grüße und danke für den Kommentar!
16 Uhr 09
Moin Moin Johannes,
da bin ich aber auch neidisch, denn laut Programm ist ja Homer Henderson (http://www.youtube.com/watch?v=ma9DwoOnGT8) aufgetreten und auch Deke Dickerson und Joe Clay … . Euch noch ne schoene Zeit mit vielen anderen musikalischen Offenbarungen.
Mit den besten Gruessen aus dem blauen Land
P.S. Mr. Quintron ist gerade auf Europatour und war auch in Muenchen zu Gast
07 Uhr 08
… wie war denn der zweite Abend so?
Grüße aus Berlin ….
05 Uhr 38
@ Hanz
Auch ganz toll. Meine beiden Highlights: Zum einen der Auftritt von Sugar Pie De Santo, die in den Sechzigern Background-Sängerin bei James Brown war und zusammen mit Etta James die coole Funknummer “In The Basement” gesungen hat. Die ist inzwischen schon uralt und auch ganz klein, hat aber echt das Haus gerockt. Sie hat zB einen Typen aus dem Publikum zum Tanzen auf die Bühne geholt und ihn dann regelrecht angesprungen, so dass er sie herumtragen musste. Die Leute sind ausgeflippt. Zum anderen Red Simpson, der mir vorher ungekannte König der “Truck Driving Songs”. Deke Dickerson hat ihn als “from Bakersfield, California” kommend angekündigt, damit war eigentlich schon alles gesagt: unglaublich erdige, coole Countrymusik, die sich ausschließlich ums Thema “Truck Driving” drehte. Am Schluss kam dann sein Hit “Highway Patrol”, den ich nur von Junior Brown kannte. Nun wurde ich eines besseren belehrt. “Who’s Junior Brown…?”, sagte Simpson grinsend. Viele Grüße!