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Das Musikblog von Johannes Waechter

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Lee Fields im Interview: “Wie ein Märchen”

Dass die große Zeit der Soulmusik vor über 30 Jahren zu Ende ging, hindert den Sänger Lee Fields nicht daran, Platten zu machen, die es mit den Meilensteinen des Genres aufnehmen können. Im Interview erklärt er, was er unter Soulmusik versteht und warum ihm nach Jahrzehnten ohne große Erfolge doch noch der Sprung aus der Obskurität ins Rampenlicht gelang.

Von Johannes Waechter

Im Pop gab es schon viele erstaunliche Erfolgsgeschichten, doch was Lee Fields erlebte, darf als besonders wundersam gelten. Lange war sein Name nur engagierten Plattensammlern bekannt, dank einiger obskurer Funk-Singles, die er in den Siebzigern veröffentlicht hatte. Zwanzig Jahre danach gelang ihm jedoch der Schritt hinaus aus der Obskurität, als sich zwei dieser Sammler zusammentaten, um etwas Neues mit ihm zu produzieren. So wurde Lee Fields auf seine alten Jahre zur Galionsfigur der Retro-Soul-Bewegung – wobei dieser Begriff kaum für jemand gelten kann, der seit 1969 Soulmusik macht. Nach drei Jahren Wartezeit erscheint nun sein neues Album Faithful Man (Truth & Soul), der Nachfolger des Meisterwerks My World. Ende März sind Lee Fields & The Expressions dann in Deutschland auf Tour.

Lee Fields, ich weiß noch genau, wo ich zum ersten Mal über Ihren Namen gestolpert bin. Mitte der Neunziger habe ich eine Liste mit Funk-Singles bekommen, die ein Sammler verkauft hat, und die teuerste dieser raren Singles war von Ihnen. Ich dachte: Lee Fields, das muss ein irre legendärer Typ sein!

(Lacht) Legendär, also ich weiß nicht. Aber es stimmt, dass ich damals Funk gespielt habe und es heute immer noch tue.

Haben Sie noch ein paar Kisten mit Ihren gesuchten Platten aus den Siebzigern?

Nein, leider nicht. Ich habe nur noch eine dieser Singles und ein einziges Exemplar des Albums, das ich 1979 gemacht habe. Es wäre schön, einige Exemplare mehr zu haben, denn ich werde oft danach gefragt. Aber sie sind mir alle im Lauf der Zeit abhanden gekommen.

Hätten Sie sich damals träumen lassen, dass diese Platten irgendwann teure Sammlerstücke sind?

Als ich in den Siebzigern diese Platten gemacht habe, habe ich wirklich an die Songs geglaubt. Sie stecken voller echter Gefühle, voller Leidenschaft und deshalb erwartete ich eigentlich schon, dass sie eine gewisse Lebensdauer haben würden.

Damals waren Ihre Platten allerdings alle kommerzielle Flops …

Mein Ziel war es nicht, irgendwelchen Trends hinterherzurennen. Ich wollte etwas schaffen, das aus meinem Herzen kommt. Ich sehe mich als Soulsänger – als jemand, der seinen tiefsten Gefühlen Ausdruck verleiht. Das habe ich damals versucht, und das versuche ich auch auf meiner neuen CD Faithful Man. Für mich zählt, dass die Musk ehrlich und echt ist, kommerzielle Erwägungen sind da eher sekundär.

Sie haben in den Siebzigern recht sporadisch Platten veröffentlicht. War die Musik eher eine Art Hobby für Sie?

Nein, damals war ich Profi-Musiker. Ich war als Entertainer gefragt und habe viel live gespielt. In den Achtzigern war leider weniger los. Da hat sich der Musikgeschmack geändert und ich musste in der Immobilienbranche arbeiten, um für meine Familie zu sorgen. In den Neunzigern ging’s dann wieder los, mit meiner CD Enough Is Enough war ich sehr erfolgreich in der Blues- und Southern-Soul-Szene.

