Gestern ist John Martyn gestorben, und ich habe zu seinen Ehren das Album One World aufgelegt, das er 1977 veröffentlicht hat. Martyn war zu dieser Zeit als einer der besten Gitarristen der britischen Folkszene bekannt und hatte sich auch als Singer-Songwriter einen Namen gemacht. Dann kam Punk: Eine akustische Gitarre behände zu zupfen, wirkte auf einmal ziemlich altmodisch. Die meisten seiner Zeitgenossen versuchten, die Zeitenwende zu ignorieren, nicht so Martyn: Mit One World nahm die Herausforderung an.
Damals war er bei Island Records unter Vertrag; mit Island-Boss Chris Blackwell fuhr er um 1976 nach Jamaika. Blackwell brachte Martyn mit Lee “Scratch” Perry zusammen, und so fand sich der englische Songwriter auf einmal in den Black-Ark-Studios wieder, dem Geburtsort des Dub und einer der großen mythischen Adressen der Popmusik. “Chris took me down to Scratch’s house, the Black Ark”, hat Martyn erzählt. “Chris had said that Scratch and I were using essentially the same recording techniques and we should meet. I was using rhythm boxes and Echoplex, and my man Scratch was into the same effect, a dub thing, man.”
Das Album One World wurde dann zwar in England aufgenommen, war jedoch stark von Jamaika beeinflusst: Es dominieren dubbige Bässe und verhallte Gitarren; selbst Martyns etwas zäher, murmelnder Gesang klingt wie verfremdet. Beim Stück “Big Muff” ist Lee Perry als Ko-Autor angegeben, und “Small Hours”, das letzte Stück des Albums, ist ein achtminütiges Klangexperiment, bei dem Martyns Gitarreneffekte durch die Luft schweben wie ein Schwarm Vögel. Hier eine großartige Live-Aufnahme des Stücks aus dem Jahr 1978:
Martyn hat es nicht leicht gehabt im Leben, doch auch sein Alkoholismus und mangelnder kommerzieller Erfolg hinderten ihn nicht daran, seiner musikalischen Vision nachzugehen. Er war mit Nick Drake befreundet, hat mit Steve Winwood, Eric Clapton und David Gilmour zusammengespielt. Phil Collins, 1981 Produzent von Martyns exzellentem Album Glorious Fools, hat sich zum Tod des Sängers so geäußert: “John’s passing is terribly, terribly sad. I had worked with and known him since the late 1970s and he was a great friend. He was uncompromising, which made him infuriating to some people, but he was unique and we’ll never see the likes of him again.”
Bereits 2003 war ihm ein Bein amputiert worden, gestern wurde auf seiner Website sein Tod bekannt gegeben.
John Martyns Album “One World” ist als Deluxe-Edition mit Outtakes und Live-Versionen erhältlich. (Island/Universal)
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