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In Europa weiß kaum jemand über diese faszinierende Szene Bescheid, erzählen Sie ein bisschen davon.

Die Szene ist bis heute sehr lebendig – aber nur im amerikanischen Süden. Sie ist nicht sehr groß, aber es gibt einige Künstler, die sehr erfolgreich sind und eine treue Fangemeinde haben. Damals gehörte ich auch dazu. Wenn diese Leute in die Stadt kommen, gibt es immer eine Riesen-Aufregung und bei den Konzerten ist regelmäßig die Hölle los.

Ein Merkmal dieser Szene sind die anzüglichen Texte, die Performer wie Clarence Carter oder Marvin Sease singen. War das bei Ihnen auch so?

Nein, als ich im Southern Soul aktiv war, habe ich meine Worte immer sehr sorgfältig gewählt. Wenn’s mal um etwas riskantere Sachen ging, habe ich es so verpackt, dass es Kinder nicht verstanden hätten.

Damals haben Sie für ein überwiegend schwarzes Publikum gespielt.

Ja, stimmt.

Heute spielen Sie eher vor einem weißen Publikum. Wo liegt der Unterschied?

Da gibt es keinen. Eine gute Show ist eine gute Show.

Mitte der Neunziger ließen Sie den Southern Soul hinter sich und starteten eine neue Karriere im New Yorker Hipster-Milieu. Wie kam es zu dieser erstaunlichen Entwicklung?

Der Plattensammler Philippe Lehman hatte einige meiner alten Platten und setzte sich in den Kopf, etwas Neues mit mir aufzunehmen. Er hat mich über ein Musikarchiv kontaktiert. Eine Dame hat mich angerufen und gefragt, ob ich jener Lee Fields sei, der die und die Titel aufgenommen habe. Ich sagte, ja, der bin ich. Phil und Gabe hatten einen Song für mich, so ging es los. Die Platte erschien damals auf Desco, das ist die Keimzelle, aus der die Label Daptone und Truth & Soul entstanden.

Für die New Yorker Funkfans muss es doch toll gewesen sein, dass einer dieser sagenumwobenen Typen, dessen Singles sie gesammelt haben, nun vor ihnen steht – und es immer noch drauf hat!

Ich weiß nicht, wie sie das damals wahrgenommen haben. Was ich aber weiß: Heute, viele Jahre später, arbeiten wir immer noch zusammen.

Ein Grund für den Erfolg von Ihnen und Sharon Jones ist auch die tolle Hausband von Daptone und Truth & Soul, oder?

Ja, ohne Zweifel. Da spielen einige der besten Musiker, die heute aktiv sind. Man hört sie auf so vielen guten Platten. Als ich sie getroffen habe, waren sie noch Kids, jetzt sind sie altgediente Profis. Für mich ist es sehr leicht, mit ihnen zu arbeiten. Wir sind wie eine Familie.

Sind Könner wie Nick Movshon und Leon Michaels eigentlich mit dabei, wenn Sie im März nach Deutschland kommen?

Ja, in meiner Tourband spielen dieselben Typen wie auf meiner Platte.

Ihre Karriere hat einen sehr ungewöhnlichen Verlauf genommen, mit überraschenden Erfolgen in einem Alter, wo andere schon in Rente gehen –

– Ja, das ist wie ein Märchen. Denn eigentlich wollte ich nur ein paar gute Platten machen. All die tollen Dinge, die mir passiert sind, schätze ich sehr. Aber ich weiß, dass ich auch weiterhin alles geben muss, wenn wir Platten aufnehmen. Darum geht’s.

Zum Abschluss möchte ich den Wunsch äußern, dass Ihre alten Songs aus den Siebzigern endlich auf CD wiederveröffentlicht werden. Wirklich schade, dass diese Tracks immer noch schwer zu bekommen sind!

Es gibt wohl Pläne, so etwas bei Truth & Soul zu machen. Momentan interessiert uns allerdings nur die neue CD Faithful Man.

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